Nietzsche, Lacan, Hegel


Ontogenealogische Subjektivität
2. Kritik der psychologischen Subjektivität

Innerhalb des folgenden Kapitels wird es um die von Lacan so bezeichnete "imaginäre Relation" gehen, daß heißt die Beziehung eines Ich zu sich selbst und zu einem anderen Ich. Der Begriff "Imaginäres" leitet sich von dem bei Freud verwandten Begriff "Imago", Gestalt ab. Lacan betrachtet sie als "das eigentliche Objekt der Psychologie". Damit ist bereits der Rahmen vorgezeichnet, innerhalb dessen sich die folgenden Überlegungen abspielen. Lacan betreibt freilich keine isolierte Theorie der Imago, das heißt letztlich auch keine Psychologie. Wie zu erwarten ist, bildet er den nämlichen Problemkreis auf die symbolische Ordnung hin ab. Fraglos zeigt die Konzeption Lacans hier eine ihrer faszinierendsten Seiten; schließlich geht es um das Problem der Vermittlung zwischen der Welt der Maschine und der Welt des Lebewesens.

Obwohl von Ferud als "autoerotisch" klassifiziert, ist diese Welt nicht gerade heil. Während einer "Periode der Hilflosigkeit und Pflege" in der ontogenetischen Entwicklung des Kindes wird, ausgelöst von der Bedürfnisbefriedigung seitens der Eltern, der Zustand des Autoerotismus (= des primären Narzißmus') künstlich erzeugt und verlängert. Das "Ich" des Menschen basiert unter diesem Aspekt zu einem Großteil auf dieser, mit Allmacht "erscheinenden", symbiotischen Verschmelzung. Mit der zunehmenden Anzahl der Versagungen in der Wirklichkeit schwindet allerdings die Illusion der Symbiose. Lacan knüpft mit seiner Darstellung der Ichfunktion an Freud an. Der neugeborene Mensch befindet sich zunächst in einer "Phase ursprünglicher Not". Das Kind ist im Gegensatz zu der Entwicklungsstufe proportional gleichalter Lebewesen anderer Gattungen, lange nicht im Stande, sich ohne Hilfe zu bewegen, geschweige denn zu ernähren. Lacan spricht deshalb von der "Prämaturation" des Menschen, der eigentlich "zu früh" geboren wird. Insbesondere aber, und darin liegt die eigentliche Pointe des Begriffs der Prämaturation, insofern der Mensch ein Sprachwesen ist - Lacan bezieht sich hier auf Pascals Bestimmung des Menschen als Sprachwesen - ist das Kind lange Zeit noch "kein vollständiger" Mensch. Erst die Integration in die Regelsysteme der (sprachlichen) Kommunikation, "jener Subversion aller instinktiven Fixiertheit", führen zur Entwicklung des Menschen im eigentlichen Sinn.

Diese nicht nur psychologische, sondern vielmehr anthropologische Bestimmung führt Lacan also auf die grundsätzliche Situation des Neugeborenen zurück. Lacans Interpretation dieser Bestimmung kann in Grenzen mit Elementen der Individualpsychologie Alfred Adlers verglichen werden. Was die Funktion des Imaginären anbelangt, so gibt es durchaus vergleichbare Äußerungen in dessen Werk. Adler schreibt: "Durch die Unfertigkeit seiner Organe, durch seine Unsicherheit und Unselbständigkeit, infolge seiner Anlehnungsbedürfnisses an Stärkere und wegen der oft schmerzlich empfundenen Unterordnung unter andere erwächst ihm [dem Kind] dieses Gefühl der Insuffizienz, das sich in seiner ganzen Lebenstätigkeit verrät". Auch Lacan spricht im Zusammenhang dieser mangelnden Verfügbarkeit des eigenen Körpers von "Insuffizienz", die ihrerseits "Phantasien vom zerstückelten Körper" provoziert. "Die Diskordanz der Triebe sowohl wie der Funktionen, die beim Menschen in diesem Stadium auftritt, ist nur die Folge der verlängerten Inkoordination der Apparate. Daher rührt ein Zustand einer affektiven und mentalen Selbstwahrnehmung, die den Körper als zerstückelten wiedergibt". Ihre eigentliche Bedeutung schöpft diese Analyse aus der Implikation, daß diese "Dissymmetrie des zerstückelten Körpers" Mechanismen in Gang setzt, die Begriffe wie Memoration, Bewußtsein, Wissen und Erkenntnis beim erwachsenen Menschen fundamental prägen, und die niemals restlos aufgehoben werden können. Lacan spricht davon, daß die "vitale Insuffizienz" jede Tätigkeit des Ich umgreift und "bis in die Kategorien selber, zum Beispiel die `Räume`" reicht.

