Eckhard Hammel

Intersubjektivität


Begriff und Kategorie, Teil 1

Die erfinderische Kraft, welche nach Nietzsche Begriffe und Kategorien erdichtet hat, arbeitete im Dienst der Bedürfnisse nach Sicherheit, nach Abkürzungsmitteln und nach schneller Verständlichkeit mit Hilfe von Zeichen und Klängen: "- es handelte sich nicht um metaphysische Wahrheiten, bei `Substanz` `Subjekt` `Objekt` `Sein` `Werden`. - Die Mächtigen sind es, welche die Namen der Dinge zum Gesetz gemacht haben: und unter den Mächtigen sind es die größten Abstraktions-Künstler, die die Kategorien geschaffen haben" (NF XII 307, 142). Die Bedingung der Möglichkeit menschlicher Begriffsproduktion und ihre Anwendung liegen in der Macht. Das betrifft alle Bereiche der Vermittlung. Intersubjektivität bedeutet Macht über sich und den anderen; Wissenschaft und Philosophie bedeuten Macht der Menschen über sich und die Natur. Bei der Ausbildung der Begriffe kommt immer eine "Fälschung des Vielartigen und Unzählbaren zum Gleichen, Ähnlichen, Abählbaren" (NF XI 506) zur Geltung. Nietzsche glaubt soweit gehen zu können, "dass man sich erlauben sollte, den Ursprung der Sprache selbst als Machtäusserung der Herrschenden zu fassen: sie sagen `das ist das`, sie siegeln jegliches Ding und Geschehen mit einem Laute ab und nehmen es dadurch gleichsam in Besitz" (GM V 260). Die Begriffe sind demnach nicht die "Mitgift aus irgendwelcher Wunder-Welt" (NF XI 487), sondern "Erbgut aus Zeiten, (...) wo es in den Köpfen sehr dunkel und anspruchslos zuging" (NF XI 486). Wird dann in solche Begriffe ein symbolischer Sinn hineingedichtet (GM V 265), so vollzieht sich ein Prozeß, den Nietzsche mit Zivilisation und Kultur benennen würde: die Entstehung des Glaubens "an die Vernunft: diese aber ist die Philosophie der grauen Begriffe" (NF XII 193), von denen man vergaß, wie sie zustande kamen bzw. kommen. So wähnte man das Produzierte wie Selbstentstanden vorgefunden zu haben (MA II 30). Werde nun lange genug an die "wahre Welt" der Begriffe geglaubt, so glaube man bald "an die Begriffe und Namen der Dinge als an aeterna veritates" (ebd.). "Die `höchsten Begriffe`, das heisst die allgemeinsten, die leersten Begriffe" (GD VI 76) werden nunmehr als die ersten, "ursprünglichen gesetzt: Gott, Substanz, Monade usw. Da sie nicht zusammengesetzt sein sollen, müssen sie `causa sui`" (ebd.) sein - und umgekehrt. Die Reihe der Begriffe bis zum "höchsten" der Begriffe zeigt sich schließlich am augenfälligsten in Kategorien wie "ens realissimum", "Urmonade", "primum mobile" und ähnlichen. Das Bild des "porphyrianischen Baumes" wäre ein anschauliches Modell für diese Hierarchiestruktur. Der Universalitätsanspruch des "principium legis" okkupiert als Soll-Norm den Bereich des Nicht-Allgemeinen und wirkt "durch" das Medium der begrifflichen Sprache als Wahrheit."Begriff" - als zusammenfassende Abstraktion von individuellen Besonderheiten fort zu Klassen, verweist auf eine seiner basalen Praesuppositionen: die Kompressibilität der "Elemente", das heißt: Vereinfachung und Verallgemeinerung im Dienste systematisierender Konstrukte von totalistischem Sinn auf Kosten der individuellen Ganzheit seiner Funktionsträger. Der Begriff ist demnach "eine Erfindung, der nichts ganz entspricht". Gilt die Begriffswelt als die der "Wahrheit", so wird einsichtig, daß man "damit eine andere Welt als die des Lebens, der Natur und der Geschichte" bejaht (FW III 577). Bei Nietzsche ist diese Jenseits-Manie gebunden an die christliche Gesamtverfassung der abendländischen Kultur: "Der Idealist hat ganz wie der Priester alle grossen Begriffe in der Hand" (AC VI 17f).

