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Nietzsche, Lacan, Hegel |
Exkurs zur Dialektik des Selbstbewußtseins bei Hegel
Die Fragen des Leibes werden bei Nietzsche unter der Kennwort "Dionysos" gehandelt. Das römische Pendant zu dieser griechischen Götterfigur, Bacchus, wird bereits bei Hegel abgehandelt. Dessen phänomenologische Interpretation des bacchantischen Mysteriums, die eine Differenz zwischen Begriff und Wirklichkeit des mythischen Weltbildes herausstreicht, entspricht auf phylogenetischer Ebene auffällig einer ontogenetischen Ebene, die die psychoanalytische Erfahrung hervorgehoben hat: die orale Phase.
* under construction *
Bei Hegel läutert sich die sinnliche Gewißheit in die Sphäre des Selbstbewußtseins; bei Freud läutert sich das orale Stadium in die Sphäre der analen Organisation. Sowohl Hegels Begriff des Selbstbewußtseins als auch Freuds anales Subjekt artikulieren sich auf dieser Stufe der Erfahrung im Lacanschen Sinn imaginär: Sie verzehren sich transitivistisch im Kampf mit ihren imaginären Doppelgängern:
Die Selbstbewußtseine stehen auf einer ersten Stufe der bloßen Gewißheit ihrer selbst in einem Kampfverhältnis, das auf Leben und Tod geht: ein notwendiger Prozeß, denn ohne den Kampf mit seinem Double kann das Selbstbewußtsein sich nicht seiner selbst dergestalt gewiß werden, daß es seine Vermitteltheit mit dem jeweils anderen erkennt. Diese Vermitteltheit im Kampf erweist sich für die Helden als wechselseitige Abhängigkeit. Der eine ist ohne den anderen nichts. Fraglos zielt der Kampf darauf, diese Abhängigkeit zu Gunsten eines der Beteiligten aufzuheben und zu Ungunsten des anderen zu verfestigen. Risiko und Spieleinsatz dieses kriegerischen Verhältnisses sind die verletzlichen Körper der Beteiligten, die korporelle Matrix des Bewußtseins der Kämpfenden (bzw. des kämpfenden Bewußtseins). Spieleinsatz ist die "materielle Existenz". Von daher zeigt sich eine weitere Ebene der Abhängigkeit, die die der "Ichs" unterläuft. Zwar setzt jeder der Kämpfenden sein Leben auf's Spiel, aber insofern der Kampf auf die Etablierung des Herr-Knecht-Verhältnisses hinausläuft, besteht das Risiko des Verlierers nicht darin, sein Leben zu verlieren. Was ihm droht ist die Versklavung. Der Tod, der hier droht, ist also nicht der reale Tod. Dies erhellt sich daraus, daß der Sieger den Unterlegenen nicht tötet, sondern ihn zum Knecht macht, um diesen Dinge herstellen zu lassen, die des Herrn Konsumansprüche befriedigen. Was die Streitenden unterschwellig und transgressiv verbindet, das ist ein gemeinsamer Kampf gegen ihre gemeinsame Leiblichkeit, die zum Einsatz in diesem Männerspiel funktionalisiert wird.
Zwar geht es um Leben und Tod, aber das Selbstbewußtsein gefährdet sich und sein Double nur, da seine Idealität zur Freiheit des Begriffs nicht seinen Untergang fordere, sondern im Gegenteil sein Zu-sich-selbst-kommen. Der reale Tod würde demnach nur die immanente Kontradiktion dieser Bewußtseinsstufe potenziert fortschreiben: das Selbstbewußtsein würde sich - ganz wie auf der niederen Stufe der sinnlichen Gewißheit - selbst bis zur Nichtgkeit konsumieren. Der Sieger kann sich vom Toten nicht anerkennen lassen, er hat den Konflikt zwar abstrakt gelöst, nicht aber im Hinblick auf die über diese Negativität hinaus zu erwartende höhere Positivität der Anerkennung.
