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Nietzsche und Kant |
Kausalität
Der Satz von der Identität und desgleichen der Satz vom zu vermeidenden Widerspruch, Sätze, die seit Aristoteles als Grundgesetze logischen Denkens firmieren, haben Nietzsche zu Folge eine Voraussetzung, die er als "Glaube an die gleichen Fälle" (NF XII 308) kennzeichnet. Die Anwendbarkeit der Gesetze einschließlich des Glaubens daran basiert auf der Voraussetzung, daß Gleichheit in der Welt sei, an welcher jede Wahrnehmung partizipiert.
Im Anschluß an die cartesianische Theorie der Zeit, die besagt, daß die Zeit diskontinuierlich verlaufen müsse, insofern eine denkende Substanz nicht ausmachen könne, ob sie in Zukunft noch eine solche sei, also: existiere, wenn nicht das Cogitare ein Bewußtsein davon hätte, daß es durch eine innere Ursache in jedem chronologischen Folgeabschnitt neu kreiert würde, fügte Leibniz den beiden aristotelischen Denkgesetzen ein drittes hinzu: das Gesetz vom zureichenden Grunde. Leibniz "ontologisiert" damit die cartesianische Konzeption der Zeit dergestalt, daß er auch die in ihrer monadischen Eigenschaft beseelte Materie und deren räumliche wie zeitliche Diskontinuität in die von Descartes vorgeprägte Begründungsnot einbezieht. "Primum mobile" ist bei Leibniz Gott als die universale Sub-Substanz des Logos, das allem zum Grunde Stehende der Urmonade. So wird die Kausalität ein Problem der Beseeltheit als Denkvermögen - damit zu einer Sache der rationalen Logik allein.
Wenn auch Kant den rationalen Aspekt in seine Definition der Kausalität mit aufnimmt, so doch nur unter der Berücksichtigungen der Theorien des empirischen Rationalismus, vorzüglich dessen Humes. Für diesen fällt Kausalität unter die operationale Verstandestätigkeit. Dabei meint der Terminus "Operation" eine Aktivität des Assaziationsvermögens. Nach Hume stammt die "Kenntnis von Ursache und Wirkung" nicht wie bei Leibniz aus einem ideellen Apriori-Bereich, sondern "ganz und gar aus der Erfahrung". Da am realen Geschehen nur Folgebeziehungen zu gegenwärtigen seien, sei der Satz von der Kausalität "einfach" ein erlernter, der sich aus der Fähigkeit, Folgeabschnitte zu assoziieren, erkläre. Freilich liegt darin gleichwohl ein rationalistisches Moment, das eben dieses Vermögen von Assoziation veranschlagen muß. Was den ideellen Rationalismus anbelangt, so bewertet die Kausalitätsdiskussion von Aristoteles bis zur Neuzeit essentialistisch die Ursache (Möglichkeit) auch als die Wahrheit und das Wesen (Antezedens) aller sukzessiven Wirklichkeit. Die moderne Interpretation ihrerseits der Kausalität als Implikationsrelation leitet sich her aus dem empirischen Rationalismus. Beide Dimensionen stellen Bestandteile der Transzendentalphilosophie dar. Die erste mehr in die praktischer, die zweite mehr in theoretischer Hinsicht.
