[zurück]

9.1 Die bisherigenOrientierungspunkte: Resumee

Fundamentalistische Weltauffassungen, seien sie nun religiöser oder profaner Art, füllen

das allgemeine Muster ‘absolute’ Wahrheit unbezweifelbare Dogmenkompromißlose Umsetzung (umfassender politischer Gestaltungswille) mit inhaltlich bestimmten Annahmen, die im jeweiligen sozio-kulturellen Kontext naheliegen. Beim Aufbau einer profanen Alternative zur fundamentalistischen Denkform und damit zu allen Fundamentalismen geht es zunächst einmal darum, ein alternatives allgemeines Muster zu erlangen, das zu nicht-fundamentalistischen Weltauffassungen führt.

Dieses alternative Muster haben wir bereits gewonnen. Ich fasse die Hauptpunkte noch einmal zusammen. Jedes Überzeugungssystem beruht auf Annahmen, die einerseits das Weltbild und andererseits die Handlungs- und Lebensorientierung betreffen. Während Fundamentalisten die jeweiligen ‘fundamentalen’ Annahmen – explizit oder implizit – als ‘absolute’ Wahrheiten und unbezweifelbare Dogmen behandeln, wobei sie natürlich nicht auch diese Terminologie wählen müssen, haben sie für die Position profaner Vernunft einen grundsätzlich anderen Status. Hier gilt: Es handelt sich gerade nicht um ‘absolute’ Wahrheiten und unbezweifelbare Dogmen, sondern eben nur um ... ‘fundamentale’ Annahmen, die für das jeweilige Überzeugungssystems grundlegend sind. Wir ‘arbeiten’ auf allen Ebenen mit Annahmen, die keiner letzten Begründung durch Rekurs auf eine ‘absolute’ Wahrheit fähig sind.

Aus dieser Auffassung ergibt sich auch, dass es als grundsätzlich verfehlt anzusehen ist, wenn bestimmten Annahmen der Status eines unbezweifelbaren Dogmas zugeschrieben wird. Dieses Vorgehen erscheint als logisch willkürliche Massnahme, deren Hauptfunktion darin besteht, eine Annahme, die im Prinzip prüfbar und kritisierbar ist, gegen derartige Massnahmen abzuschotten.

Zwar liegt beim Vertreter profaner Vernunft, wie beim Fundamentalisten, ein subjektives Überzeugtsein vor, aber von diesem wird gerade nicht direkt zum Anspruch auf objektive und ‘absolute’ Wahrheit übergegangen. Das Überzeugtsein kann fest sein, aber es ist nie felsenfest, denn es wird immer mit der Möglichkeit gerechnet, dass es ‘fundamentale’ Annahmen geben könnte, die in dieser oder jener Hinsicht noch ‘besser’ sind.

Die Position profaner Vernunft behandelt Annahmen als das, was sie sind, als Annahmen, und Annahmen im Weltbild- wie im Orientierungsbereich sind möglicherweise ‘verbesserbar’. Für die eigenen ‘fundamentalen’ Annahmen wird also grundsätzlich niemals der Status der ‘absoluten’ Wahrheit und des unbezweifelbaren Dogmas beansprucht.

Daraus ergibt sich nun die Alternative zum Element kompromißlose Umsetzung. Dem vermeintlichen Besitz einer ‘absoluten’ Wahrheit irgendwelcher Art korrespondiert eine Haltung, die kompromißlos ganz auf die Umsetzung der ‘großen Wahrheit’ ausgerichtet ist. Die Position profaner Vernunft kennt einen solchen Wahrheitsbesitz nicht, sondern rechnet nur mit festen Überzeugungen, die aber grundsätzlich kritisierbar und revidierbar sind. Dieser den Status der eigenen Grundannahmen relativierenden Haltung korrespondiert die konsequente, aber im Prinzip kompromißbereite Umsetzung der eigenen Überzeugungen. Den Andersdenkenden und Anderslebenden wird hier grundsätzlich zugebilligt, dass die Annahmen, denen sie folgen, unseren eigenen in dieser oder jener Hinsicht überlegen sein könnten. Dieses Zugeständnis ist Ausdruck grundsätzlicher Lern- und auch Kompromißbereitschaft, und in ihrem Licht erscheint die fundamentalistische Kompromißlosigkeit als eine Scheuklappen-Mentalität.