Hegel unterscheidet dabei folgende Schritte, die ein jedes Selbstbewußtsein spiegelnd durchlaufen müsse:
1. Außer sich kommen
1.1. sich selbst verlieren -> anders Selbst finden
1.2. anderes Selbst aufheben -> sich selbst im anderen Selbst (wieder)finden
(Das Selbstbewußtsein finde kein heterogenes Wesen vor, sondern sich selbst im Anderen. Innerhalb des Prozesses der Dedoublikation gehe es mithin um ein Aufheben des Anderen als bloße Erscheinung des Fremden)
2. Aufheben des Anderseins
2.1. anderes Selbst aufheben -> sich seines Selbstes gewiß werden
2.2. sein Selbst im anderen Selbst aufheben
3. Rückkehr zum eigenen Selbst
3.1. sich selbst finden
3.2. das andere Selbst freilassen und für sich bestehen lassen
Das Verhältnis von Herrschaft und Knechtschaft wird sich deshalb etablieren, weil das Selbstbewußtsein der Anerkennung bedarf und sich vor dem Verlust derselben ängstigt. Kojeve hat diesen Prozeß in seiner Hegel-Interpretation zusammenfaßt: "Die Begierde nach Anerkennung ist die Begierde nach einer Begierde, d.h. nicht nach einem gegebenen (= natürlichen) Sein, sondern nach der Gegenwart der Abwesenheit eines solchen Seins. Diese Begierde transzendiert also das natürlich Gegebene, und insoweit sie wirklich wird, erschafft sie ein transnaturales oder menschliches Sein. Aber die Begierde wird nur soweit wirklich, als sie mehr Gewalt als das natürlich gegebene Sein hat, d.h. insoweit sie es zunichte macht. (...) Zunichtewerden des Animalischen".
Der Knecht ist nicht nur abhängig vom Bewußtsein des Herrn, dieser wird für ihn auch der Repräsentant des Todes; aber eben nur dieser Repräsentant, denn der Knecht habe im Kampf erfahren, was es heißt, Angst vor dem Tod (repräsentiert durch den Gegner) zu haben. Sein Selbstbewußtsein "hat die Furcht des Todes, des absoluten Herrn empfunden" - eine, wie gesagt, funktionell bestimmte Angst, die das knechtische Bewußtsein zwar Angst erleiden ließ, doch nur, um diese um so geschickter wieder passieren zu lassen. Das knechtische Bewußtsein wartet auf den Tod des Herrn, ohne Interesse daran haben zu müssen, daß dieser wirklich stirbt. Lacan schreibt dazu: "Jenseits des Todes des Herrn wird er [der Knecht] dem Tod die Stirne bieten müssen, wie jedes völlig realisierte Wesen, und im Heideggerschen Sinn, sein Sein-zum-Tode annehmen. Der Zwangscharakter nimmt sein Sein-zum-Tode eben nicht an, er lebt im Aufschub." Dieser Aufschub ist als Bewegung innerhalb der Artikulationen der Lebens-Todes-Differenz bestimmt vom Imaginären. Das zeigt sich unter anderem darin, daß der Knecht wiederum auf den Tod des Herren zu warten vermag.
Das gewalttätige Erscheinungsbild des destruktiven Selbstbewußtseins nimmt sich Hegel zufolge im Transfer zum Allgemeinen Selbstbewußtsein zurück. Der aus dem Kampf hervorgehende Sieger, der Herr, wird insofern unwesentlich, als das für ihn unwesentliche, knechtische Bewußtsein seine Wahrheit ausmacht. Der Herr ist demnach nicht zur vollen Entfaltung seines bislang ideell gesetzten Fürsichseins gelangt. Hegel führt aus, daß die Wahrheit dergestalt dem knechtischen Bewußtsein zukommt, als dieses einzig seine imaginär-unmittelbare Selbstgewißheit aufhebe. Die wahre Gewißheit des Wissens und der Wahrheit, die die cartesianische Gewißheit darin übersteigt, daß sie nur über die Vermittlung mit anderem wahrhaftig werde, bildet sich beim knechtischen Bewußtsein durch die zunächst so erscheinende Unfreiheit. Vermittels derselben aber wird der Knecht, der sein Sein erst über das andere Bewußtsein des Herrn erlangt, zur wahren Freiheit emporgehoben. Der wesentliche Inversionspunkt liegt dort in der Arbeitskraft, die der Knecht dem Herrn zur Verfügung zu stellen hat. Die Arbeit wird für den Herrn geleistet, weshalb der Knecht zum Aufschub seiner unmittelbaren Begierde genötigt wird. Er selbst kann das Ding, das er hergestellt hat, nicht konsumieren, ohne die Gewalt des Herrn fürchten zu müssen - eine Gewalt, die nunmehr eine nicht mehr direkte Todesbedrohung darstellt. Jener "arbeitet" seine imaginäre Willkürlichkeit ab und hebt "die innere Unmittelbarkeit der Begierde auf". Durch diese Einschränkungen ebnet sich der Knecht erst den Weg zum wahren, allgemeinen Selbstbewußtsein und der Selbstvollendung absoluter Rationalität. Er allein kommt in der Herstellung des für den Herrn produzierten Dings zu einer Refexion des Beständigen, der Kontinuität.