Bei Kant wird der "Satz der Kausalität" schon in der Einleitung der Kritik der reinen Vernunft als Beispiel für einen synthetischen Satz apriori angeführt. Es gilt nun, seinen Begriff der Kausalität näher zu prüfen. Die Überlegungen der am Begriff der Essenz orientierten Philosophie zielten auf eine Klärung der eigentlich an der Theologie orientierten Begriffe des Absoluten, desjenigen, das allem Wechselhaften und Bedingten ursächlich vorausgehe und alles Seiende dazu bestimme, in ein kausales Verhältnis zu den Dingen zu treten. Für Kant kann es gewiß ein Absolutes im Sinne der im vorneuzeitlichen Denken gedachten Realität nicht mehr geben, die transzendentalphilosophisch Begriffe Idee und Ideal säkularisieren dasselbe gleichsam. Die analytische Kategorie Quantität findet sich hier wieder als "Idee Gottes", die der Qualität als "Idee der Freiheit" und die der Relation als "Idee der Unsterblichkeit". Der "Satz von der Kausalität" gehört zur KAtegorie der Relation. Er setzt zu einer gegebenen eine Ursache oder zu einer gegebenen Ursache eine Wirkung ("wenn x, dann y" oder "aus x folgt y"). Man hat also einen Sachverhalt, der aus zwei Elementen und deren Folgebeziehungen in der Zeit besteht. Der Zusammenhang der Vorstellungen erscheint nach Nietzsche "successiv" (* I 857). Die Vorstellungen erscheinen aber nur dann so, wenn sie nebeneinander gestellt und in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit betrachtet werden. Um eine Vorstellung von Folgebeziehungen haben zu können, muß man einen Metastandpunkt beziehen, der den Zusammenhang mindestens zweier Vorstellungen assoziiert und selbst nicht in dieser Folgebeziehung steht (* I 857). Ob das Denken tatsächlich in solchen Beziehungen verläuft, läßt sich, von einem Gedanken ausgehend, der selbst metagedanklich ist, schwerlich beantworten. "Das logische Denken, von dem die Logik redet, ein Denken, wo der Gedanke selbst als Ursache von neuen Gedanken gesetzt wird -, ist das Muster einer vollständigen Fiktion: ein Denken der Art kommt in Wirklichkeit niemals vor, es wird aber als Formen-Schema (...) angelegt (...): so daß dergestalt unser Denken in Zeichen faßbar, merkbar, mittheilbar wird" (NF XI 597).
Kant seinerseits bestimmte das Gesetz der Kausalität als allgemein und notwendig, "mithin gänzlich a priori". Es gewährt als "a priori verknüpfender Begriff" die Möglichkeit, Vorstellungen als in der Zeit notwendige zu setzen. Als Verstandesbegriff macht es die objektive Einteilung der Empfindungen in Zeitquanten möglich. Nietzsche hält diese "Notwendigkeit" (NF XII 383) für eine falsche " Interpretation"(ebd.) der bloßen "Formulierbarkeit" (ebd.) eines Geschehens (dazu gehört.auch das Denken), das nur in bestimmter Weise wahrgenommen werden kann. Indem der menschliche "Erkenntnisapparat" schematisiert, wird das, was nur der "Beginn einer Handlung ist, als Ursache mißverstanden" (NF XIII 274). Hier muß allerdings hinzugefügt werden, daß auch bei dem Hume-Kenner Kant das Gesetz der Kausalität als solches nur regulativen, aber keinen konstitutiven Gehalt hat, das heißt es läßt sich nicht auf irgendeine Erscheinung als Ursache überhaupt beziehen, es gewährleistet nur die formale Möglichkeit analog zu verknüpfen. Hume, Nietzsche und Kant sind einer Meinung darin, daß es unmöglich sei, eine "Ursache (...) apriori" zu bestimmen (NF XI 442). Mit Recht schreibt Nietzsche Hume das Verdienst zu, daß Kant ein "ungeheueres Fragezeichen (...) an den Begriff Causalität schrieb und dadurch den logischen Optimismus in seine Grenzen verwies." ( * ) "Logischer Optimismus" steht bei Nietzsche für die Auffassung, man könne am Leitfaden der Kausalität (ebd.) bis zu einer ersten Ursache vorzudringen, beziehungsweise am Leitfaden der Logik ins Reich des Seins vordringen. Dieser Optimismus hat seit Hume und Kant seinen Sinn verloren. Nietzsche gibt Hume recht, wenn er mit ihm den Glauben an die Kausalität als "Gewohnheit des Hintereinanders von Vorgängen" (NF XII 102) begreift. Kant seinerseits geht über Hume insofern hinaus, als er diesem unterstellt, er habe den Begriff der "Kausalität" aus einer bloßen "Gewohnheit", also aus de "(... bloß subjektiven Notwendigkeit) Vorstellungen zu verknüpfen" abgeleitet. Tatsächlich hätte Hume den Objektivitätsanspruch Kants nicht vertreten können, und darin zeigt sich Nietzsches Nähe zu Hume. Dieser bezweifelte grundsätzlich, daß es gelingen könne, "eine Ursache zu definieren" und sie vom Begriff "Wirkung" klar abzusetzen.