Beim politisierten Fundamentalismus kommt das Element umfassender politischer Gestaltungswille hinzu. Dem vermeintlichen Besitz einer politisch relevanten ‘absoluten’ Wahrheit korrespondiert die Haltung des ‘Wahrheitspolitikers’, der den ins Auge gefassten politischen Raum ‘total’ im Sinne der ‘großen Wahrheit’ gestalten will. Die Position profaner Vernunft geht demgegenüber davon aus, dass es eine solche politisch relevante ‘absolute’ Wahrheit nicht gibt oder dass sie zumindest nicht erkennbar ist. Daher kann sie Politik grundsätzlich nicht als ‘Wahrheitspolitik’ betreiben, d.h. die ‘totale’ Formung der Gesellschaft gemäß der eigenen Weltanschauung wird gar nicht angestrebt. Die Ausrichtung auf konsequente, aber im Prinzip kompromißbereite Umsetzung der eigenen Überzeugungen bestimmt das Verhalten im politischen Raum, und sie ist verbunden mit der Bejahung der Weltanschauungs-Pluralität, insbesondere auch ihrer politischen Konsequenzen. Für den, der im Besitz einer ‘absoluten’ Wahrheit zu sein glaubt, liegt hingegen die Verneinung des Weltanschauungs-Pluralismus nahe.

Das dargelegte allgemeine Muster, das zu nicht-fundamentalistischen Weltauffassungen führt, lässt sich noch weiter ausdifferenzieren. So ergibt sich aus der zentralen Überzeugung, über eine ‘absolute’ Wahrheit zu verfügen, dass an der jeweiligen ‘absoluten’ Wahrheit um jeden Preis festgehalten werden muss; daher sind alle Ideen, z.B. alle Philosophien und wissenschaftlichen Theorien, welche für die ‘große Wahrheit’ bedrohlich sind oder sein könnten, zu verwerfen. Das alternative Muster ist hingegen mit der grundsätzlichen Offenheit gegenüber anderen Ideen sowie mit der Bereitschaft verbunden, die eigenen Grundannahmen zu überprüfen, wenn sie z.B. in Konflikt mit gut bestätigten wissenschaftlichen Forschungsergebnissen geraten. Für die Position profaner Vernunft gibt es keine unumstößlichen Wahrheiten, und daher gelangt sie auch nicht zur apriorischen Ablehnung aller damit in Konflikt stehenden Auffassungen. Die Haltung ‘Ich bin im Besitz der Wahrheit, die unumstößlich ist; alles, was mit ihr in Konflikt gerät, muß daher falsch sein’ ist ihr völlig fremd.

Die fundamentalistische Denkform neigt zu einer ‘Dämonisierung’ der Gegner, die leicht als bösartige Feinde erscheinen. Das ergibt sich aus dem Glauben, eine ‘absolute’ Wahrheit zu besitzen, die ‘offensichtlich’ ist; der Andersdenkende wird dann zu einem Leugner der ‘großen Wahrheit’. Für die Position profaner Vernunft hingegen gibt es zwar weltanschauliche Gegnerschaften, mit denen konkrete Gegnerschaften in allen Lebensbereichen zusammenhängen. Die Gegner werden hier aber nicht zu Feinden, und insbesondere wird nicht angenommen, dass sie mit einer metaphysisch negativen Macht im Bunde stehen.

Der Vertreter profaner Vernunft führt, weil es für ihn keine ‘große Wahrheit’ gibt, auch die Krise einer Kultur niemals auf die Abkehr von der ‘großen Wahrheit’ zurück, wohingegen die Abkehr von bewährten Grundannahmen in seinen Erklärungen durchaus eine Rolle spielen kann.