Zwei Aspekte gehören hier unauflöslich zusammen: die Furcht und die Produktion (eine Furcht, die zunächst durchaus Anklänge schon an einen existenzialistischen Begriff von "Angst" hervorruft), wandelte sich von der Todesangst in die bloß noch gegenständliche Furcht vor dem Herrn, die nunmehr sich mit der Produktion verbindet. Eine Furcht, die sich gänzlich zu transsubstantiieren scheint in den Fortschritt der sittlichen Ordnung - und hierin bestätigt sich die Vermutung Lacans mindest, daß der Pakt allen Kämpfen vorrausginge -, die Herrn und Knecht zu einer republikanischen Politbruderschaft assoziiert: Hegel nämlich setzt in seinen Überlegungen offensichtlich voraus, daß der Herr das Leben seines Knechtes nicht mehr ernstlich bedroht und ganz im Gegenteil sogar ihm väterlich-versöhnlich verbunden ist. Die Lebensbedrohung schwindet dadurch. Der Tod wurde zwar während des Kampfes als drohend empfunden, wird mit der Entscheidung darüber, wer Herr und wer Knecht ist, aber nicht mehr explizit relevant.
Nach der Entscheidung zeigt sich, daß sowohl das Bewußtsein des Herrn, als auch das des Knechtes über die Produktion von Dingen definiert sind. Das des Herrn bezieht sich insofern direkt auf die Dinge, als es diese nach Lust und Laune benutzen, gebrauchen, verzehren, also konsumieren kann. Das Bewußtsein des Herrn befindet sich nach Hegel deshalb in einem bloß negierenden Verhältnis zu den Dingen. Das knechtische Bewußtsein hingegen darf das Ding nicht konsumieren, will es nicht Strafe riskieren. Dadurch aber hat sich sein Bewußtseinszustand gleichsam erweitert: Es muß sich vom direkt konsumtiven Bezug auf die Dinge lösen und damit auch die Bewußtseinsstufe des Herrn verlassen. Dem Herrn bleibt zwar das Genießen, aber dieses ist innerhalb der Hegelschen Dialektik des Selbstbewußtseins die klar primitivere und damit eine unwahre Stufe. Das knechtische Bewußtsein ist's, auf das es ankommt. Der Knecht nämlich produziert Dinge, bildet und bearbeitet sie. Er negiert sie also zumindest nicht vollständig, so wie der Herr. Es muß auf den Konsum verzichten, ihn aufschieben. Hegel zufolge ist also der Gehorsam heilsam, der als knechtischer notwendig verknüpft ist mit der Unterdrückung der selbstsüchtigen Begierde. Die An-und-für-sich-Werdung der wahren und wissenden Vernunft ergibt somit sich, indem sich das Für-sich-sein im Herrn als anderes, in der Furcht als an sich selbst und im Machen als Aneignung erfahre. Der subjektive Begriff des Selbstbewußtseins objektiviert sich darin. Narzißmus und direkt nach außen gewandter Todeskomplex, Destruktivität, kennzeichnen dieses präödipale Umfeld.
In der Psychoanalyse besteht nun der genealogische Inversionspunkt des Selbstes im Ödipuskomplex und dessen Untergang in der Symbolisierung. Bevor Hegel seinerseits einen ähnlichen, Anerkennung und Versöhnung verheißenden Diskurs beginnt, setzt auch er einen Inversionspunkt: das Verhältnis von Herrschaft und Knechtschaft. Dieses Verhältnis wird entscheidend durch die Herstellung und Produktion von Dingen (inklusive des Rechts auf Konsumation derselben) bestimmt.