Kants transzendentalphilosophische Analyse jedoch verleiht der Kausalitätsbeziehung die Dignität einer allgemeinen und notwendigen Regel des Denkens. Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß es Kant um Regeln geht, die für alle Wesen, wenn sie vernünftig denken, die gleichen sein sollen. Wenn nun der Satz Nietzsches gilt: "Die gesammte physische Causalität ist hundertfältig ausdenkbar, je nachdem ein Mensch oder andere Wesen sie ausdeuten" (NF XI 624), so impliziert dies zunächst eine Zustimmung zu Kants These, daß jedes menschliche Wesen gemäß seines Formenschemas auf eine allgemeine Weise mit physischen Kausalverhältnissen umgeht. Diese Verhältnisse verlaufen nach Nietzsche sowohl im Rahmen "praktischer" als auch "theoretischer" Vernunft in der Tat bei allen menschlichen Wesen homolog ab. Aber für Nietzsche folgen daraus andere Thesen, als diejenigen Kants. Für Kant ist jedes menschliche Wesen eine Teilmenge aller menschlichen Wesen; für Nietzsches radikalen Perspektivismus hingegen ist dies nicht der Fall. Aus dem Sachverhalt das jedes menschliche Wesen anders als ein anderes menschliches Wesen wahrnimmt, folgt für Nietzsche eine Kritik am Allgemeinen.
Schon die jeweilige Motivation der beiden Autoren Nietzsche und Kant ist für die Wahl dieses durchaus ähnlich erscheinenden Ausgangspunktes eine sehr verschiedene. Da es Kant um die normative Begründung wissenschaftlichen Handelns geht, beruht sein Verfahren auf dem Prinzip des Ausschließens des Unbrauchbaren, also dessen, was die wissenschaftliche Erkenntnis trügen könnte. Nietzsche seinerseits geht es mehr um Phänomene des menschlichen Daseins, die ihrerseits gedeutet werden. Sein Verfahren beruht vielmehr auf einem Prinzip des Einschließens. Dies führt zu völlig unterschiedlichen Auffassungsweisen. Nietzsche will ja nicht etwas Unkorrektes oder Falsches vermeiden, sondern als eigenständige Dimension gerade erschließen. Aus dieser Differenz läßt sich auch der divergierende Vollständigkeitsbegriff beider Denker erklären. Während für Kant die Vollständigkeit in der vollständigen Aufzählung von Axiomen und Theoremen besteht, besteht sie bei Nietzsche in der Aufzählung aller möglichen Perspektiven eines Gegenstandes. Beim Prozeß dieser perspektivischen Deutung (der bei Nietzsche mit Hilfe der Begriffe "Nichtfestgestelltheit des Menschen" und "Leben als Wille zur Macht" geleistet wird), hebt nach Nietzsche erst philosophisches Tun an. Dazu gehören aus Nietzsches Sicht Eigenschaften, die er bei Kant nicht entdecken kann, die aber gleichwohl das Wissen mit bedingen, so zum Beispiel die "Leidenschaft" (* III 285f), psychologisches Geschick (NF XII 340), und nicht unbedingt die sogenannte "trockene" Gelehrsamkeit (* I 409; * V 144). Gewiß würde niemand bezweifeln, daß ein großer Teil wissenschaftlicher (zumindest naturwissenschaftlicher) Entdeckungen diesen "unwissenschaftlichen" Größen zu verdanken ist.
Nietzsche kann also mit der transzendentalphilosophischen Version des Begriffes "Kausalitätsgesetz" nicht zufrieden sein, zumal für ihn auf der Hand liegt, daß weder Dinge an sich miteinander im Verhältnis von Ursache und Wirkung stehen können, noch Erscheinungen mit Erscheinungen: womit sich ergibt, daß der Begriff "Ursache und Wirkung" innerhalb einer Philosophie, die an Dinge an sich und an Erscheinungen glaubt nicht anwendbar ist" (NF XI 135). Aus dem Begriff "Erscheinung" nämlich geht nicht der Begriff einer verursachenden oder verursachten Bewegung hervor. Diese Bewegung als Verhältnis von aktivem Verursachendem und passivem Bewirkt-werden ist aber dem Begriff der Kausalität als Verhältnis von Ursache und Wirkung inhärent. Kant hielt an dem objektiven Sachverhalt der Kausalität fest. Wenn die Fähigkeit des Menschen, Denkgesetze an die Wirklichkeit anzulegen, als Vermögen beschreibt, so ist doch Aktivität mitgedacht. Es ist zu untersuchen, was es damit auf sich hat.
