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4.4 Positionsbestimmung

Wer eine Kritik des Fundamentalismus vortragen will, sollte bereit sein, im Vorfeld folgende Frage – zumindest in grober Form – zu beantworten: Wie ist dein eigenes Überzeugungssystem, von dem aus du kritisierst, beschaffen?

Eine Art ‘Bekenntnis’ in diesen Dingen ist also angesagt. Ich bin Anhänger einer nicht-religiösen oder profanen Weltauffassung. Auf diesem Feld vertrete ich jedoch eine besondere Position, die von anderen profanen Überzeugungssystemen deutlich abweicht und nicht mit ihnen in einen Topf geworfen werden sollte.

Ausgangspunkt meiner Position ist zunächst einmal die generelle Hochschätzung profanen Wissens, zu dem ich sowohl das vorwissenschaftliche Erfahrungswissen als auch das wissenschaftliche Wissen zähle. Den wissenschaftlichen Wissensgewinn betrachte ich sozusagen als verlängerten Arm des vor- und nicht-wissenschaftlichen profanen Wissensgewinns.

Die von mir vertretene Weltauffassung ist zwar nicht-religiös und einer naturalistischen Ontologie verpflichtet, aber sie ist nicht anti-religiös, etwa im Sinne eines dogmatischen Atheismus. Das heißt konkret: Es wird nicht von vornherein bestritten, dass religiöse Weltbild- und Wertannahmen akzeptabel sein könnten, die tatsächliche Akzeptanz solcher Annahmen wird aber davon abhängig gemacht, dass sie einer kritischen Prüfung nach den Kriterien profaner Vernunft (so könnte man die Prüfungsinstanz nennen) standhalten.

Also: Innerhalb einer spezifischen profanen Weltauffassung, deren Konturen in den folgenden Arbeitsgängen noch deutlicher werden, soll eine Kritik sowohl des religiösen als auch des profanen Fundamentalismus formuliert werden.

Und welche Reichweite soll diese Kritik haben? Kritisiert werden kann: ein einzelner Fundamentalismus (religiöser bzw. profaner Art), eine Mehrzahl von Fundamentalismen, die allgemeine fundamentalistische Denkform.

Nach der verstehende Denkformanalyse liegt es nahe, die Fundamentalismuskritik im religiösen wie im profanen Sektor als Kritik an der allgemeinen Denkform aufzuziehen. Das hat zudem einen großen strategischen Vorteil. Denn durch eine solche Kritik wird jede Konkretisation der jeweiligen Denkform automatisch mitgetroffen. Andererseits ist immer gegenwärtig zu halten, dass sich jede derartige Kritik zwangsläufig auf der Ebene der weltanschaulichen Auseinandersetzung bewegt, auf der es keine allgemeine Akzeptanz gibt und geben kann. Die Kritik spricht zunächst einmal ‘nur’ aus, was aus der Sicht offener Profanität bestimmter Art an allen fundamentalistischen Denkweisen auszusetzen ist.


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