Nietzsche, Lacan, Hegel


Zurück zu Lacan: Die Arten von homomorpher Identifikation (z.B. bei der Doppelgängerproblematik) und heteromorpher Identifikation (z.B. bei der Mimikri) während der Phase des Spiegelstadiums sind nach Lacan nicht auf den Begriff "Anpassung" reduzierbar. Lacan sieht das Spiegelstadium als imaginäres wesentlich durch Kampf bestimmt, allerdings durch keinen, der auf Anerkennung aus ist, sondern durch einen der Zerstörung verlangt. Der Höhepunkt des Spiegelstadiums zeichnet sich durch eine "Identifikation mit der Imago des Nächsten" (Transitivismus) aus, die mit einer fundamentalen Eifersucht verbunden ist. "Die transivistische Reaktion" bestimmt deshalb "in bedeutsamer Weise die ursprüngliche Phase". Es übersetzt "des Kindes Sprache (...) zunächst in die dritte Person (...), ehe es sie zur ersten macht". In dieser Weise spricht Lacan unter Berufung auf Bühler und Köhler von der "wahrhaften Bestrickung durch das Bild des anderen". Es gilt hier vom Subjekt, daß es "sich in seinem Selbst-Gefühl mit dem Bild des anderen identifiziert". Die fundamentale Eifersucht erläutert Lacan mit Hilfe der Aufzeichnungen des Anselmus. Sie ist ein Teil einer der transivistischen Reaktion inhärenten ambivalenten Haltung gegenüber dem Nächsten und gegenüber sich selbst und durch eine Mischung aus Liebe und Haß bestimmt. (Diese steht im engen Zusammenhang mit einer natürlichen Aggression, die nicht mit entfremdender Aggressivität verwechselt werden darf.) In der Weiterführung der Genealogie des Subjektes wird der Übergang vom Imaginären zum Symbolischen und die damit verbundene Notwendigkeit einer natürlichen Konkurrenz expliziert. *"Das Ich konstituiert sich zur gleichen Zeit wie der andere im Drama der Eifersucht. Für das Subjekt ist es einer Diskordanz, die in die Schauspiel-Befriedigung aufgrund der Strebung einbricht, die diese suggeriert. Sie impliziert die Einführung eines dritten Objekts, das anstelle der affektiven Verschmelzung und der Schauspiel-Ambignität, die Konkurrenz einer Dreiersituation setzt. Also gerät das durch Identifikation in die Eifersucht verstrickte Subjekt vor eine neue Alternative, in der sich das Schicksal der Realität entscheidet: Es findet entweder die Präsenz des Objektes wieder und klammert sich an die Verweigerung des Realen und die Zerstörung des anderen oder es läßt sich zu einer Repräsentation des Objektes führen, das es in der die menschliche Erkenntnis kennzeichnenden Form annimmt: als kommunikables Objekt, weil Konkurrenz ja zugleich Rivalität und Übereinkunft einschließt. Dabei erkennt es aber gleichzeitig den anderen an, mit dem Kampf oder Vertrag es verbinden; das Subjekt findet zugleich den anderen und das sozialisierte Objekt". Dadurch wird es zum "Archetyp der Sozialgefühle". Die scheinbar unabhängige Empfindung einer Autonomie des Selbst wird nun erst deutlich und interpretierbar, vermittelt durch das "Begehren des anderen (Menschen), mit dem er sich messen muß". Das Begehren kann seine Funktionsweise nur dann entfalten, wenn es aus dem imaginären Bereich des Verlangens isoliert wird. Es ist die "Metonymie des Seinsverfehlens", sich nämlich nicht mit Allmacht ausstatten zu können. Insofern ist der Subjektbegriff nur der "Statthalter (...) für die Ursache (cause) des Begehrens", dies hat der Mensch zu "erkennen". "Das Begehren ist eine Beziehung des Seins zum Mangel. Dieser Mangel ist Mangel an Sein - Seinsmangel - manque d'etre im eigentlichen Sinne" - so gefaßt kann man überhaupt nur von Sein reden. Das Begehren des einen ist immer auch das Begehren des anderen. Solche Sätze finden sich durchgängig bei Lacan, der sich explizit auf Hegel bezieht. Bleibt das Begehren mit dem imaginären Verlangen verschmolzen, so ist die Begegnung zweier Subjekte von Motiven der Zerstörung, die auch solche der Selbstzerstörung sind, gekennzeichnet. Die Begegnung "zweier Begehren", folgt nach Lacan dem Prozeß der Anerkennung zweier Selbstbewußtseine, wie sie Hegel beschrieben hat. Gelingt dieser Prozeß nicht im Sinne einer anerkennenden Vermittlung, so bleibt nur das imaginäre Cogito, verstrickt in ein System der "idealen Identifikationen", das von der ursprünglichen Not, der physiologischen Prämaturation gekennzeichnet ist. Das Bewußtsein ist hier wesentlich ein "unglückliches", dem es um seine "Einzigartigkeit" geht: Nach Lacan steckt die gesamte Existenzphilosophie in diesem Satz. Sie isoliert die Selbstgenügsamkeit von der wirklichen Körperlichkeit, indem sie immer noch am cogitalen Motiv der Reflexion herumlaboriert. Das Auge ist kein erotischer Ort, sondern der des Hasses wie bei Sartre, ihm eignet die "suizide Aggression des Narzißmus". (Lacan erläutert dies anhand von Beispielen in der Literatur: Molières Alceste und Schillers Karl Moor.)

