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Nietzsche und Kant |
Objekt
Nietzsches radikale Kritik am Begriff eines "verursachenden Subjekts" bringt auch das Objekt als dasjenige zu Fall, "auf das gewirkt wird" (NF, XII 384). Das Objekt als Ding ist "ein Reflex bloss vom Glauben an's Ich als Ursache" (GD VI 91).
Die zeitlichen, logischen und ontologischen Grundkategorien der Dauer, der Identität und des Seins bezeichnen nach Nietzsche nur passagere Zustandsformen des irreversiblen Werdens (ebd.). So lassen sich mit den Begriffen "Subjekt" und "Objekt" nur graduell unterscheidbare Differentiale eines durch den menschlichen Wahrnehmungsapparat strukturierten Geschehensablaufs ausdrücken. Sie treten als "Gegensätze" (ebd.) zum Flüchtigen, zur Differenz und zum Nichts im Bereich der Vorstellungen auf, obwohl es den "Gegensatz" als Verhältnis von Seiendem nur in der Logik, nicht aber im Leben gibt. Wenn man auch nicht anders kann, als in den Kategorien "Subjekt" und "Objekt" zu handeln, so wirkt sich die Annahme gleichwohl verfälschend aus, diese seien "im Sein liegende" Größen. So aber verfahre die "moralische Ontologie" der Erkenntnistheorie, deren Geschichte vielfältige Interpretationen dieses Verhältnisses als Zugang zu "der Wahrheit" postulierte. In der rationalistischen Philosophie war das Objekt das "Objektiv", mit dem der Mensch die wirklichen Dinge beobachtete, und dem er sich unter rechtem Gebrauch der Vernunft, sei es induktiv oder deduktiv, würde annähern können. Diese Tradition, die sich nach Nietzsche von Bacon bis Leibniz erstreckt und ihre Wurzeln im antiken und auch im scholastischen Denken hat, wurde erst von Kant durchbrochen, der umgekehrt das Subjekt als dasjenige bestimmte, das Erkenntnisse allein dadurch ermöglichte, daß sich, so wie sich Kant ausdrückt, das empirische Objekt (das einzig Erkenntnisse ermöglicht) nach ihm richtet. Nach Nietzsche sind jedoch beide Interpretationsweisen unannehmbar, da sie sich gleichermaßen am Subjekt-Objekt-Modell, das die aristotelische Grammatik fundierte, ausrichten.
Wenn der Begriff "Erkenntniß" Sinn machen soll, dann kann man ihn nur als Abgrenzung eines Dinges von anderen darstellen, indem nämlich die Eigenschaften eines Objekts aufgezählt werden, die es nicht auf sich vereinigt (NF IX 312). So betrifft Erkenntnis das "Verhältniß Setzen" der "Beschränktheit" von Kräften, also etwas anderes als die Relation von "Subjekt zu Objekt" (ebd.)
Das transzendentale Pendant des subjektiven Erkenntnisapparates (also auch der kognitiven Funktion "Anschauung") in der Objektwelt bestimmt Kant als "noumenon, d.i. `der Begriff` eines Dinges, welches gar nicht als Gegenstand der Sinne, sondern als ein Ding an sich selbst, (lediglich durch den reinen Verstand) gedacht werden soll". Es bedingt als "ein transzendentales Substratum" jedes Erkenntniselement auf Objektseite, insofern es als Träger aller möglichen "Prädikate" innerhalb der phänomenalen Welt imponiert. Kant bestimmt es als ein transzendentales, bloß ideales Ansich, das als solches im Stande ist, "die objektive Gültigkeit der sinnlichen Erkenntnis einzuschränken". Das noumenale "Ding an sich" ist als bloße Idee ist demnach "eine unentbehrliche Bedingung jedes praktischen Gebrauchs der Vernunft". Diese nämlich vermag dem Verstand eine Selbstbescheidung vorzuschreiben, die zum einen dazu führt, die Tätigkeit des Verstandes als "absolutes Ganzes zusammenzufassen", zum anderen die Selbstherrlichkeit der Subjektivität im Hinblick auf eine äußere Grenze einschränkt.