Die Selbstwahrnehmung des eigenen Spiegelbildes beim 6 bis 18 Monate alten Kleinkind ist begleitet von einer Reaktion sichtlicher Freude. Neben der Phantasie der Zerstückeltheit erhebt Lacan erhebt diese Reaktion zu einem zweiten Paradigma der frühen ontogenetische Entwicklung, bei der nunmehr eine "Prävalenz der visuellen Struktur" festzustellen ist. Im Gegensatz zum Affenjungen, das das Menschenkind an Ausbildung der motorischen Intelligenz weit übertrifft, und das deshalb sofort ein "Wissen" um die "Nichtigkeit des Bildes" besitzt, eröffnet sich dem Kind eine "schöne, neue Welt", die sich auf eine Indifferenzierung von imaginärer Spiegelung und realem Körper gründet. Nach Lacan beginnt einzig das Menschenkind (im Gegensatz zu höheren Primaten) mit dieser Indifferenzierung aus Realem und Virtuellem zu spielen. Das Kleinkind, das mit einer "jubilatorischen Geschäftigkeit" bemüht ist, sich im Spiegel zu erhaschen, so konstatiert Lacan, wird dabei durch einen "libidinösen Dynamismus" angetrieben, der sich nicht durch Desinteresse zu verbrauchen scheint und von daher den Eindruck der Zeitlosigkeit erweckt. Tatsächlich ist die Welt der Imago zeitlos. In diesem Sinn kann Nietzsche die Empfindung des ein Kind beobachtenden Erwachsenen als Sentimentalität vom "verlorenen Paradies" (HL I 249) beschreiben, die nichts "Vergangenes zu verlängern" (ebd.) habe.

Das zunächst unbeholfene und hilflose Kleinkind, dem auf proportionaler Alterstufe jedes Tier an motorischer Koordination überlegen ist, identifiziert sich mit seinem Spiegelbild. Das Spiegelbild nämlich tritt in Erscheinung als scheinbar vollkommene Gestalt, die - im Gegensatz zur realen Inkoordiniertheit motorischer Funktionen - als "Bild" den Eindruck der Ganzheit erweckt. Die gespiegelte und sichtbare Körperoberfläche erzeugt ein Ideal-Ich - Lacan nennt es "moi" (im Gegensatz zum "je") - als Phantasma der Vollkommenheit. Über die menschliche Welt hinaus bestätigen nach Lacan Experimente aus dem Bereich der Ethologie die Wirkung der Gestalt auf die Entwicklung des Organismus. Dies betriff vor allem das Problem der Mimikry. Sie bestätigen das Vorhandensein einer psychischen Kausalität an, die den Prozeß "einer zwischen Erwartung und Entspannung geschlossenen Zeit" begründet. Dieser Zeitfaktor liefert die Grundlage sowohl eines grundsätzlichen "Vergessens" als auch jeder möglichen Memoration. <*Anschluß und evtl. Verdoppelungen kontrollieren:> Das Spiegelbild erscheint, insofern es wesentlich "Bild" ist, als eine ganzheitliche Oberfläche ohne Tiefendimension. Insofern das Spiegelbild Spiegelung ist, reflektiert es das sich sehende Subjekt. Dieser Vorgang ermöglicht es dem sich spiegelnden Subjekt, sich als eine ganzheitliche Oberfläche wahrzunehmen. Der Vorgang impliziert demnach das Aufkommen der Gestalt, die nach Lacan das "eigentliche Objekt der Psychologie" darstellt. Die Faszination des sich spiegelnden Subjekts bringt Lacan zufolge ein beständiges Verlangen desselben, sich als Gestalt darzustellen, zum Ausdruck, und damit synchron eine Verfremdung in der Reflexion. Für Lacan hängt die narzißtische Faszination mit einer Verschiebung und einer Verdichtung zusammen. Die Selbstwahrnehmung verschiebt sich von von der innerlichen Insuffizienz zur beherrschbaren Äußerlichkeit des Bildes. Damit verdichtet sich die Selbstwahrnehmung auf diese Oberfläche hin, die es dem Subjekt gestattet, sich mit einer - freilich nur scheinbaren - Autonomie auszustatten. Wenn man so will, wird das Bild der res extensa zu einer Marionette des Cogito.

