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Intersubjektivität |
Begriff und Kategorie, Teil 2
Die Funktion des Exkurses besteht natürlich nicht darin, irgendwelche Gemeinsamkeiten zwischen Nietzsche und Saussure (und schließlich auch Freud) herbeiinterpretieren. Mir geht es im vorliegenden Themenfeld nur um jene gewisse Analogie der Beschreibungen, die ausreicht, beide gleichermaßen auf das Motiv, um das es hier geht, anzuwenden. Das Motiv, das hier diskutiert wird, ist das Verhältnis von Form (Bezeichnungsebene) und Inhalt (Bedeutungsebene), soweit man diese trennen kann. Schreibt man über eine Form als Bedingung möglicher Inhalte, so folgt daraus zunächst eine "prinzipiale" Äquivalenz von Inhalten, also bestimmten einzelnen Perspektiven, die im einzelnen nur jeweisl eine Interpretation unter vielen möglichen sind. Bedeutungsgeneration vollzieht sich nach dem Muster der Formstruktur dadurch, daß ein zunächst Bedeutungsloser Strom sich quantifiziert in signifikante Begrenzungen, die die Allheit zur Vielheit werden lassen und hierarchisch ordnen. Zum ersten ist anzumerken, daß dieser Prozeß nicht "tatsächlich" eingesehen werden kann. Wir handeln immer schon sprachlich, wenn wir über Sprache nachdenken, so läßt sich Sprache nicht von außen, in ihrer Entstehungsgeschichte, betrachten. Daraus folgt zum zweiten, daß es hier nur um eine Hypothese geht, wie es vielleicht sein könnte. "Form" ist hier nicht traditionell zu verstehen, im Sinne des göttlichen 'Vater-Geist'-Prinzips im Ausgang des klassischen und mittelalterlichen, religiösen Denkens. Sie ist weder die "Harmonie"., die den Zusammenhalt der Dinge gewährleistet, noch als Prinzip das, was die "Materie" in Raum und Zeit erst ermöglicht. Der Begriff "Form" dient hier dazu, die einzelnen Interpretationsperspektiven der Inhaltsebene, hinsichtlich ihres möglicherweise absoluten Wahrheitsanspruchs, zu relativieren und zu neutralisieren. Der Inhaltsebene kommt damit keine intelligible Priorität zu, die es zuliesse, eine mögliche Interpretation gegen eine andere auszuspielen. "Form" bezeichnet in diesem Sinne das, was "ewig wiederkehrt" in allen möglichen Interpretationen, insofern diese sich, um anerkannt werden zu können, allgemein darstellen müssen; sie unterliegen den Kriterien von "Vereinheitlichung, Zusammenhang und Verständlichkeit". Der Begriff "Anerkennung" kann hier nicht meinen, daß eine Interpretation dann erst so etwas wie Gültigkeit hat, wenn sie diesen Kriterien, denen sie gehorchen soll, auch tatsächlich entspricht. Dies würde bedeuten, den Begriff "Form" zur "Norm" zu erheben. Er meint nur, daß "Anerkennung" des Besonderen und Anderen dann erst sich vollziehen wird, wenn das Andere als andere mögliche Interpretation erkannt wird. In ihrer Ganzheit des Andersseins unterliegt sie dann jenen Kriterien: das Andere wird als Einheit im Zusammenhang mit anderen verständlich. Die Formstruktur "besteht" aus Formquanten. Diese Quanten, als signifikante, mögliche Bedeutungsträger sind distinktiv unterschieden und als Einzelelemente polyvalent oppositional von einander abgesetzt. (Innerhalb der Sprache lassen sich, wie die strukturale Linguistik zeigen konnte, solche signifikantiven Strukturmuster nachweisen. Die signifikantiven Quanten wären hier die Phoneme. Der Bedeutungsunterschied von "Tasche" und "Tische" käme demnach durch die Verschiedenheit der im deutschen Sprachbereich gültigen Phoneme ausgemacht. Die nicht aktualisierten Phoneme spielen dabei auch eine Rolle. Sie wirken auf die aktualisierten dadurch in absentia ein, daß ihre Wirklichkeit im augenblicklichen Vollzug ausgespart bleibt, und sie nur als Andeutung in die gemeinte Bedeutung einfließen können). Die Bedeutungsebene einzelner Zeichen ist, so verstanden, nur in Abhängigkeit von der Signifikantenebene denkbar. Nietzsche schreibt in dieser Weise vom Verhältnis der Moral als praktische Gewalt (Inskription), zu einzelnen bestimmten Ge- und Verboten, als Einzelbedeutungen. Das Bewußtsein, das sich der Inskriptionen der Genealogie der Moral verdankt, ist im Stande, sich verschiedene Bedeutungen vorzuführen. (Dies geschieht, wenn man sich verständlich machen will, in der Sprache, wenn man als Subjekt unter Subjekten anerkannt sein will, im Bereich des Rechts).
