Renate Neumann

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Renate Neumann:
Das wilde Schreiben.
Graffiti, Sprüche und Zeichen am Rand der Straßen.
Die Blaue Eule, Essen 1991

 

Jede wissenschaftliche Untersuchung schiebt die Ränder dessen, was als Gebiet der Wissenschaft betrachtet werden kann, weiter hinaus.

Die Gesamtheit aller wissenschaftlichen Forschungen besetzt dieses Gebiet, steckt es ab, lotet es aus und klettert auf seine Felsen und Bäume. Jede einzelne Arbeit kann aber nur dann für sich in Anspruch nehmen, etwas Bemerkenswertes beizusteuern, wenn die Tätigkeit der Untersuchung darüber hinausgeht, immer dieselben Bäume hinauf- und hinunter zu klettern. Auf der anderen Seite wird es wohl schwierig, wenn der Gegenstand so weit außerhalb der schon abgesteckten Landmarken des abgegrasten wissenschaftlichen Gebietes liegt, dass auch ein langer Enterhaken nur mit Mühe von dort aus heranreicht ...

Graffiti sind, kursorisch gesprochen, Liniengebilde. Danach sind sie Satzzeichen, Symbole und Buchstabenversuche ...

Die Graffiti sind individuelle Spur und zugleich kollektives Ereignis ...

Vielleicht sind die Graffiti nicht so kategorisch illegal, wie sie als unliebsam angesehen werden ...

Die Graffiti sind Indikatoren von Konflikten, Forderungen und Auseinandersetzungen an den Litfaßsäulen der Subkultur. Sie sind Farbtupfer und Aufreißer, Sympathieerklärung und Polemik der Straße, verstreute Schrift.