"Gestalt" ist nach Nietzsche das "vom Auge construierte `Ganze`" (NF XII 143). Die "`Gestalt`" bezeichnet er als ein "optisches Phänomen: abgesehen von Augen Unsinn" (NF XI 170), und Nietzsche nähert sich hier ziemlich genau der Theorie des Imaginären bei Lacan: "Alle Gestalt ist dem Subjekt zugehörig. Es ist das Erfassen der Oberflächen durch Spiegel" (NF VII 464). Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als daß Subjektivität und Oberflächenhaftigkeit eine intime Beziehung zueinander unterhalten. Die Gestalt ist von daher sowohl Funktion des Subjekts; sie steht aber auch gleichzeitig für eine Prozedur, nämlich Vorstellungen von einer Totalität zu erzeugen, von der spiegelnden Oberfläche der Dinge und dem oberflächlich-dinghaften Charakter des Subjekts selbst.

Wieder vergleichbar mit Lacan hat Alfred Adler diesen Dynamismus als "kompensatorischen" bezeichnet, der durch "Fiktionen oder Imaginationen (....) eines Zieles der Überlegenheit" gespeist wird. Dieser Vorgang kann innerhalb der psychoanalytischen Terminologie als paranoid bezeichnet werden, insofern Freud an der Paranoia insbesondere das Moment der "Projektion" hervorgehoben hat. Welche Elemente liegen dieser kompensatorischen Projektion zugrunde? Adler hatte bei seinen Patienten pathologische Selbstwahrnehmungen und Handlungsmuster erkennen können, die "kompensatorisch auf einem Gefühl der Minderwertigkeit" beruhten. Diese Selbstwahrnehmungen kompensierten die Minderwertigkeit, indem sie diese in ihr Gegenteil verkehrten: in ein Gefühl freilich wiederum pathologischer "Allüberlegenheit". Liest man Adler nicht individualpsychologisch, sondern versteht man diese "Dialektik" aus Minder- und Überwertigkeit gleichsam existenzial, so ist man schnell bei dem Spiegelstadium Lacans. Lacan faßt diese narzißtische Ambivalenz nicht in einem pathologischen, sondern in einem allgemeingültigen Sinn auf, insofern sie die "ontologische Struktur der menschlichen Welt" ausmacht. Der paranoische Kern dieser Dialektik stellt sich für Lacan deshalb nicht als Effekt einer individuellen Erkrankung dar.

Die Lust an imaginärem Seinszuwachs des "moi" erklärt sich bei Nietzsche zunächst dadurch, daß der Mensch den Automatismus instinktgeleiteten Tuns nicht besitzt; er also einem grundsätzlichen Mangel ausgesetzt ist. Nietzsche bekannte Formulierung, daß der Mensch das "nicht festgestellte Thier" (JGB V 81) sei, verdankt sich diesem Sachverhalt. Bei Nietzsche heißt es allerdings genau, der Mensch sei "das noch nicht festgestellte Thier", woraus folgt, daß zumindest Nietzsche eine zukünftige Feststellung erwartet. Es ist bekannt, daß die faschistische Nietzsche-Interpretation wenigstens dem sogenannten "Herrenmenschen" eine Feststellung vermittelt über dessen höhere Werte ermöglichen wollte. (Eine erste augenfällige Differenz zwischen Nietzsches Vorstellungen und der faschistischen zeigt sich allerdings darin, daß solch ein "Edelmensch-Prototyp" wie Zarathustra über seinen Kosmos mehr oder weniger mit sich selbst zu Rate geht, während hingegen die faschistische Interpretation sich deutlich als Massenbewegung umsetzte, also eigentlich genau das Gegenteil der Vorstellung Nietzsches praktiziert hat.)