Nietzsche bezeichnet es als "Fehler Kants" (ebd.) nicht berücksichtigt zu haben, daß der Begriff der kausalen Verknüpfung psychologische Implikationen besitzt, die "aus einer Denkweise, die immer und überall Wille auf Wille wirkend glaubt" (ebd.) stammt. Wenn die Philosophie den "Willen" als aktives Prinzip (* V 35f) - aktiver Wille ist gleichbedeutend mit "Absicht" (ebd.) - ins Geschehen so weit hineininterpretiert, daß diese Interpretation zu der Formulierbarkeit allgemeiner und notwendiger Denkgesetze führt, dann muß sich dies aus bestimmten Bedingungen ableiten lassen, die es zu betrachten gilt. Nietzsche ist der Meinung, daß mit dem Begriff des aktiven Willens ein Täter hinter die Erscheinung konstruiert worden ist. So entsteht die Vorstellung von gegenseitig sich bedingenden Wirkursachen, die "Zwang" (NF XII 383) aufeinander ausüben. Dieser wechselseitig ausgeübte Zwang wird dann als kausale Beziehung begriffen. "Die Trennung des `Thuns` vom `Thuenden`, des Geschehens von einem Etwas, das geschehen macht, des Prozesses von einem Etwas, das nicht Prozeß, sondern dauernd, Substanz, Ding, Körper, Seele usw. ist, - der Versuch, das Geschehene zu begreifen als eine Art Verschiebung und Stellungswechsel von `Seiendem`, von Bleibendem: diese alte Mythologie hat den Glauben an `Ursache`und `Wirkung` festgestellt, nachdem er in den sprachl<ichen> grammat<ikalischen> Funktionen eine feste Form gefunden hatte." (NF XI 136).
Der philosophische Diskurs über die Kausalität ist für Nietzsche ein Indiz des Willens zur Berechenbarmachung der Welt: Redet man von einer "Ursache", so hat man "ein Gefühl von Kraft, Anspannung, Widerstand, ein Muskelgefühl, das schon der Beginn einer Handlung ist als Ursache mißverstanden" (NF XIII 74). Man hat hier die "Absicht", den "Willen" hineingelegt (* V 35f), um die innere und äußere Welt festzustellen. Alles was über derartige Folgeerscheinungen gesagt werden kann, ist jedoch nur, daß ein "Quantum Wille zur Macht" (NF XIII 258) "in einem Spannungsverhältnis zu allen anderen dynamischen Quanten" steht (NF XIII 259). Aus diesem Kampf ergibt sich eine Bewegung, die ein ständiges "Neuarrangement der Kräfte" (NF XIII 273) bewirkt: das Werden. So kann Nietzsche behaupten, daß es einen "Causalitäts-Sinn" (NF XIII 276) als psychologisches Faktum gäbe. Er sei nicht notwendig eine "natürliche" Verstandeskategorie, in ihrer Ursprünglichkeit "instinktiv" wirkend (ebd.), anzunehmen. Instinktiv ist der "Causalitäts-Sinn" nur insofern er "automatisch" abläuft - es ist aber nicht zu beurteilen, ob dies schon immer so war und immer so sein muß. Der "Causalitäts-Sinn" bringt, Nietzsche zufolge, eigentlich nur "die Furcht vor dem Ungewohnten" (ebd.) zum Ausdruck. Damit ist er nur ein Nivellierungs- und Assimilationsinstument, um die Welt in ihrem vielschichtigen Werden (Geschehen) auf Gleiches (bekannte Ursachen) zu reduzieren.