Das Bildverhältnis als Verbindung von Punkten auf der Fläche gründet sich im Akt der Reflexion, indem das Bewußtsein als "Oberfläche" aufmerksam "auf sich merkt" (Fichte) Das speculum des Geistes und die "unendliche Iteration" (Fichte) des spekulativen Denkens führt das Subjekt schein-bar zu sich, indem es von (Ober)fläche zu (Ober)fläche springend sich seiner selbst nähert, sich auf sich bezieht und in seiner Reinheit gewiß wird. Dieses von aller Empirie befreite Ich der "intellektuellen Anschauung" (Fichte) ist das ideale Ich. Der Satz Nietzsches: der menschliche "Intellect ist ein Spiegel" (M III 115) erhält hier eine metaphysisch verabsolutierte Bedeutung.

Zusammenfassung: Lacan beschreibt in seinem Aufsatz "le stade du miroir" die Selbstbespiegelung als den Akt, der die "imaginäre" Stufe in der Geschichte der Subjektentwicklung anzeigt. Er konstituiert das Subjekt dadurch, daß dieses sich im Spiegel als "ganze Gestalt", d.h. als Einheit erblickt - ein Sachverhalt, der etwas über eine "structure ontologique du monde humain" verrät. Im Bild er-scheint die manifeste Ganzheit des "Seins" i.G.z. der Nicht-Fest-gestelltheit des Menschen. Das Ich stattet sich im Reflex der Reflektion mit einem imaginären Seinszuwachs aus - nämlich Herrschaft zu haben über das eigene Bild und damit über den sich verbergenden, insuffizienten Körper, der für den Menschen die unbekannteste Welt darstellt (M III 115). Der Körper, den das bewußte Denken nicht zu repräsentieren vermag, erzeugt als mächtiger Gegenspieler des Bewußtseins Furcht. Das Bewußtsein wähnt sich zwar mitunter in Freiheit, aber es zeigt sich immer wieder, daß die die Ansprüche des Körpers und des Leibes "mächtige Gebieter" (Za IV 40) sind, die dem Menschen "die schauerliche Poesie" der Zufälle an sich selbst klar werden läßt. Unter dem Kritierium der Furchtabwehr ergibt sich eine Aspektparallele zwischen Ontologie und Optik. Nach Nietzsche ist das "Sein" eine Frage der "Optik" (NF IX 309), "wir bewegen nur seiende Dinge - daraus besteht unser Weltbild auf dem Spiegel" (ebd.). "Erkenntniß" ist so nur eine "Sphäre", die entsteht, weil "Spiegel und Tastorgane" sie uns liefern (ebd.). Dieses "Sein" wird als "Gestalt" wahrgenommen; sie ist das "vom Auge construirte `Ganze`" (NF XI 170). "Die Gestalt ist dem Subjekt zugehörig. Es ist das Erfassen der Oberflächen durch Spiegel" (NF VII 464), das sich machtgeleitet aus der mangelnden Festgestelltheit ergibt. "Ist man Philosoph, wie man immer Philosoph war, so hat man kein Auge für das, was war und was wird, - man sieht nur das Seiende. Da es aber nichts Seiendes gibt, so blieb dem Philosophen nur das Imaginäre aufgespart, als seine "`Welt`" (NF XIII 10).

