Renate Neumann

Ausgewählte Presse-Artikel

Florence Hervé über Renate Neumann
in: Wir Frauen 2/1994

Sophia Willems: Mit der Sprache auf Reisen aus dem Koffer
Posthume Lesung aus Texten der Schriftstellerin Renate Neumann, in: Westdeutsche Zeitung, 26.5.1994


Florence Hervé
über Renate Neumann
in: Wir Frauen 2/1994

Liebe Frauen,

Ende April: wir trauern um eine Mitarbeiterin unserer Zeitschrift und des Kalenders WIR FRAUEN. Um eine Dichterin und Rebellin. Um meine Freundin Renate Neumann.

Renate mit den schwarzen Augen und dem schwarzen Haar. Renate, die mir an einem grauen März-Nachmittag ihren Text 'Der Waffenwurm' beim Pommes Essen in die Hände gedrückt hatte - für den 95' Kalender - "Der eingeschlechtliche Waffenwurm, der in Spinden, und Tresoren" haust und "mir immer den Kajal, meine weibliche Waffe, wegfressen will." Wir hatten so gelacht und gesponnen an diesem regnerischen Tag. Renate, die Anfang Februar zu ihrem 40. das geschenkte Weiberlexikon innerhalb weniger Lesestunden ohne Pause 'hinunterschluckte'

Renate, die unbequeme, die die Wahrheit wissen wollte - Cassandra, zu klug für diese Welt, die Suchende, die Sehnsüchtige, und die Absolute. (...)
Renate, die das Absurde und das Wundersame in die Realität zurückholte und sich dabei die Flügel verbrannte. "Mein Schreiben bewegt sich zwischen Warnsinn und Wahrsinn", sagte Renate.

Renate, die dem Rechtsextremismus mit der Feder, mit der Sprühdose und mit ihrer eigenen Person mutig begegnete. Oft allein. Die jegliche Verfolgung von Menschen anklagte und den Judenstern auf ihrer Bluse trug.
Renate, die Querdenkerin, die an den 'Selbstmord' der Ulrike Meinhof erinnerte: ..."aber das ist schon lange her und die Erinnerung zieht, wenn sie zu genau wird, vielleicht doch Schlimmes nach sich, so wie das genaue Gefühl, doch lieber mitzumachen, mitzureden und mitzufunktionieren, bevor man in seiner Wohnung überfallen und dann plötzlich doch selbst umgebracht wird. Wer das tut? Ach die Mörder und die Massenmörder, die tun das eben..."

Ein banaler Frauenmord, ein grausiger. (...)
"Ordentlich wird abgewickelt, Tod inbegriffen," hätte Renate ironisiert. Wie sie über den Tod von Gert Bastian und Petra Kelly geschrieben hatte. "Denn das Monopol der Wahrheit zu besitzen, wäre doch so einsam, dass der Tod dem auf dem Fuße folgen würde."

Renate meine Freundin ist tot. Ermordet.
Ein 'gewöhnlicher' Mord. Eine unwürdige Welt für meine außergewöhnliche Freundin.

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Sophia Willems
Mit der Sprache auf Reisen aus dem Koffer
Posthume Lesung aus Texten der Schriftstellerin Renate Neumann,
in: Westdeutsche Zeitung, 26.5.1994

Schriftsteller von einzigartiger Persönlichkeit hinterlassen stets eine Aura der Verstörung. Zu Lebzeiten bleiben sie deshalb oft einsam. Sind sie aber erst einmal tot und ist eine Beeinträchtigung nicht mehr zu befürchten - dann entdeckt sie auch ein Literaturbüro: Es lädt zur Lesung.

Doch Zorn ist müßig. Dass ein jeder es sich lieber leichter als schwer macht, zählt zu den Unabänderlichkeiten fast - jeder menschlichen Natur. Es sich und anderen schwer zu machen, lag in Renates Natur. Die Präsenz dieser Renitenz, die ihre Literatur über ihren gewaltsamen Tod hinaus bewahren wird, war am Dienstag sogar noch zu spüren.
Am eindringlichsten vermittelte dies Florence Hervé, als sie jenen Ausschnitt aus Neumanns Erzählung "Die Geisha/Durch die Nacht der Tage" las. Im schnellen Sprachduktus Hervés leuchtete sie auf die Neumannsche Glut, die subversive List und Lust an der Uminterpretation der Wirklichkeit durch eine atemlos wuchernde Sprache - schon das nächste Wort bringt das Vorausgegangene zum Einsturz, überführt die Wirklichkeit der Lüge. Alles scheint nur, wie es ist. (...)

Die phantastische Erzählung "Reise aus dem Koffer" lässt erahnen, warum bequemer Plausibilität allemal der Balanceakt zwischen Traum und Wirklichkeit vorzuziehen ist: Fragwürdig, ja unmaßgeblich wird da die so genannte Wirklichkeit, wenn es genügt, die Welt auszuschließen, um sie herauszuholen. Ein Leben aus dem Koffer in der Mitte ihres Raumes führten ja alle großen Dichter, die hermetischen zumal. Über ihre Kunstwerke sagte Adorno, dass gerade der Rätselcharakter ihren Kunstcharakter begründe. Dieser lässt sich weder domestizieren noch heimführen in den Schoß einer Ideologie. Auch dies war hier zu lernen.

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Weitere Pressetexte im Frauenarchiv der HHU Düsseldorf