Wir erläutern diese Kritik Nietzsches anhand eines Beispieles aus der Kritik der reinen Vernunft. Das "Gesetz der Kausalität" erwähnt Kant dort zum ersten Mal in der Einleitung. An zwei Stellen wird es als Beispiel angeführt. Zunächst gibt Kant ein Beispiel für notwendige und allgemeine, "reine Urteile apriori", die auch im einfachsten Gebrauch des Verstandes von Gültigkeit seien. Die ist "der Satz, daß alle Veränderung eine Ursache haben müsse", von dem Kant schreibt, "daß der Begriff einer Ursache (so) offenbar den Begriff einer Notwendigkeit der Verknüpfung mit einer Wirkung und einer strengen Allgemeinheit der Regel" bei sich trage. Dann gibt Kant ein Beispiel für ein synthetisches Urteil apriori an, in dem ein Begriff, der über einen anderen hinausgeht, doch mit diesem verbunden sei. Er wählt den Satz der Kausalität: "Alles, was geschieht, hat eine Ursache" und kommentiert ihn: "Der Begriff einer Ursache liegt ganz außer jenem Begriffe 'von etwas, das geschieht', und zeigt etwas von dem, was geschieht, Verschiedenes an, ist also in dieser letzteren Vorstellung gar nicht mit enthalten". Diese beiden Sätze widersprechen sich zwar nicht unbedingt, aber sie sind doch nicht ganz frei von Widersprüchlichkeit. In einem synthetischen Urteil muß der Begriff des Sukzedenz außerhalb dessen des Antezedenz liegen und trotzdem notwendig und allgemein mit ihm verknüpft sein. Wenn man aber mit einer Strategie im Sinne Nietzsches gegen Kant vorgehen wollte, so hätte man doch einen Ansatzpunkt. Wenn Kant im ersten Beispiel eine Ursache annimmt, so folgt daraus notwendig die Folge nach dem verursachten Erwirkten; denn letztes denkt man im Begriffe der Ursache mit. In jedem Fall müßte auf die Ursache irgendetwas folgen, sonst wäre es bloß eine Sache,#aber keine Ursache im Sinn einer ersten Sache. Es ist einsichtig, daff hier, insofern von etwas die Rede ist, das aktiv bewirkt, die Vorstellung von einem handelnden Subjekt mitschwingt. Im zweiten Beispiel geht Kant vom Begriff des Geschehens aus und schreibt, der Begriff Ursache läge ganz außerhalb desselben, - was offensichtlich ist. Aus dem Begriff "Geschehen" geht (aber) auch der Begriff Ursache niemals allgemein und notwendig hervor, so wie es im ersten Beispiel umgekehrt der Fall war. Es ist also nicht von geringer Bedeutung, daß Kant im zweiten Beispiel mit dem Begriff "Geschehen" und nicht mit dem Begriff "Wirkung" arbeitet.
Nietzsche versucht Kant, wenn er auf ihn zu sprechen kommt, überall nachzuweisen, daß er den Begriff Kausalität einseitig von der Ursache aus denkt. Daß er sich nicht aus dem Begriff "Geschehen" deduzieren läßt, ist klar. Um ein wirkliches "Denkgesetz" aber würde es sich nur dann handeln, wenn man mit Nietzsche der Voraussetzung Platz verschafft, daß menschliche Wesen einer aktiv setzenden, fixierbaren Größe, die etwas bewirkt, bedürfen, um "Sinn" in dieses Geschehen zu bringen. Dieser Sachverhalt bliebe dann aber nicht bei der Feststellung eines Denkgesetzes stehen, er würde sich tiefer mit und im Begehrungsvermögen selber begründen lassen. Tatsächlich führt Kant die Vorstellung der Kausalität auf die Vorstellung des etwas Zu-Grunde-Liegenden, Ursächlichen, zurück - nämlich auf die Vorstellung der "Substanz". Diesem Begriff, den ich folgend weiter erläutern werde, inhäriert möglicherweise auch nur die Täter-Tun-Vorstellung. Kant schreibt: "Kausalität führt auf den Begriff der Handlung, diese auf den Begriff der Kraft, und dadurch auf den Begriff der Substanz". Mit dieser Aussage tritt die Problematik, die sich zu Beginn des Kausalitätskapitels geltend machte, wieder in den Vordergrund. Es ging dabei um die Schwierigkeit bei der Verbindung von Ursächlichkeit und Aktivität. Einmal ist etwas eine für sich bestehende Sache, ein anderes Mal ist es etwas, das auf etwas, das auf etwas, das sich außerhalb seiner selbst befindet, einwirkt. Dies schlägt sich darin nieder, daß in dem oben zitierten Satz "Substanz" als "Ursache" und "Handlung" als bewegendes Einwirken nebeneinanderstehen.
Festzuhalten bleibt, daß Nietzsche zufolge
nicht die Kausalität selbst ein Denkgesetz vorstellt,
das ein fester Bestandteil des kognitiven Apparates ist. Es gibt
nach Nietzsche ein Verlangen, das zum Phantasma der Kausalität
führt und diesem zu Grunde liegt. Das ändert nur bedingt
etwas an dem transzendentalphilosophischen Anspruch, das Kausalitätsgesetz
werde mit allgemeingültiger und notwendiger Regelmäßigkeit
angewandt. Aber es verschiebt doch de Fragestellung, denn Nietzsche
interessiert sich nunmehr deutlich stärker für die Dynamik
dieses Verlangens und seine Entschlüsselung. Das ist ein
Themenkomplex, den Kant zumindest vernachlässigt hat.