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2.3 Anwendung auf ‘moderne’ soziale Bewegungen

Soziale Bewegungen aller Art können sowohl von religiösen als auch von profanen Weltanschauungen ‘gespeist’ werden. Für beide Verbindungen gilt: Sie können, aber müssen nicht fundamentalistisch sein. Im folgenden vernachlässige ich die religiösen Varianten und konzentriere mich ganz auf die profanen. Also: soziale bzw. politische Bewegungen wie z.B. Sozialismus, Kommunismus, Anarchismus, Liberalismus, Konservatismus, Faschismus, aber auch Feminismus und ‘Ökologismus’ können eine Ausdifferenzierung erfahren, die es erlaubt, hier von einer Spielart des profanen Fundamentalismus zu sprechen. Während der Ausdruck ‘Fundamentalismus’ im Alltag und in den Medien häufig auf vage und unklare Weise gebraucht wird, verwende ich ihn in genau festgelegter Bedeutung. Demnach gilt:

(1) Eine soziale Bewegung kann dem PF 1 zugeordnet werden, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: erstens muss der Anspruch erhoben werden, die eigene Position sei in einer ‘letzten’ oder ‘absoluten’ profanen Wahrheit gegründet und aufgrund dessen allen konkurrierenden Positionen prinzipiell überlegen; zweitens müssen die jeweiligen Annahmen als Dogmen behandelt werden, an denen Kritik unzulässig ist; drittens muss eine Handlungsorientierung propagiert werden, welche die jeweilige ‘absolute’ Wahrheit kompromißlos umsetzt. Die Trias in Stichworten: ‘absoluter’ Wahrheitsanspruch – Dogmatisierung – kompromißlose Umsetzung.

(2) Um eine soziale Bewegung PF 2 zuordnen zu können, muss zusätzlich der Wille gegeben sein, die Gesellschaft umfassend gemäß den eigenen Überzeugungen zu gestalten.

Was ist nun unter einer ‘letzten’ oder ‘absoluten’ profanen Wahrheit zu verstehen? Gehen wir zum Kontrast von einem religiösen Fundamentalismus monotheistischer Prägung aus. In diesem Typ von Weltanschauung fungiert der eine Gott als ‘letzte Instanz’. Weltbildannahmen und Handlungsorienierungen werden unter Rückgriff auf diese ‘letzte Instanz’ eingeführt und gegebenenfalls begründet. Welche Größen können nun in profanen Fundamentalismen als ‘letzte Instanz’ dienen? Mehrere Größen sind dafür geeignet, z.B. das Naturrecht, das Wesen des Menschen, das Gesetz der Geschichte, das Grundgesetz der Natur.

Wohlgemerkt: es geht mir in diesen ersten Skizzen (noch) nicht um Kritik, sondern allein um verstehende Analyse. Und diese lässt als Denkmöglichkeit zu, dass es eine ‘absolute’ Instanz profaner Art tatsächlich geben könnte.


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