Im Rahmen der praktischen Vernunft er-scheint im idealisierenden Spiegel das Ideal des bewußten Handelns. Waren die Kreaturen einst das speculum der göttlichen Güte (Thomas v. Aquin, Heinrich Seuse usw.), so wird ab der Neuzeit das Subjekt selbst und sein inneres Kriterium des Guten. Das Bewußtsein ist nur eine Spiegelung von "Enderscheinungen" (NF XIII 335), es tritt in Kraft erst nach dem Ablauf eines Geschehens, bei dem jene "andere" Gattung Motive beteiligt war. Es ist so etwas grundsätzlich Nachträgliches, denn es gilt, daß das Dasein nur ein "ununterbrochenes Gewesensein ist" (HL I 249). Das Dasein zeigt sich nach Lacan nur im "futur antérieur", dem Bewußtsein. Dies verweist auf den Prozeß des Werdens bei Nietzsche. Das, was vom Sehestandpunkt der Selbstbestimmung reflektiert wird, ist prinzipiell etwas, von dem sich erst noch zeigen muß, was es zum Zeitpunkt der Reflexion war. Das heißt nicht, daß später etwas adäquat deutlich wird, es wird aber zum späteren Zeitpunkt vergleichbar mit anderen Affektperspektiven. Hegel hat das Motiv, das den "Gedanken" als immer schon verspätet ausweist, in der Vorrede zur "Rechtsphilosophie" beschrieben. Er kritisiert damit gleichzeitig moralische Utopien, die sich auf ein "Jenseits" des Wirklichen berufen, und die "Welt" als Anders-sein-sollende begreifen: "Um noch über das Belehren, wie die Welt sein soll, ein Wort zu sagen, so kommt dazu ohnehin die Philosophie immer zu spät. Als der Gedanke der Welt erscheint sie erst in der Zeit, nachdem die Wirklichkeit ihren Bildungsprozeß vollendet und sich fertig gemacht hat". Diese Kritik der Moral, die bei Nietzsche auch eine Relegionskritik implizierte (von der auch Hegel sich nicht weit entfernt weiß), zeigt an, daß das Denken nur Teil der Welt im Flusse des Werdens ist - und es weder die Welt, noch sich selbst in Totalität erkennen kann. Eine mögliche Totalität entsteht erst im Nachhinein. Da das Bewußtsein nicht alle bedeutungskonstitutiven Affekte zugleich wahrnehmen (und erst recht nicht von sich aus) einsetzen kann, schreibt Nietzsche, daß die Vorstellungen des bewußten Denkens "nachhinken" (NF IX 283!): das "Dasein im Grunde ist - ein nie zu vollendendes Imperfektum (HL I 249), zu diesem "es war" (ebd.; Za IV 181) vermag der Wille nicht zurückzugelangen.

Das Cogito ist also eine kognitive Instanz, die sich dem "Centrum des Individuums" (NF XII 295) nur "beständig annähert" (ebd.). Das Bewußtsein ist also, wie sich aus den beiden Momenten ergibt, durch eine basale "différance" (Derrida) von seiner Wirklichkeit abgeschnitten. Derrida bezieht sich mit seinem Begriffskonstrukt "différance" explizit auf Nietzsche. Die "différance" ist nach Derrida der "Ur-sprung" aller "différences". Im Bezug auf Nietzsche ermöglicht sie das Leben dadurch, daß sie das Bewußtsein als Spiel und Effekt niemals bis zur "Wahrheit", der Bedingung der Möglichkeit einer bewußten Gesamtregierung, die das Leben zerstören könnte, vordringen läßt. Das "Centrum" des Subjekts ist ein "Mittelpunkt", der "sich beständig verschiebend" gedacht werden muß (NF XII 391) - es ist also "niemals sich selber gleich (...) in seinem Prozesse" (NF X 406). Es ist bei Nietzsche nicht unzentriert aber dezentriert in dem Sinne, das innerhalb des Systems des Subjekts ein Zentrum verschwinden und irgendwoanders entstehen kann. Das Subjekt ist also Nietzsche zufolge nicht etwas, das sich als reflexive Vermittlung denken läßt. Es muß als ein nicht-substanzielles Kontinuum gefaßt werden, das aber eine Ganzheit im Gegensatz zur Einheit darstellt. Diese Ganzheit setzt sich aus einer Vielheit zusammen. Reflektierende Vermittlungsversuche zwischen zwei Polen bringen nur Teile des Selbsts (Affekte) zur Vorstellung, ebenso wie Präreflexivität als ichlos vorbewußter Selbstbezug. Das Bild vom Spiegel beschreibt also im Anschluß an die Kritik der auf der Ebene des Bewußtseins mit sich vermittelten Subjektivität die unaufhebbare (chrono- und topologische) immanente Differenz zwischen den transitiven Polen der (Prä-)Reflexivität: "ich und mich sind immer zwei verschiedene Personen" (NF X 96). Nietzsche kann deshalb schreiben, daß das "Bewusstsein" und seine Wahrheit eine "optisch-moralische Täuschung" (GD VI 77f) darstelle.