Der Glaube an eine Sinn-abwerfende Systematik (NF XI 632), bzw. an eine Jenseitigkeit, die "Wahrhaftigkeit" (JGB V 18f) mittels der "Selbstentwicklung einer (..) `Dialektik`, `Inspiration`, `Eingebung`" (ebd.) konstruiert, ist nur "ein abstrakt gemachter und durchgesiebter Herzenswunsch" (ebd.). Ziel und Zweck dieser Entwicklung sind für Nietzsche "Wünschbarkeiten", die dem Leben durchaus zuwider laufen können (NF XII 292). Die spekulative Tradition der Philosophie erfand das Sein zum Zwecke einer imaginären Feststellung. In der spätmittelalterlichen Mystik beispielsweise war dieses speculum der menschliche Geist als ein Abbild des transzendenten Gottes: "die Kreaturen sind wie ein Spiegel in denen Gott wiederleuchtet. Und dieses Erkennen heisst ein Spekulieren", wie Heinrich Seuse - gewiß einer der meditativsten Mystiker - es formuliert hatte.

Der Mensch spiegelt sich nicht nur vis-à-vis in einem Spiegel, sondern generell in den Dingen; ihn fasziniert alles, was ihm sein Bild zurückwirft. Für Nietzsche bildet diese Spiegelung die Grundlage der aisthesis als Wahrnehmung und darauf basierend auch die Ästhetik als Lehre vom Schönen. Die Dinge, die diese Reflexion am besten leisten, gelten dem Menschen als schön. Deshalb bezeichnet Nietsche das Urteil, daß etwas schön sei als "Gattungs-Eitelkeit" (GD VI 123). Diese Refelxion funktioniert allerdings nicht nur nicht immer: Sie ist als solche fundamental gefährdet. Erweisen sich nämlich die Phantasmen, die sich mit der Reflexion verbinden, als das, was sie sind: bloße Phantasmen, so führt dies zu anthropologischen Konsequenzen. Bildet der Mensch sich auf das Ideal göttlicher Vollkommenheit hin ab, so mag er zwar als fehlerhaft und eben nicht so vollkommen wie Gott erscheinen, aber Gott kompensiert in gewisser Weise die Fehler des Menschen. Nicht nur aufgrund seiner Gnadenakte, sondern einfach weil man an seine Existenz glaubt. Der menschliche Fehler ist unbedeutend, wenn das kosmische Geschick apriori wohldeterminiert ist. Entfällt aber dieser Hintergrund, und löst sich das Ideal in nichts auf, so ist der Mensch mit seinen Fehlern gleichsam alleingelassen.

Im religiös-metaphysischen Denken vollzieht sich diese Spiegelung über einen Umweg, der die Dinge so erscheinen läßt, wie Gott oder die Vernunft sie "sieht". Mit Hilfe dieses Phantasmas schreibt sich der Mensch ein Quantum an Seinszuwachs ("moi") zu: "Diese reine Fiktions-Welt unterscheidet sich dadurch sehr zu ihren Ungunsten von der Traumwelt, dass letztere die Wirklichkeit wiederspiegelt, während sie die Wirklichkeit fälscht" (AC VI 181). Die "Wünschbarkeiten" fallen dann, wenn deutlich wird, daß sie nicht als "Ideal" Abbildung einer "Idee" sind, sondern nur die "Einswerdung mit dem Seienden im Auge" haben. Die erdichtete Fabelwelt erweist sich als eine, die nur der "Wünschbarkeit" hat entsprechen sollen; sie ist nur jene "moralisch-optische Täuschung", ein Irrtum, der in Nietzsches Begriff des Nihilismus mündet.