Der insbesondere im Kontext des religiösen Fundamentalismus häufig auftretende Anti-Intellektualismus wird von der Position profaner Vernunft, die sich ja stark am ‘weltlichen’ Erfahrungswissen orientiert, abgelehnt. Das bedeutet jedoch nicht, dass man ein Intellektueller sein muss, um diese Position vertreten zu können.

Während Fundamentalisten häufig einen ‘Schutz’ vor der Konfrontation mit Inhalten anstreben, die von ihrer eigenen Weltanschauung stark abweichen, sind Vertreter profaner Vernunft bestrebt, andere Ideologien(+) kennenzulernen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und gegebenenfalls von ihnen zu profitieren. Ein genereller Schutz vor abweichenden Lehrinhalten würden den Prinzipien offener Profanität widersprechen.

Der politisierte religiöse Fundamentalismus ist häufig mit einer ‘messianischen’ Sicht der Geschichte verbunden, welche die definitive Erlösung aus bestimmten weltlich-politischen Prozessen hervorgehen lässt. Als Aufgabe der ‘wahren’ Gläubigen wird es betrachtet, diese Prozesse aktiv voranzutreiben. Der Glaube, eine definitive Erlösung sei möglich, hängt mit dem Glauben an eine ‘absolute’ Wahrheit zusammen. Die Position profaner Vernunft kennt keine ‘absolute’ Wahrheit, und die definitive Erlösung ist für sie eine zu große Verheißung, die mit dem Hyperutopismus zusammenhängt. Den Anhängern dieser Weltauffassung wird daher niemals die Aufgabe zugeschrieben, Prozesse aktiv voranzutreiben, die angeblich zu einer defintiven Erlösung führen. Und sie begreifen sich niemals als in der entscheidenden Epoche der Erlösung lebend.

Der politisierte religiöse Fundamentalismus (RF 2) nimmt manchmal an, es habe in der "Ursprungszeit" einmal eine ‘intakte’ gesellschaftliche Ordnung gegeben, die mit dem göttlichen Willen im Einklang gestanden habe, und diese Ordnung gelte es – nach der langen Zeit der Entfernung und ‘Entfremdung’ vom göttlichen Willen – wiederherzustellen. Die Position profaner Vernunft lehnt derartige ‘Entfremdungstheorien’ mit politisch-gesellschaftlichen Implikationen grundsätzlich ab; sie werden hier für Rückprojektionen der jeweiligen Werte und Ideale gehalten. Eine Rückbesinnung auf frühere Phasen der Geschichte, die im Hinblick auf in der Gegenwart zu lösende Probleme einen partiellen Vorbildcharakter gewinnen, ist jedoch möglich; sie wird aber von der illusionären Rückversicherung grundsätzlich unterschieden.

Für den politisierten religiösen Fundamentalismus ist das Ziel der auf den wahren Geist der jeweiligen Religion gegründeten sozialen Umgestaltung charakteristisch. Dazu gehört die Beendigung des Parteienwesens, die Reform des Rechts im Sinn des ‘wahren Glaubens’, die Förderung des Geistes der ‘wahren Religion’ in den Ämtern der Regierung, die Verwendung der Medien im Sinne des ‘wahren Glaubens’, die Bestrafung derer, die gegen die ‘wahren’ Lehren verstoßen haben usw. Kurzum, das soziale Leben soll möglichst vollständig gemäß den eigenen religiösen Überzeugungen gestaltet werden. Die gesamte Gesellschaft wird auf eine bestimmte religiöse ‘Wahrheit’ verpflichtet.

Unsere Weltauffassung läuft in allen Punkten auf eine Gegenposition hinaus: Keine Verpflichtung der gesamten Gesellschaft – des Rechts, der Medien usw. – auf eine bestimmte Weltanschauung, und die pluralistische Grundeinstellung führt zur Bejahung des Parteienwesens.

Vergleichbare Gegenpositionen beziehen wir hinsichtlich des profanen Fundamentalismus, wie er z.B. in sozialen bzw. politischen Bewegungen wie Sozialismus, Kommunismus, Anarchismus, Liberalismus, Konservatismus, Faschismus, aber auch Feminismus und ‘Ökologismus’ auftreten kann.

