Nietzsche und Kant


Prädikat

Zunächst seien einige weitere philosophisch relevante Kategorien angeführt, die sich Nietzsche zufolge dem Subjekt-Begriff verdanken und aus ihm abgeleitet sind.

Innerhalb der Logik bildet das Prädikat ein "Pendant" zur Kategorie dem Subjekts. Die klassische Logik begriff dabei das Subjekt als materiales Seiendes, als Substanz, der die Prädikate als modi, Akzidenzien oder Attribute anhafteten. Diese haben den Charakter der Eigenschaft, die einer schon bestehenden Sache, einem Ding zugeschrieben wird. Dieser Logik zufolge setzt die prädikative Ansprechung eines Gegenstandes immer bereits das Sein des Gegenstandes voraus; denn wenn die Eigenschaften nur einem Subjekt zu eigen sein können, setzt die Prädikation die Existenz ihres Trägers voraus. Die Prädikate stehen so in Abhängigkeit zum Subjekt, ohne das sie keinen Bestand haben, und sie unterliegen nach Nietzsche denselben Voraussetzungen, denen auch der Subjekt-Begriff unterliegt. Im Urteilen steckt nicht nur der Glaube an das Subjekt, sondern, ausgehend von dem nach Nietzsche immer stillschweigend vorausgesetzten Zusammenhang von Ursache und Wirkung, auch der an die Funktion der "Prädikate" (NF XII 102). Die Kategorien "Subjekt" und "Prädikat" sind gleichsam Verbündete bei der Herstellung des Subjekts: Beschreibt man die Wirklichkeit, so hat man es sofort mit "Erwirktem" zu tun. Für Nietzsche ereignet sich damit eine folgenschwere Reduktion; es wird nämlich darin jede Veränderung "als Sein gesetzt, als `Eigenschaft`" (NF XII 103). Dieser prädizierten Eigenschaft wird eine "Individuenvariable" addiert, wodurch sich nach den Gesetzen des Verstandes folgender Irrtum einstellt: Es wird jede "Wirkung als Wirkendes (...), als Seiendes" (ebd.) interpretiert. Die Interpretation geht soweit, daß dort, wo kein "offensichtlich Wirkliches" in Gestalt menschlicher Einflußnahme als "Ursache" namhaft gemacht werden kann, eine beliebige andere "Ursache" den Platz des - bei Nietzsche immer menschlichen Subjekts - einnimmt. "`Zu jeder Veränderung gehört ein Urheber`" (ebd.), so lautet mit einem Satz betitelt der Automatismus dieser Subjektherstellung. Nietzsche bezeichnet diese willkürliche Trennung von "Erwirkendem" und "Erwirktem" als "Mythologie" (ebd.), welche er am Beispiel des Satzes "`der Blitz leuchtet`" (ebd.) darstellt: "`Leuchten`" (NF XII 104) sei ein rezeptiv-sensorischer "Zustand in uns" (ebd.), der zum "Leuchtenden" umfunktioniert wird - dazu werde der Blitz als "Urheber" gedacht. Der Schritt, der hierbei vollzogen wird besteht darin, "das Geschehen als Wirken anzusetzen: und die Wirkung als Sein" (ebd.). Der Begriff "Wirkung" bringt so mehr zum Ausdruck als bloß eine "Interpretation" (ebd.) der Sinnestätigkeit. Das Denken formt auch die Bezeichnung der "Wirkung" zum Sein um, so daß "die Worte (...) nicht Zeichen sondern Wahrheiten in Betreff der damit bezeichneten Dinge zu sein" scheinen (NF, XI 614). Ein anderes Beispiel für unzulässige Verdinglichung ist die Interpretation des adjektivischen Momentes des Prädikats: Die "Vielheit der Prädikate" (ebd.) wird der der "Ding-Einheit" gleichgesetzt und darüber hinausgehend sogar noch platonistisch zur "Idee" (ebd.) "gemacht".

Auf der anderen Seite sieht Nietzsche auch einen fortschreitenden, kritischen Wandel des Prädikat-Begriffs von Descartes und Leibniz bis hin zu Kant. Kant versteht die Kategorien als Prädikate, denen jederzeit ein Subjekt der Anschauung hinzugetragen werden kann. Das Subjekt stellt hier nur die Füllung einer formalen Matrix dar, der nichts Materiales anhaftet. Descartes Vorgehen, das Denken des Verstandes dem Sein vorangehen zu lassen, zog eine Bewegung nach sich, die sich im Kern gegen die bis dahin unangefochtene Stellung des Seins des Subjektes wandte. Sie versuchte das "Denken" also die Prädizierung als Bedingung zu setzen und das Subjekt "Ich" als Bedingtes zu begreifen. Demnach wäre das "`Ich` also erst eine Synthese, welche durch das Denken selbst gemacht wird" (JGB V 73). Es bestätigt sich darin, das auch bei Kant der Prozeß der Synthese Vorrang vor der statischen Einheit hat. Denn Nietzche zufolge wollte Kant ganz in diesem Sinn "beweisen, dass vom Subjekt aus das Subjekt nicht bewiesen werden könne, - das Objekt auch nicht: die Möglichkeit einer Scheinexistenz des Subjekts, als `der Seele`, mag ihm nicht immer fremd gewesen sein" (ebd.).