Als Struktur abstrakter Entitäten, läuft der Mechanismus des Vergessens des Zustandekommens der Begriffe "hinter der Hand" (AC VI 203) und darüber hinaus nur unter der Setzung, "dass kein Wort wörtlich genommen wird" (ebd.). Dies ist "die Vorbedingung, um überhaupt reden zu können" (ebd.).

Der "Begriff" steht als Zeichen in Beziehung zu signifikanten Komplexen, dies nähert ihn über den Begriff "conceptus" dem Begriff des "Systems" (welches das Gegenteil zum Begriff "Leben" bedeuten kann, vgl. NF XII 450), als einem symmetrisierenden Sinnhorizont, der nur auf dem besagten Hintergrund des "Gleichsetzen des Nicht-Gleichen" (WL I 880) funktioniert. Dies gibt auch den Hintergrund der Funktionsweise praktischer Gesetze und Normen ab - Moral und Erkenntnis sind bei Nietzsche ja nicht weit voneinander entfernt -, die "sich an "Alle" wenden, weil sie (eben als Begriffe) generalisieren wo nicht generalisiert werden darf" (JGB V 118)

Mit dem Aufzeigen genealogischer Entwicklungsprozesse erst, wird die Möglichkeit geschaffen, im Sinne der "transzendentalen Dialektik" Kants, den Schein von ursprünglicher Allgemeinheit (und -verbindlichkeit) zu entlarven und ihn unter dem Kriterium der Nützlichkeit einem neuen Interpretationsraum zu öffnen. Die Frage nach der Nützlichkeit läßt sich nur mit Hilfe einer Antwort auf die Frage: für wen? beantworten. Antworten,die Religions- und Philosophiegeschichte betreffen, wurden bereits gegeben. Über dem System wacht das erste Gebot an's Individuum: "Du sollst nicht erkennen" (AC VI 227; FW III 582 f). So bilden die Begriffe "eine fortgesetzte Zeichen-Kette von immer neuen Interpretationen und Zurechtmachungen (...) deren Ursachen selbst unter sich nicht im Zusammenhang zu sein brauchen, vielmehr unter Umständen sich bloß zufällig hintereinander folgen und ablösen" (GM V 314). So fordert Nietzsche eine "semiotisch" (GM V 317) betriebene Analyse und Interpretation. Obwohl sich Nietzsche der Auffassung Kants anschließt, "irgend eine Metaphysik ist immer in der Welt gewesen, und wird auch wohl ferner (...) darin anzutreffen sein", geht es ihm darum das Zustandekommen von Bedeutung zu klären. In diesem Sinn ist der obige Begriff des Zusammenhangs zu verstehen, denn: "Ein einzelnes Urtheil ist niemals "wahr", niemals Erkenntniß, erst im Zusammenhang, in der Beziehung von vielen Urtheilen ergiebt sich eine Bürgschaft" (NF XII 265). Diese Wendung Nietzsches, die sich gegen Kant richten mag, besagt, daß wir Bedeutungen, von denen wir Wahrheit behaupten, in einem Kontext erfahren, der für die Beurteilung einzelner Urteile notwendig ist. Diese Logik des Zusammenhangs haben wir bereits im Kapitel zu Nietzsches Subjektbegriff im Kontext des Willens zur Macht angesprochen. Es gibt nach Nietzsche im Bereich des "Sinns" und der "Bedeutung" "nichts Isoliertes: das Kleinste trägt das Ganze" (NF XII 316).