Im Gegensatz zur Erfahrung der eigenen Körperinnenwelt erscheint im Spiegel das äußerlich vollkommene Wesen der Imago. Wenn Lacan angibt, daß nach den ersten Identifikationen des Kindes die "Unstimmigkeit zwischen dem Ich" und den defizitären Körperfunktionen verdeckt werde, setzt er damit eine narzißtische Funktion voraus. Diese Funktion besteht darin, daß es bereits auf untersten Ontogenesestufen so etwas wie ein "Vor-Ich" gibt, dem die defizitären Sensationen der Körperinnenwelt offenbar unbehaglich sind. Gewiß klingt es plausibel, daß es eine Funktion gebe, die bereits vor dem "Ausbruch" des eigentlichen Narzißmus' für eine Subsumtion der Körperinnenwelt unter das Selbstwahrnehmungsbild sorgt (Freud unterscheidet in diesem Zusammenhang Autoerotismus, primären und sekundären Narzißmus); aber dies ändert nichts daran, daß diese Funktion stark hypothesenbelastet ist, zumal der Autoerotismus nach Freud narzißtisch und masochistisch zugleich ist. Dieser latente Masochismus könnte gegen die prinzipielle Unbehaglichkeit defizitärer Körperempfindungen sprechen, und damit auch gegen die Eindeutigkeit der narzißtischen Funktion. Für Lacan jedenfalls konstituiert sich das spätere Ich auf der Basis dieser "imaginären Beziehung". Man muß hier hinzufügen, daß iese narzißtisch zu nennende Situation bereits intersubjektiv vermittelt ist. Das Ich ist nichts ohne den anderen. Nicht nur das eigene Spiegelbild, sondern gerade auch das Bild, das der andere (beispielsweise die Mutter) abgibt, ermöglicht erst das für Lacan relevante Wechselspiel von Identifikationen des Bildes des Ich mit dem Bild des anderen und dem Bild des anderen mit dem Bild des Ich. Wenn die narzißtische Funktion also die Oberhand über die masochistischen Tendenzen gewinnt, so nicht aus der solitüden Ichheit heraus, sondern in intersubjektiver Vermittlung. Das bedeutet, daß die Wahrnehmung des eigenen Spiegelbildes aus der Wahrnehmung des anderen als Bild abgeleitet ist.

Der Bezug auf die Gestalt verdeutlicht nach Lacan sowohl die beständig regsame Absicht, sich darzustellen, als auch die verfremdende Reflexion einer scheinbaren Autonomie. Die Intersubjektivität macht die "Erkenntnis" des Menschen selbständiger gegenüber der des Tieres, strukturiert sie aber darin zugleich in der besagten Weise als paranoische, der gerade das Wenige an Wirklichkeit zukommt, das übrig bleibt, wenn man von dem Bild der Ganzheit die Phantasie subtrahiert. Die Macht, mit der das Spiegelbild das beobachtende Ich in seinen Bann zieht, zeigt nach Lacan deutlich, daß der andere - sei es ein anderes Individuum oder das eigene Spiegelbild - auf der Ebene imaginärer Gestalten konstruiert wird. Auch der andere seinerseits auch nicht anders konstituiert ist als auf der Ebene imaginärer Ganzheit, welche also jeder übergeordneten gesellschaftlichen Bestimmung vorausgeht.

In dieser narzistischen Phase wird jedes andere Ich, jedes Objekt "nur insofern gewählt, als das Ich sich in ihm spiegelt: `Ich bin es, den ich sehe, wenn ich ihn anschaue.` Die Liebe zum Objekt, Ideal-Ich, ist mit der, die das Subjekt sich selbst entgegenbringt, austauschbar". Das Kind nämlich sieht sich auch im Spiegel so, wie es seinen Mitwesen erscheint. Dabei spielt natürlich insbesondere die Mutter eine Rolle. Das Kind nimmt sie als ein mit "Allmacht" ausgestattetes Wesen wahr: Dadurch, daß sie bestimmte Bedürfnisse des Kindes befriedigt, enthält die Befriedigung zugleich die Bestätigung, daß auf den kindlichen "Appell" ein Anspruch in Erfüllung geht. Die Entsprechung seitens der Mutter verschleiert und verstärkt die Unfähigkeit des Kindes, allein am Leben zu bleiben; es verdeckt seinen ursprünglichen Seinsmangel. Was also befriedigt wird, ist nicht nur das reelle Bedürfnis ("besoin"), sondern dazu ein Quantum an imaginärem Seinszuwachs ("demande"). Das imaginäre Verlangen oder der imaginäre Anspruch übersteigt das reelle Bedürfnis um einen Begehrensbetrag, der sich nicht an den anderen als Befriedigungsmittel, sondern an den anderen als anderen richtet.