Kants Ansich-Postulat stellt einen der Hauptangriffspunkte Nietzsches dar. Stehen beim neuzeitlich-kritischen Kant zwar die Irrtümer und Verkennungsformen des Subjekts im Zentrum philosophischer Reflexion, so erhalten sich bei ihm doch zu viele der überkommenen Modelle und Ansichten der Philosophiegeschichte. Eigentlich habe Kant doch gemäß seinen eigenen Voraussetzungen gar kein Recht mehr, eine "Ding-an-sich-Welt" von einer "Erscheinungswelt" zu unterscheiden, habe er doch den Kausalitätsbegriff nur auf die phänomenale Welt bezogen, und habe er so doch es sich systemimmanent unmöglich gemacht, noch von einem "Ding an sich" zu reden. Wenn mämlich der "Schluß von der Erscheinung auf eine Ursache der Erscheinung als unerlaubt" (NF XI 185) gilt, dann bleibt kein Grund, der es zuließe, ein "Ding an sich" - und geschehe dies auch aus den Gründen der besagten Selbstbescheidung der Vernunft - noch anzunehmen. Für Nietzsche bleibt es uneinsichtig, wenn auch unter den annoncierten Subjektivitäts-kritischen Gesichtspunkten nicht unerklärlich, warum Kant eine solche "widerspruchsvolle unerlaubte Fiktion" (NF XII 614) in das System seiner Philosophie aufnahm. Wir werden in den folgenden Kapiteln sehen, daß Nietzsche diese "objektive Welt" als eine Umwegstruktur expliziert: das Subjekt spiegelt sich in seiner Erfindung "Objekt" und konstituiert sich vermittelt über diesen Umweg erst als Subjekt. Im Zusammenhang der Theologiekritik Nietzsches entspricht dies dem Phantasma eines Gottes, der nichts ist ohne die Welt, die von ihm erfundene Schöpfung, in der er sich spiegelt (nichts anderes besagt der Begriff "Kreatur"), und die es erst ermöglicht, ihn als Gott zu inaugurieren. Für Nietzsche besteht der einzige Unterschied zwischen dem Phantasma "Gott" und dem Phantasma "Subjekt" nur darin, daß das letztere nicht ohne seine Verdopplung in der Intersubjektivität zu existieren vermag.
Der "Werth der Dinge" (NF XII 351f) besteht drin, daß diesem "Werthe keine Realität" (ebd.) zugesprochen werden kann; er stellt nur das Symptom eines zugrundlegenden Mechanismus der Vereinfachung als Grundlage dafür dar, daß überhaupt zwischen den Subjekten kommuniziert werden kann. Wenn über den Gegenstand "Ding" kommuniziert wird, dann gilt, daß er sich nur explizieren läßt als eine bloße Position innerhalb einer systemischen Struktur, die sich allein durch "Relationen" bestimmt (NF XII 353). Nietzsche führt hier freilich ein Argument ins Feld, dessen sich schon Kant in ähnlicher Weise gegen Leibniz bedient hatte: Kant schreibt, daß die "Materie" für den menschlichen Erkenntnisapparat nichts weiter sei, als "ein Inbegriff aus Relationen". Auch für Nietzsche ist das Erkennen ein relatives, perspektivisches "sich-irgend-wozu-in-Bedingung-setzen" (NF XII 142). Insofern kann ein "Ansich, ein Unbedingtes (...) nicht erkannt werden" (NF XII 141). Jede Eigenschaft und jedes Ding, von dem behauptet wird, es könne nicht erkannt werden, ist Nietzsche zufolge in der Philosophie unangebracht - es ist immer ein Zeichen für den Ausgangspunkt einer Morallehre. Nach Nietzsche gibt es für den Menschen keine "Dinge", die (von sich aus) so sind, wie sie "sind": "ein Sinn muß immer erst hineingelegt werden, damit es einen Thatbestand geben könne" (NF XII 140). Obwohl auch Kant schreibt, der menschliche Verstand sei das, was der Natur die Regel gebe, sind Kant und Nietzsche hier doch nicht auf die gleiche Auffassung zu reduzieren. Kant interessiert die universale Gültigkeit des menschlichen Verstandes und seine Fähigkeit gesetzmäßig zu urteilen. Dies ist nach Nietzsche nur eine mögliche Art und Weise der Interpretation zu nennen. Deren Anspruch, daß Natur nicht mehr sei, als die Systematizität der Wahrnehmung des Menschen, ist Nietzsche fremd. "Sinn" muß nach Nietzsche immer erst erzeugt werden.