Grundsätzlich wendet sich die Position profaner Vernunft gegen jeglichen unmittelbaren Übergang vom subjektiven Überzeugtsein zur objektiven bzw. absoluten Wahrheit. Die Denkform des religiösen Fundamentalismus stellt sich somit als eine ‘Illusionsmaschine’ dar, in die beliebige religiöse Annahmen und das subjektive Überzeugtsein von ihnen hineingegeben werden können, um am Ende als ‘absolute’ Wahrheiten, die nicht bezweifelt werden dürfen, gewissermaßen vergoldet herauszukommen.

Lässt man den logischen Gewaltstreich des unmittelbaren Übergangs vom subjektiven Überzeugtsein zur objektiven Wahrheit zu, so kann man im Prinzip jede beliebige religiöse Annahme in ein unbezweifelbares Dogma verwandeln. Diese Kritik gilt auch für den profanen Fundamentalismus. Insbesondere wenden wir uns gegen alle Auffassungen, die das ‘gute Gefühl’ im Zusammenhang mit einer Annahme gewissermaßen als Wahrheitsgarant ansehen.

Für die Position profaner Vernunft gibt es so etwas wie ein ‘Menschenrecht’ auf Zweifel und Kritik. Fundamentalistische Weltauffassungen laufen aber in den entscheidenden Punkten auf ein Zweifel- und Kritik-Verbot hinaus, auf eine Preisgabe kritischen profanen Denkens. Zweifel und Kritik werden von uns hingegen grundsätzlich geschätzt.

Die Position profaner Vernunft lehnt vor allem den politisierten Fundamentalismus (RF 2, PF 2) wegen seiner Konsequenzen für Andersdenkende ab. Dort, wo Gläubige religiöser oder profaner Art im Sinn des RF 1 oder PF 1 eine ‘Gemeinde’ Gleichgesinnter bilden, die strikt nach ihren Überzeugungen leben, bezieht sich die Abgrenzung letztlich auf den Punkt ‘Für mich wäre das nichts’, ‘Ich könnte einer solchen Weltauffassung nicht folgen und mich mit der zugehörigen Lebensform nicht arrangieren’.

Die Position profaner Vernunft bejaht grundsätzlich den "Geist der Aufklärung" und auch die von diesem Geist getragenen Modernisierungen. Festgehalten wird an der Grundidee, "durch Verbreitung von Wissenschaft und wirtschaftlichem Fortschritt, von Information und Bildung, von Demokratie und Menschenrechten das Leben der Menschen zu erleichtern und vor Willkür zu schützen".

Zur Position profaner Vernunft gehört auch die Hochschätzung des "Selbstdenkens und Selbsthandelns", der "Selbstbestimmung", des "selbstverantworteten Lebensentwurfs"; die Chance dazu wird durch die Problematisierung und teilweise auch Auflösung eingespielter Traditionen erhöht – deswegen werden diese Prozesse grundsätzlich bejaht (was wiederum mit der Kritik an bestimmten‘Auflösungen’ vereinbar ist).

Wir glauben nicht an die Realisierbarkeit der ‘großen Utopie’, und das bedeutet auch, dass die ‘negativen Seiten’ der Aufklärungs- und Modernisierungsprozesse nicht mehr als bloßes "Zwischenspiel" abgetan werden können, sondern dass wir sie als Dauerprobleme akzeptieren müssen, was jedoch Teil-Lösungen dieser Probleme nicht ausschließt.

Das Programm von Aufklärung und Modernisierung bedarf immer wieder der Überarbeitung und Aktualisierung, insbesondere im Sinn einer Abkehr von den ‘großen Verheißungen’. Zu einer generellen Anklage gegen die moderne Vernunft sehen wir jedoch keinen Anlass.

