Eckhard Hammel

Intersubjektivität


"Der Philosoph in den Netzen der Sprache eingefangen" (NF VII 19, *463)

3. Kritik der Intersubjektivität

Verständlichkeit und Vereinheitlichung

Freud beschrieb im Rahmen der Analyse des "Ich" eine "intellektuelle Funktion", die sich durch "Vereinheitlichung, Zusammenhang und Verständlichkeit" auszeichnet. Folgend gilt es, diese Funktion in Bezug auf Nietzsches Theoreme einer näheren Untersuchung zu unterziehen. In intersubjektiven Zusammenhängen müssen die einzelnen Zeichen, die gemeinschaftlich ausgetauscht werden, dann, wenn sie für die anderen verstehbar sein sollen, allgemein verständlich sein. Das heißt: wenn mehrere Subjekte über einen Gegenstand kommunizieren wollen, dann kann dies nur geschehen, wenn ein Mindestmaß an Allgemeinheit zu Grunde liegt, das es erst möglich macht, daß die Beteiligten einander etwas sagen können. Bliebe einer im Bereich irgendwelcher Privat-Zeichen verhaftet, würden die anderen nicht wissen können, worum es ihm geht. Die Zeichen blieben unverständlich und eine Botschaft könnte nicht als "sinnvolle" erfaßt werden. Sprachliches Handeln ist also in dem Maße in dem es auf Anerkennung seitens anderer Individuen angewiesen ist, dem Kriterium der Verständlichkeit unterworfen. In diesem Sinne muß die Sprache der Mitteilbarkeit, als Bedingung der Möglichkeit konventionaler Verständigung, genügen. Diese muß das Individuelle, sowohl des Sprachsubjekts als auch des Sprachobjekts, subsummieren, um nicht durch radikale Besonderheiten den Kommunikationsakt zu gefährden. Die Subsummierung von Individualität oder Nicht-Identität trifft auf vernünftiges Denken und Sprechen gleichermaßen zu, da beide sich - als Äußerungsweisen eines Zeichensystems zwischen Menschen - der Möglichkeit der Begriffsbildung verdanken. So betrachtet verläuft die Ebene von Denken und Sprechen parallel zu der Mittelbarkeit selbst. Sie werden ermöglicht durch die verallgemeinernden, subsummierenden Begriffe, die "generalisieren, wo nicht generalisirt werden darf" (JGB V 118). Das bewußte Denken und Sprechen ist von diesem Prinzip der Begrifflichkeit, also des "Gleichsetzen des Nicht-Gleichen" (WL I 880) geprägt. Dieses Moment befindet sich schon im Umfeld des Moralischen. Das Bewußtsein, als "beabsichtigte" Kontrollfunktion und subjektiver Ermöglichungsgrund selbsttätigen, regelgeleiteten, sprachlich-gedanklichen Handelns, verdankte seine Entstehung einer "Mittheilungsbedürftigkeit" (FW III 590ff), die in Bezug auf "Verkehrs-Interessen" (NF XIII 67f) zwischen "Befehlenden und Gehorchenden" (ebd.) notwendig wurde. Wir werden unten darauf zurückkommen. Die Moral als Zwang, daß etwas so oder so sein soll, stellt das Grundmuster der Begriffsbildung dar. Auch die Begriffe bezeichnen etwas so, wie es sein soll, damit über ihre Intension und Extension kommuniziert werden kann. In der Regel gehen die Kommunikationspartner davon aus, daß der Opponent der Reden, den in Diskussion stehenden Begriff schon so verwendet, daß man erkennen wird, was er meint. Wenn die Partner auch verschiedener Ansicht sein können, was ein Gedicht ist, so werden sie doch davon ausgehen, daß sie eine ähnliche Vorstellung von dem Satzgegenstand haben, über den sie reden. Um ein anderes Beispiel zu wählen: Wenn zwei Kommunikationspartner über den Begriff "Gerechtigkeit" diskutieren, so werden beide voraussetzen, daß auch der andere, weicht auch seine Meinung noch so von der eigenen ab, eine Vorstellung davon hat, was den Begriff "Gerechtigkeit" auszeichnen sollte. Hier herrscht nach Nietzsche die immer wieder thematisierte "moralische Ontologie". Das Begriffsfeld Moral verweist auf die Vereinheitlichung, die im Kapitel "Subjekt" beschrieben wurde. "Vereinheitung" ist als Unterdrückung von individueller Abweichung, das praesuppositionierte Prinzip der Moral. (Adorno wird aus diesem Gedanken Nietzsches seine Negative Dialektik entwickeln.) Dies zeigt sich nicht zuletzt in den philosophischen Kategorien, die ebenfalls im Zusammenhang mit "Kant" angesprochen wurden. Sie sind die Fachbegriffe, die den philosophischen Diskurs beherrschen. An die Betrachtung der Kategorien, mit Hilfe derer ein Gegenstand "angesprochen" wird, muß sich eine allgemeinere Betrachtung der Begriffe überhaupt anschliessen.