Insofern also eine Homologie der "Bedeutungskonstitution" auf allen Ebenen verläuft, kann behauptet werden: alle Bewußtseinstätigkeit, als semantische, folgt den Gesetzen der Sprache (sie stellt das Zeichensystem des Diskurses vor). Aber auch alle anderen "Organe", die Vorstellungen, ob klar oder dunkel, vorführen - dazu gehören die Affekte und Leidenschaften - folgen, als Bedeutungsvorstellungen, solchen Gesetzen. Deshalb sind wir, Nietzsche zufolge, auch immer eingebunden in moralische Handlungsweisen. Die sprachlichen Signifikanten, in ihrer Struktur, prägen die Begriffe, die Quanten des Willens zur Macht, in ihrer Struktur, prägen die Affekte der lebenden Organismen. Die Moral, als bestimmte Soll-Norm greift in den Prozeß der Strukturierung ein - mit Hilfe der Erzeugung von Furcht durch Gewalt. (Die Furcht steht, als a) existentiale Struktur des menschlichen Daseins (Angst), mit b) der Gewalt in einem Wechselverhältnis, da die Genealogie der Moral parallel zu der des menschlichen "Daseins" verläuft). Indem die Moral angibt, wie etwas zu sein, und wie es nicht zu sein habe, ermöglicht sie verstehbare Textgewebe - ein Begriff, der auch auf den Körper des Menschen angewandt werden kann (wie ich bereits ausgeführt habe). Es kann nun gefolgert werden, daß die Moral, als das Gebot: "So soll es sein", der eigentlichen individuellen Anarchie der Bedeutungen entgegensteht. Die Vielheit der Bedeutungen und des Bezeichenbaren korrespondiert mit der Nicht-Festgestelltheit des menschlichen Subjekts, wird aber ebenso wie das "Subjekt", im Bezug auf einen "jenseitigen" Maßstab, vereinheitet. Dieses, allem wechselnden, werdenden Geschehen entgegengestellte "Jenseits" allen Wandels ermöglicht es erst, die Welt als "So-sein-sollende" zu begreifen. Aus dem Wandel selbst lassen sich jedenfalls Einzelinterpretationen nicht als "die" eine Wahrheit ableiten. Sie sind immer "nur" Teil eines umgreifenderen Geschehens, das, wenn es semantisch erfasst werden will, sich als unendlich hinsichtlich seiner möglichen Deutungen und Interpretationen erweist.
Die Frage, die sich anschließt ist die, nach den Bedingungen und Darstellungsweisen der Bedeutungsgeneration und der Genealogie des Wissens. Dazu muß noch einmal Saussure zitiert werden. Seine Gedanken interessieren in Bezug auf Bedeutungsgeneration im Blickwinkel Nietzsches nur peripher. Sie waren nützlich, das von Bezeichnendem und Bezeichnetem, als ein beliebiges, zu erklären. Saussures Interesse ist aber, im Gegensatz zu Nietzsche, das, Sprache unter synchronischer Betrachtung wissenschaftlich zugänglich zu machen, indem sie als System mit möglichst wenigen, aber für die wissenschaftliche Linguistik um so bedeutungsvolleren Regeln, beschrieben wird. Die mit diesem Szientismus verbundene Verdinglichung sprachlicher Vollzugsmodi und die daraus folgende, am Begriff des Gesetzes orientierte Unterdrückung individueller Sprechtätigkeit (parole) und individueller Merkmale sprachlicher Zeichen, läßt klar werden, daß sich nur bestimmte termini dieser Theorie zur Explikation des vorliegenden Themas eignen. Daß deren Relevanz sich bei Saussure auf andere Geltungsbereiche erstreckt, bleibt unbestritten, wird hier aber trotzdem den Versuch, diese als willkommenes Instrument zur Einsicht in Problemfelder nutzbar zu machen, nicht hindern. In diesem Sinn sei hier darauf hingewiesen, daß Saussure zwei Ebenen der Bedeutungsgeneration unterscheidet: Kriterium der Möglichkeit sinnvollen, sprachlichen Handelns ist der (bei Saussure:) binären Struktur des Zeichens zufolge das Vorhandensein von mindestens zwei Zeichen, deren jeweiliger Wert sich aus dem oppositionalen Verhältnis ergibt, das sie innerhalb der zirkulativen Bewegung des sprachlichen Kontinuums darstellen.
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