Aus diesem Abhängigkeitsverhältnis vom anderen erst wird die Funktion des Fort-Da-Spieles verständlich, auf das wir unten noch ausführlich erörtern und erläutern werden. Teils steht die Mutter dem Verlangen des Kindes nicht zur Verfügung. Sie ist nicht zuletzt deshalb abwesend, weil auch sie eines anderen bedarf. Lacan geht mit Freud davon aus, daß das Kind durch diese Abhängigkeit in ein Tauschverhältnis gerät. Um die Mutter in Dauer anwesend und parat zu haben, will es ihr das geben, was sie von "ihrem" anderen erhält. Da die Abwesenheit Lacan zufolge an den Lebensgefährten der Mutter gekoppelt ist, scheint dieser für das Kind das Geheimnis der Präsenz zu bergen. Man müßte der Mutter also das geben, was sie von diesem erhält. Das, was das Kind der Mutter im symbiotischen Austausch zu geben versucht, ist etwas, das es ihr nie geben kann, und das die Mutter vom Mann zu bekommen scheint. Es ist der Phallus. Lacan beteuert (wofür die Beweise allerdings ausbleiben), daß dies für das Kind auch gelte, wenn die Mutter in einer homosexuellen Beziehung lebt.

Der Phallus bezeichnet als Signifikant den "désir" (Wunsch, Begehren) des Menschenkindes. Dieser Signifikant verdeutlicht die Differenz zwischen Bedürfnis und Verlangen; er signifiziert den Mehrbetrag, um den das "Verlangen" das bloße "Bedürfnis" übersteigt: eben das besagte Machtansinnen. Da die an den anderen der Mutter gekoppelte Abwesenheit derselben sexuelle Implikationen birgt, deshalb vermag Lacan die "Insistenz des Subjekts, zu reproduzieren" in ihren Grundzügen als sexuell zu bezeichnen. Mit der symbolischen Kompensation der Abwesenheit des anderen im Fort-Da-Spiel sind also sofort sexuelle Implikationen vorhanden, die das Kind in diesem Stadium natürlich nicht als solche wahrnehmen kann. Es versteht sich, daß daher auch der sogenannte "Ödipus-Komplex" eine ganz andere Bedeutung hat als sie ihm das vulgäre Verständnis von Psychoanalyse zugesteht. Man erinnere sich insbesondere der Passagen in Freuds "Entwurf", die darauf bestehen, die im engeren Sinne sexuellen Phantasien erst als postpubertäre Phantasie bzw. "Erinnerung" geltend werden. Als solche unterliegt sie dem von Lacan ausgeführten Regelsystem der formalen Sprache.

In der symbolischen Ödipus-Situation trennt der Vater die duale Mutter-Kind-Beziehung, indem er die Mutter für sich beansprucht und die Beziehung zur triadischen macht (symbolische Triangulation). Das Kind erfährt sich nun als doppelter Mangel, zum einen nämlich der Phallus nicht zu sein und zum anderen ihn nicht zu haben ("manque-à-être" und "manque-à-avoir"). Dadurch wird es auf sein Seinsverfehlen gestoßen, das es mit Hilfe des Vates, der als gebietendes Gesetz des "nom-du-père" auftritt, überwinden kann. Dazu muß es Eingang in die vom Vater vermittelte symbolische Ordnung der Sprache finden. Es kann sich so seines Mangels an Sein "bewußt" werden und ihn durch Benennung überwinden. Die "Ordnung des Begehrens" (désir) ist für Lacan mit Freud "eine Ausdehnung konkreter Äußerungen der Sexualität". Das "Begehren" wird demnach im erotisch-sexuellen Bereich eröffnet, der in seinen Spielarten den ursprünglichen Seinsmangel in substituierte Mangelformen verschiebt. An die Stelle der primären und unerreichbaren anderen werden sekundäre andere gesetzt.