Aufklärungs- und Modernisierungsprozesse erhöhen einerseits Freiheitschancen, andererseits lösen sie traditionelle Formen von "Halt, Geborgenheit, Orientierung oder Tröstung" tendenziell auf. Dadurch wird immer wieder die Neigung begünstigt, entweder zu ‘alten’ "Gewißheiten und Tröstungen" zurückzukehren oder ‘neue’ "Gewißheiten und Tröstungen" zu entwickeln, die zwar "machtvolle Bedürfnisse" befriedigen, aber einer Kritik im Sinn "aufgeklärter Vernunft" nicht standhalten. Dieser "Versuchung zum fundamentalistischen Rückfall" in eine vorgeblich unerschütterliche Wahrheit gilt es zu widerstehen.Wir wollen keine ‘absolute’ Sicherheit und Geschlossenheit, denn diese ist nur durch eine "willkürliche Abschließungsbewegung" erreichbar.

Wir lehnen das Konzept der unmittelbaren Einheit von Politik und Religion ab. Selbst wenn eine ‘absolute’ Wahrheit religiöser oder profaner Art ‘existieren’ sollte, können wir mit den Mitteln profaner Vernunft nicht definitiv erkennen, wie sie beschaffen ist. Solange aber nicht auf kognitiv relevante Weise zwischen den ganz unterschiedlichen Angeboten vermeintlich ‘absoluter’ Wahrheiten entschieden werden kann, sollte man darauf verzichten, eine ‘radikale’ und – vor allem für die ‘Andersgläubigen’ – folgenreiche Politik zu betreiben, die sich auf eine solche Position stützt.

Aus der Position profaner Vernunft ergibt sich eine grundsätzliche Bejahung der "Grundlagen und Praxis von Demokratie und Menschenrechten". Pluralismus und Demokratie sind ‘natürliche’ Gegner jedes politisierten Fundamentalismus. Wer nicht bereit ist, z.B. demokratische Prinzipien im Konfliktfall für die ‘politische Wahrheit’ zu opfern, muss als verblendet gelten (und entsprechend behandelt werden). Der politische ‘Absolutist’ betrachtet die politischen Gegner mit Vorliebe als solche Menschen, die eigentlich in der Lage sein müssten, die ‘Wahrheit’ zu erkennen, dies aber aus ‘Verstocktheit’ und dergleichen nicht leisten können oder wollen; das aber legt nahe, die Gegner zu bestrafen bzw. zu therapieren, wenn sie nicht ‘einsichtig’ sind.

Da die Erkenntnis einer ‘absoluten’ Wahrheit bislang nicht gelungen und wahrscheinlich auch nicht möglich ist, ist die nicht-absolutistische Demokratie vorzuziehen, die einen Wettstreit konkurrierender politischer Angebote zulässt und das Fortbestehen dieses Wettstreits sichert.

Die Position profaner Vernunft gibt nicht nur eine spezifische "Orientierung", sie gibt auch "Halt",aber dieser Halt ist anderer Art als z.B. der durch religiöse Weltauffassungen vermittelte; es handelt sich vor allem nicht um einen Halt, der aus einer ‘absoluten’ Instanz abgeleitet ist.

Die profane Vernunft löst nur diejenigen Formen von Halt, Geborgenheit, Orientierung und Tröstung auf, die auf Annahmen beruhen, die ihr als illusionär gelten, z.B. auf Konstruktionen eines ‘besseren’ Jenseits. Die Kritik richtet sich gegen "unbescheidene Verheißungen" auf dem Feld der Handlungs- und Lebensorientierung, und die ‘positive’ Kehrseite dieser Kritik ist die Entwicklung einer bescheideneren Orientierung, die sich z.B. darauf beschränkt, die mit den Prinzipien profaner Vernunft kompatiblen Halt- und Trostmöglichkeiten zu nutzen. Auch ein ‘profaner Mensch’ sucht etwa beim Verlust eines geliebten Menschen nach Trost, aber er weigert sich, beliebigen "tröstenden Fiktionen" schlicht zu glauben. Er widersteht der Versuchung, Postulate, die "machtvolle Bedürfnisse" befriedigen, aber der Kritik aufgeklärter Vernunft nicht standhalten, in Notsituationen ‘einfach so’ zu akzeptieren.

