Nietzsche und Kant


EXKURS: Schopenhauers Willensbegriff

Schopenhauer nannte sein Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung"; er betrachtete es als die Vollendung der Philosophie Kants. Den Begriff "Wille" entwickelt Schopenhauer im Ausgang vom Begriff "Ding an sich" bei Kant. Von Kant aus ergibt sich so über Schopenhauer eine Linie zu Nietzsche. Die Bedeutung Schopenhauers für das Kantverständnis Nietzsches kann hier nicht gebührend dargelegt werden, wir müssen uns auf einige wenige, ausgewählte Tops beschränken.

Die individuuelle Existenz gehört nach Schopenhauer nicht zum "Wille als Ding an sich". Sie ist eine bloße, den Gesetzen der Kausalität unterliegende Erscheinungsform des Willens. Für Schopenhauer sind Erscheinungen deshalb bloße Vorstellungen, unter die auch die Kategorie des Objektes zu subsummieren ist.

Der Wille selbst zeichnet sich durch verschiedene Stufen der Realisierung, d.h. Objektivation aus. Gipfelpunkt dieser Realisierung macht die Welt der platonischen Ideen aus, insofern dieser am wenigsten Individualität beigemischt ist und der höchste Grad an Allgemeinheit zukommt. Eine für Nietzsche wesentliche Objektivationsstufe, die bei Schopenhauer den platonischen Ideen relativ dicht folgt, stellt die Dichtung dar. Schopenhauer zufolge bildet sie die Vielheit aller menschlichen Empfindungen in generalisierender Rücksicht ab. Deshalb - es mag sein, daß hier eine der Wurzeln der Moralkritik Nietzsches liegt - könne der Poesie niemand moralisierend vorschreiben, was sie darstellen oder sein solle. Was den Poeten anbelangt, so besitzt er nach Schopenhauer nur Qualität, wenn er leidet - und zwar richtig: Im Leid befindet sich der Dichter einerseits im Bereich des Willens, insofern er sich in einem affektiven Gemütszustand befindet, andererseits ist er auch Subjekt des "willenlosen Erkennens"," d.h. er objektiviert den Menschen. Dieses Motiv erinnert an Nietzsches "dionysisches und apollonisches Prinzip", das er in der "Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" ausgeführt hat. (Auch Schopenhauer hält die Musik für das "Abbild des ganzen Willens".)

Diesen Willen bezeichnet Schopenhauer auch als "Wille zum Leben". Er bildet einen Gegenpol zu der "apollinischen" Teilwelt des Individuationsprinzis, das sich durch Vergänglichkeit auszeichnet. Nietzsche übernimmt den Begriff "Wille", setzt ihn aber mit dem Leben gleich. Deshalb schreibt er nicht, "Wille zum Leben" sondern "Leben = Wille zur Macht". Zwar würde auch Nietzsche Schopenhauers Satz unterschreiben, daß der Wille beim großen Trauer- und Lustspiel der Welt sein eigener Zuschauer sei, aber ihre Wege trennen sich, wenn es um die Bewertung geht:

Die Zeit, nach Kant mit einem "Fluß" vergleichbar, assoziiert Schopenhauer mit einem ohne Ende sich drehenden Kreis. Nietzsche nennt das später die "ewige Wiederkehr des Gleichen". Dieses Laufen eines Kreises um sich selbst kann nach Schopenhauer bejaht oder verneint werden. Für Schopenhauer ist die Verneinung von höherem Wert; er charakterisiert sie als "schmerzliche Selbstüberwindung". Für Nietzsche wird dies zum Ausgangspunkt seiner Kritik am Pessimismus: Schopenhauers Verneinung des Diesseits und sein posttheologischer Glaube daran, daß es "anders" besser sei, seinen im Kern christologisch. So reklamiert Nietzsche zwar den Begriff "Selbstüberwindung" (beispielsweise * I 251, 275; * VI 270-300; * V 205) seinerseits aber für die "Bejahung" des "amor fati" und nicht für jene "schmerzliche" Verneinung des Willens (* V 75, * VI 123 ff, 336, 405, 425 usw.).

Da für Schopenhauer der Begriff "Wille" gleichbedeutend mit dem Begriff "Leib" (objektivierter Wille in der Zeit) ist, sind für ihn Verneinung und Bejahung des Willens auch Verneinung und Bejahung des Leibes. So kann er "statt Bejahung des Willens, auch Bejahung des Leibes" sagen. Deshalb zeigt sich die Bejahung des Willens in der "Erhaltung des Leibes". Ähnlich drückt sich auch Nietzsche aus (vgl. EH, VI * ff). (Kapitel über die "Küchensitten"). Dabei stellt die Geschlechtlichkeit nach Schopenhauer die oberste Form der Bejahung dar. Nietzsche wird diese Einsicht Schopenhauers übernehmen aber gänzlich anders bewerten. Für Nietzsche steht gerade die Bejahung in der Rangliste ganz oben; die von Schopenhauer gefeierte Verneinung gilt ihm als Ausdruck einer völligen Unkenntnis über die Natur und die Logik der Dinge.