Sogleich kann Hegel entgegengehalten werden, daß sich sein hoffnungsvoller Moralismus schlicht nicht erfüllen kann. (Tatsächlich hat er sich historisch nicht erfüllt.) Das Binnenverhältnis nämlich von Gesetzgebung und Ausführung innerhalb des Bewußtseins vermag in seiner Selbstbegründung die Phase des Sadismus (diesseits der Perversion), der verfehlenden, unselbständigen "Wahrheit der Gewißheit seiner selbst", nicht zu quittieren. Und die von Freud monierte, der Phänomenologie nahe "Aufhebung der Sonderexistenz des Objekts" verbleibt strukturgenealogisch im Rahmen eines bloß verhüllten Kannibalismus. Insofern aber an diesem Produktionsschemen der relevante Hominisations- und Zivilisationsursprung liegt, fällt der Produktion der Dinge eine fundamentale Aufgabe zu. Sie markiert die Entstehung der Zivilisation und der Kultur.
Die negativierende Bewegung des Fürsichseins, der drängende Rationalisierungsprogreß des Begriffs, ist freilich der Feministin Luce Irigaray zufolge als ein sich idealisierendes Selbstbegreifen zu verstehen, als eine Aneignung der eigentlichen Produktivkraft des Lebens durch Technik. Für Irigaray ist dies gleichbedeutend mit der Aneignung der Frau durch die männliche Sozialität. In der Tat erscheint das Leben im Diskurs Hegels immer als idealisches, indem - darin Fichte nicht unähnlich, der zu sehen vorgibt, wie das System von sich aus Leben entfalte - das Selbst vorgibt, den Begriff "durch seine eigene Natur, d.h. durch das Selbst als das seinige, sich bewegen zu lassen und diese Bewegung zu betrachten."
In dieser Hinsicht ist die Dingproduktion in zweifacher Hinsicht bedeutsam. Zum einen, weil die gängige Konsumationslust des Selbstbewußtseins (nicht bloß erst der final nachträglichen Funktion des Herren) ein strukturelles Apriori des einzelnen Bewußtseins ausmacht, das sich allerdings im Aposteriori der politischen Organisation vergessen macht. Da der Begriff des Selbst-Bewußtseins bereits in sich den Negationsprogreß hin zum Absoluten birgt, zeitigt den Begriff selber immer auch schon der Verschlußcharakter von Repräsentiertheit schlechthin. Zum anderen im Hinblick auf die Todesanimation des "wahren Selbstbewußtseins" (das knechtische), dessen Angst - "die Furcht des Todes " - eingeht in die Dingproduktion. Diese Angst hat sich also gleichsam in die Dinge hinein transformiert (jene "erste Angst" Artauds: Sterblichkeit des Animierten).
Freud bedenkt die Produktion so wenig, wie Hegel die Unmöglichkeit des Untergangs des Sadismus. Andererseits aber zeigt sich eine Homologie im Denken beider, die die Todeskomplexlehre Freuds und Lacans mit Hegels Dingproduktion verbindet: Der "eigentliche Sadismus" stellt bei Freud als Expremationstendenz eine Bindung des Todestriebes dar. Diese Expremation ist nicht nur imaginär-destruktiv und direkt konsumatorisch, sondern als desexualisierte Libido (Vermischungsproblematik) produktiv, denn die aus dem Todeskomplex abgeleiteten Destruktionstriebe werden "zu Zwecken der Abfuhr in den Dienst des Eros gestellt". Sie dienen damit dem Aufbau komplexer Objektivitätssysteme, die allerdings ihre Abkunft vom Todeskomplex nimmer durchstreichen. Auf Hegel rückgewandt bedeutet dies, daß auch die scheinbare Reinigung des Bewußtseins innerhalb der Erfahrungsstufe der Dingproduktion und darüber hinaus keinesfalls ein Verlassen des Imaginären impliziert, sondern bestenfalls ein Verschleiern, das den imaginären Kampf der unselbständigen männlichen Geschlechtsgenossen verschiebt auf die Frau, die nun, darin dem Dinge gleich, denselben latent werden läßt, indem sie ihn repräsentiert.
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