Nietzsche seinerseits gibt an, der "Leib" sei der "Leitfaden", der Auskunft über den Menschen gebe (NF XI 635, 639) - wenngleich sich bislang ein Philosophieren "am Leitfaden des Leibes" (NF XII 106) kaum ereignet hätte. Ungeachtet dieser historischen "Epoche" zeigt sich das Körperliche in jeder Art von Denken: "Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen reicht bis in den letzten Gipfel seines Geistes hinauf" (JGB V 87). In diesem Sinn spielt auch in das idealistische und pessimistische Philosophieren à la Schopenhauer die "Sexual-Erfahrung" (GM V 348ff) des Denkers mit hinein. - Wir listen hier nur einige Äußerungen Nietzsches zum Thema "Sexualität" auf, und behalten dabei im Sinn, daß es bei Nietzsches Bestimmung der Sexualität (selbst wenn es sich um die Äußerungen eines verklemmten Viktorianismus handelte) immer um eine Funktion der Macht geht, die wir noch näher zu bestimmen haben. Diese Macht betrifft bei Nietzsche sowohl Selbst-konstitutive als auch intersubjektive Momente. Wenn man jedoch in Nietzsches Werk einen latenten Moralismus am Werk sehen will, so wird man durchaus behaupten dürfen, daß die intersubjektive Machtausübung nur Effekt der Selbst-Konstitution ist. Für das im "Zarathustra" am eindringlichsten propagierte Menschenbild gilt, daß es im Grunde des anderen nicht bedarf und seine Stärke aus der Macht über sich selbst schöpft. Dies war immer ein Argument derjenigen, die Nietzsche gegen die Massenbewegung des Faschismus - die Stärke aus Macht über andere resultieren ließ - zu rehabilitieren versuchten. Was Nietzsches Konzeption anbelangt, so mag dies (im Großen und Ganzen - es gibt auch Äußerungen Nietzsches die dagegen sprechen) stimmen, aber das ändert nichts daran, daß man Nietzsches Schriften für die Bewegung hat beanspruchen können. Dies spricht vielleicht nur bedingt für die Schuld Nietzsches, aber unbedingt gegen die Unschuld seines Werks.

Jedenfalls kennzeichnet Nietzsche den idealistischen Kampf gegen die "Geschlechtsliebe" und das, was Feuerbach mit "gesunder Sinnlichkeit" bezeichnet hat, als "Widernatur", "Laster" und "eigentliche Sünde" (vgl. GM V 342; AC VI 254; EH VI 306f; NW VI 431). Der richtige Ort, den Menschen zu betrachten,ist "der Leib, die Gebärde, die Diät, die Physiologie, der Rest folgt daraus ..." (GD VI 149); erst der "Leib" liefert Kriterien zur Wertschätzung "alles Denkens" (NF XI 627). Der Leib ist ein Knoten im Sein (GD VI 159 f) und nach Nietzsche der "Gebieter" (Za IV 39f) schlechthin.

Der Bezug auf den anderen ist ambivalent. Homomorphe und heteromorphe Identifikationen im Spiegelstadium sind nach Lacan nicht auf den Begriff "Anpassung" reduzierbar. Die Kategorie der "Anpassung" wird auch von Nietzsche als "eine Aktivität zweiten Ranges, eine blosse Reaktivität" (GM II 316) bezeichnet.Es gibt nicht nur die über den Blick des anderen vermittelte Macht, sondern auch den Haß auf den anderen in Gestalt des Doppelgängers. Komplementär zur Simulation der Anwesenheit des anderen im Fort-Da-Spiel entspricht der Haß dem Wunsch nach Abwesenheit des anderen. Lacan stellt das Denken Freuds in diesem Zusammenhang in die Tradition "der Dialektik des Selbstbewußtseins, wie es sich von Sokrates bis Hegel entfaltet". Deshalb kann er sich bei der Erläuterung der besagten Doppelgängerproblematik auf "die Strukturmomente der Hegelschen Phänomenologie" beziehen, und zwar vor allem auf die "Dialektik von Herr und Knecht". Der Zusammenhang zwischen dem Begriff des Selbstbewußtseins bei Hegel und dem Begriff des Imaginären sei folgend kurz nachgezeichnet. Wir werden sehen, daß affirmative und kritische Aufnahme des Denken Hegels in der Auffassung vom Absoluten als Sprache kulminieren, welche das Subjekt immer bereits unterworfen habe. Damit können wir einen Bogen schlagen vom psychologischen Problemkreis des imaginären anderen zu dem linguistischen und semiotischen des symbolischen Anderen