Eine den Prinzipien profaner Vernunft folgende Lebensorientierung ist bescheidener und erheblich kleiner gestrickt als konkurrierende Angebote, aber sie ist vollgültig und gibt eben nicht nur "hinhaltende Zwischenbescheide". Sie lässt den Fragenden nicht ohne Antwort, diese Antwort ist nur keine ‘große’ Antwort, die auf eine ‘höhere Macht’ religiöser oder profaner Art rekurriert. Verfehlt ist der Eindruck, nur fundamentalistische Positionen könnten dem nach Halt, Geborgenheit, Orientierung oder Tröstung Fragenden eine Antwort geben.

Ein profanes Orientierungs-’System’ kann ferner dazu verwendet werden, bei Menschen eine spezifische Form von "Ich-Stärke, Orientierungssicherheit und Selbstgewißheit" zu entwickeln.

große Wende helfen kann’. Eine solche Diagnose fordert geradezu dazu auf, das ‘Spiel’ im fundamentalistischen Sinn fortzusetzen: ‘Die große Wende kann erfolgen, wenn wir uns auf die große Wahrheit (zurück)besinnen’, wie diese auch im einzelnen gedacht sein mag.

Die Position profaner Vernunft bestreitet nicht, dass es Situationen geben kann, in denen nur noch eine grosse Wende zu helfen vermag, aber sie besteht darauf, dass entsprechende Diagnosen nicht ohne kritische Prüfung akzeptiert werden sollten. Und bei solchen Prüfungen stellt sich dann häufig heraus, dass die Diagnose erstens stark ‘dramatisiert’ ist und dass sie zweitens bereits von der fundamentalistischen Denkform gesteuert ist, die dann im nächsten Schritt den ‘radikalen’ Therapievorschlag unterbreitet. So kann z.B. ein gravierendes soziales Problem als nur durch eine große Revolution lösbar dargestellt werden, obwohl tatsächlich Möglichkeiten sozialreformerischen Eingriffs bestehen, die allerdings in der Diagnose systematisch unterschlagen werden. Wer an die dramatisierende Diagnose glaubt, ist damit schon zumindest halb für die fundamentalistische Therapie gewonnen.

Unser Wertsystem, in dem Individualität und Individuation einen hohen Rang einnehmen, steht grundsätzlich quer zu autoritär-hierarchischen Organisationsstrukturen und zur Einforderung einer absoluten Hingabe an die Gemeinschaft, wie sie für viele Fundamentalismen charakteristisch ist.

Die Position profaner Vernunft grenzt sich von profanen Fundamentalismen ab, die z.B. zu wissen vorgeben, wie die wahre, d.h. im Einklang mit dem Wesen des Menschen stehende Gesellschaftsordnung aussieht. Dass es ein profanes Wissen ‘höherer’ Art gibt, ist nicht nachweisbar.

Die Position profaner Vernunft besteht im Gegenzug zu profanen Fundamentalismen auf einigen Unterscheidungen, z.B. der zwischen abstrakter und konkreter Utopie. Ist die vollkommene Verwirklichung der jeweiligen Werte aus empirischen Gründen nur teil- und annäherungsweise möglich, so streben wir nicht die direkte und volle Umsetzung der abstrakten Utopie an, sondern bemühen uns, sie in eine konkrete Utopie zu verwandeln, welche die ‘endlichen’ Möglichkeiten berücksichtigt.

Sofern der profane Fundamentalismus in die Utopieproblematik verstrickt ist (was jedoch nicht notwendigerweise der Fall ist), tendiert er zur Verwechslung von abstrakter und konkreter Utopie, d.h. eine abstrakte Utopie wird unmittelbar für realisierbar gehalten. Diesem übertriebenen Utopismus oder Hyperutopismus stelle ich den gemäßigten Utopismus gegenüber, der um den Unterschied beider Größen weiß. Das Gefährliche am Hyperutopismus ist, dass die Bemühungen, die jeweilige abstrakte Utopie zu realisieren und damit einen ‘Himmel auf Erden’ zu schaffen, häufig in einer ‘Hölle auf Erden’ enden.