Insofern es die "Erkenntnis" also mit Relationen und Bedingungen zu tun hat, bestimmt Nietzsche auch den Begriff "Ding" nur als eine Folge einer "optisch-moralischen Täuschung". Der Begriff "Ding" nämlich gründet sich auf "das vom Auge construirte "Ganze"" (NF XII 143). Eine Verlegung dieser Ganzheit in den Bereich eines raum- und zeitlosen "Ansich" erklärt sich daher nach Nietzsche nur aus einer latenten Religiosität Kants, der die Sphäre "Ansich" als erkenntnistheoretisches Jenseits ansetzte. Hier müsse der Ursprung der Dinge liegen (JGB V 16). Indem Kant die "Grenzen der Vernunft" (NF XII 299) festlegte, erlaubte seine "Erkenntnißtheorie (...) ein Jenseits der Vernunft nach Belieben anzusetzen ..." (NF XII 443; M III 14). Dadurch, daß Kant ein Ding-an-sich annahm, machte er "eine vollkommen erlogene Welt, die des Seienden, zur Realität" (AC VI 177). Dadurch wurde das Ideal wieder "möglich gemacht," das die wahre Welt ins "logische Jenseits" der menschlichen Erkenntnis verlagerte (vgl. AC VI 176).
Für Nietzsche hat der Angriff auf Kants Postulat des "Dings-an-sich" weitreichende Implikationen. Nietzsche beläßt es nämlich nicht bei dieser Kritik. Zwar könnte er nun wie der spätere Neokantianismus davon ausgehen, daß Kant die Metaphysik sorgfältiger kritisiert hätte, hätte er nur über das Anschauungsproblem referiert, aber Nietzsche geht nunmehr davon aus, daß wenn das "Ding-an-sich" einen unrechtmäßigen Platz einnimmt, dies auch für den Begriff "Anschauung" gilt. Gilt das "Ding an sich" als Fälschung, so (im Rahmen der Erkenntnistheorie) auch sein Gegensatz auf Phänomenebene, der Begriff "Erscheinung" (NF XII 384, 241). Das führt zu der zunächst paradox erscheinenden Konsequnz, daß man doch von einem "Ansich" sprechen kann. Das "Ansich" ist freilich kein Ansich mehr: Nietzsche kommt mit der weitreichenden Kritik am Begriff der Erscheinung einer unterschwelligen Wiedergeburt des Noumenalen zuvor. Sagt man nämlich, die noumenale Welt existiere nicht, man könne nur von der phänomenalen Welt sprechen, so transportiert sich darin der Gegensatz von phänomenaler und noumenaler Welt mit. Spricht man beispielsweise, wie der Neokantianismus es unternommen hat von der erkennbaren Welt als einer Konstruktion des "Als ob", so behauptet man notgedrungen mit dem Begriff der Konstruktion etwas Nicht-Konstruiertes, zum Beispiel ein Substrat an Realität (selbst wenn dies nur elekrtische Reize, also Bewegungen sind), das allerdings unerkennbar sei, und über das man schweigen müsse. Nietzsches Kritik führt zu dem scheinbar paradoxen Effekt, daß man schon von "Ansich" sprechen kann, insofern dies eine Funktion innerhalb des Vorstellungsvermögens ist. Ein Künstler kann beispielsweise ein Kunstwerk produzieren, von dem ein Ästhetiker eine brauchbare Interpretation abliefert. Vorstellbar ist es, daß der Künstler sagt, die Interpretation ist sehr interessant, aber ansich habe ich etwas anderes gemeint. Was ein Künstler zu seinen Arbeiten meint sagen zu müssen, ist nicht immer interessant, nur weil er selbst diese Werke fabriziert hat, aber entscheidend ist hier, daß man sagen kann, man habe eigentlich, also ansich etwas anderes gemeint. Damit ist nur ausgesagt, das der Betreffende im Vorfeld direkter Intersubjektivität eine Meinung gehabt hat, von der zunächst unbestimmt blieb, ob sie "wahr oder falsch" war (oder "ungeschickt oder "klug"). In diesem Sinn kann man auch sagen, der Mond sehe zwar wie eine Scheibe aus, ansich habe er aber die Gestalt einer Kugel.
Präziser formuliert, kommt es Nietzsche auf den strikten und substanziellen Gegensatz von Ansich und Erscheinung an. Die Begriffe sind einander nicht subsummierbar; beide beschreiben nur Funktionen.
Diese Funktionen haben indessen einen gemeinsmen Nenner, denn schließlich bedeutet insbesondere das transzendentale Philosophieren nichts anderes, als gedoppelte Verfremdung des Lebens über den Umweg des Herzenswunsches. Bevor dieser Sachverhalt weiter erläutert wird, erfolgt zunächst eine kurze Beschreibung einiger Gedanken Schopenhauers, dessen Schriften vermittelt über den Begriff "Ding-an-sich" eine Verbindingsstelle zwischen Kant und Nietzsche darstellen.