Der Hyperutopismus glaubt, Mittel und Wege angeben zu können, die tatsächlich zur ‘Vollendung’ führen. Diese Position ist – ‘rein’ vorgestellt – ein kompromißloser Maximalismus und Perfektionismus, der dem unerreichbaren Ideal das real Mögliche opfert. Aus der akzeptablen normativen Grundidee der positiv auf den Mitmenschen bezogenen Persönlichkeitsentfaltung wird so eine Praxis, welche ein rigides Herrschaftssystem etabliert, das eine ‘freie’ Persönlichkeitsentfaltung nicht zulässt.

Wir sind bestrebt, bei anderen und bei uns selbst Wert-Projektionen aufzudecken: die Projektion der eigenen Werte in das ‘Wesen des Menschen’, die zusätzliche Projektion in das ‘große Gesetz der Geschichte’ usw. Die Position der profanen Vernunft versucht, ohne solche illusionären Absicherungen und Verwirklichungsgarantien auszukommen, die zudem mit fragwürdigen Überlegenheitsansprüchen verbunden sind.

Die fundamentalistische ‘Wahrheitspolitik’ in ihren religiösen und profanen Formen mobilisiert, motiviert, begeistert stärker als jede nicht-fundamentalistische Politik. Auf der anderen Seite kann auch eine Position profaner Vernunft auf Motivation, Begeisterung, Mobilisierung, Selbstbewusstsein und Zuversicht nicht verzichten. Und das setzt große Ziele voraus. Als großes Ziel gilt jedoch nicht mehr das Erreichen eines (mehr oder weniger) vollkommenen Gesellschaftszustandes, denn hier werden Realisierbarkeitsprobleme ignoriert. Und als großes Ziel gilt auch nicht mehr die ‘totale’ Gestaltung einer Gesellschaft nach den Prinzipien einer bestimmten Weltanschauung. Was aber ist ein großes Ziel im Sinne der Prinzipien offener Profanität? Die möglichst weitgehende Umsetzung des Prinzips Individuation in sozialer Verantwortung – jenseits der Vollkommenheitsvisionen.

Für die Position profaner Vernunft ist nur ein "Enthusiasmus" akzeptabel, der sich nicht gegen jeden "Zweifel" abgedichtet hat, der sich vielmehr um Einklang mit "empirischen Tatsachen und Argumenten" bemüht. Der "Enthusiasmus" für überschwängliche bzw. totalitäre "große Ziele" ist demgegenüber gerade keine zu schützende Größe.

Für die Position profaner Vernunft ist als Lebensorientierung das Ideal charakteristisch, mit so wenig Vorurteilen wie möglich auszukommen, d.h. Ideologien(-) als solche zu erkennen und möglichst weitgehend zu überwinden. Wir sind also bestrebt, uns an einen ideologie(-)freien Lebensvollzug anzunähern.Ein wichtiges Element unserer Lebensorientierung ist also das Ideal eines kritischen und selbstkritischen Denkens (und Lebens). Wer dieses (alt-aufklärerische) Ideal anerkennt, wird sich bemühen, eigene und fremde Vorurteile zu erkennen und so weit wie möglich auszuschalten.

Wahrscheinlich können wir eine völlige Befreiung von Vorurteilen, Verblendungen, Illusionen gar nicht erreichen. Das ist jedoch nicht sonderlich schlimm oder gar tragisch, denn was wir auf jeden Fall können, ist, bestimmte Vorurteile und Verblendungen zu durchschauen und zu überwinden. Jede Überwindung eines bestimmten Vorurteils kann jedoch als eine Annäherung an das Ideal vorurteilsfreien Denkens und Lebens angesehen werden. Und jeder Schritt dieser Art, so klein er auch sein mag, sollte positiv bewertet werden – und nicht etwa im Licht des ‘reinen’ Ideals ‘totaler’ Vorurteilsfreiheit hyperutopistisch als marginal und unerheblich abgewertet werden. In dieser Dimension gilt vielmehr: Jeder Schritt, sei er auch so so klein, ist ‘erheblich’.


[zurück]