Nietzsche und Kant


EXKURS: Fichtes Subjektbegriff

Als der philosophische Theoretiker des Subjekts muß Fichte angesehen werden. In dem folgenden kurzen Exkurs sei dessen Konzeption des Ichs, die Nietzsche nur sehr selten anspricht, kurz in Erinnerung gerufen: Die Philosophie muß sich nach Fichte insbesondere die beiden folgenden Fragen gefallen lassen: "Welches ist der Grund des Systems der vom Gefühle der Notwendigkeit begleiteten Vorstellungen und dieses Gefühl der Notwendigkeit selbst?", und "wie kommen wir dazu ein Sein anzunehmen?" Eine Beantwortung dieser Grundfragen würde alle innere und äußere Erfahrung aufzeigen können.

Nach Fichte kann man zwei Hauptverfahrensweisen, die idealistische und die dogmatische unterscheiden. Die erstere geht von der kognitiven Intelligenz aus und versucht alle Erfahrung als in ihrer Möglichkeit nur durch die Vernunft bedingt erklären zu können; die letztere verlegt das Objekt des Bewußtseins, als ohne Zutun der Intelligenz vorhanden, in die Sphäre der Außenwelt. Keine der beiden Verfahrensweisen, die im Laufe der Geschichte der Philosophie zahlreiche Systeme ausgebildet haben, könne die andere widerlegen. Der Dogmatismus, der notwendigerweise genauso fatal wie materialistisch sei, versuche einzig den Dingen, die mittels ihrer Akzidenzen erst Erfahrung unter dem Schein der Freiheit ermöglichen, Realität beizumessen. Dem Idealismus, dem so das Aktionsspektrum des Ich nur als Folge der Täuschung durch das Ding demonstriert wäre, erschiene das Modell des Dogmatikers als irreal, insofern er jedes Ding nur als kognitive Fiktion des Ich bezeichnen würde. Der Idealismus habe aber in diesem Streit eines voraus: Seine axiomatische Begründung der Erfahrung, die aus und in Freiheit handelnde Intelligenz, weist er als Faktum des Bewußtseins nach. Nach Descartes müsse auch der Dogmatismus akzeptieren, daß die Voraussetzung der Wahrnehmung aller Akzidenzien dem Bewußtsein entspringe. Insofern nun gilt, daß die Erkenntnisfähigkeit des Menschen begrenzt und täuschbar ist, muß irgendetwas im Menschen begrenzt und täuschbar sein, das unabhängig von den Dingen menschspezifisch den Erkenntnisprozeß fundamental prägt. Folgegerecht entscheidet sich Fichte für die idealistische Variante der Erkenntnistheorie. Sein eigenes System, daß auf den Parametern dieser Traditionslinie fußt, bezeichnet er mit "Tranzendentaler Idealismus", ein System, das aus der Freiheit und Unabhängigkeit intelligenter Handlungen bestimmte Vorstellungen herleitet. Die Intelligenz hat unter dieser Voraussetzung nur in sich die Schranken ihres Wesens. Der Ausgangspunkt ist also die Intelligenz, das Ich. Das das Ich für sich selbst sei, dies gilt Fichte als das einzig mögliche Kriterium des Seins - eine Art modifizierter cartesianischer "res cogitans". Das Ich muß hier verstanden werden als eine Instanz, deren Funktion ausschließlich darin besteht, sich selbst als seiend zu festzusetzen. Als diese sich selbst fixierende Instanz wird das Ich zum absoluten Subjekt. Darstellbar ist dieser Prozeß nur in der Selbstreflexion bzw. Selbstbeobachtung. Diese interne Reflexion des Ich durch und auf das Ich nennt Fichte die - für Kant unmögliche - "intellektuelle Anschauung". Die "intellektuelle Anschauung" vollzieht sich innerhalb des Subjekts, das somit einerseits als Denkendes, andererseits als Gedachtes firmiert. Sich-selbst-setzen und Sein unterscheiden sich demnach für Fichte nicht, "das Ich setzt sich selbst, und es ist, vermöge dieses bloßen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt: das Ich ist, und es setzt sein Sein vermöge seines bloßen Seins". (So wie für Kant die intellektuelle Anschauung unmöglich ist, denn sie würde eine selbstreferentielle Erkenntnis ohne Bezug zur Außenwelt darstellen, so wird Hegel, indem er diese Selbstreferenz vom Subjekt loslöst und zur Arbeit des Begriffs rechnet, zur Grundlage seiner Dialektik machen können.)

Fichte versteht diese Anschauuung als ein thetisches Aufeinandertreffen, also eine formierte/formierende Zusammenstellung von Subjektivität ("Ichheit") und Objektivität, das heißt eine Objektivität und Subjektivität vereinende Fundamentalhandlung. Diese Fundamentalhandlung, die gleichbedeutend mit intellektueller Anschauung ist, liegt jedem aktuellen Handlungsakt zu Grunde. Dieses Sich-Begreifen ist die Bedingung für die Ausbildung des Selbstbewußtseins. Die Ursprünglichkeit und Allgemeinheit dieses zunächst subjektiven Prozesses wird für Fichte durch die Allgemeingültigkeit des Für-sich-selbst-seins des Ich und der daraus resultierenden Selbstbeobachtung gesichert. Durch die Allgemeinverbindlichkeit dieses Satzes wird der zunächst vom Subjekt her gedachte Prozeß objektiv - schließlich muß jedes denkende Wesen über dieses Selbstbewußtsein, das durchaus in der Tradition des Cartesianischen "Cogito" steht, verfügen können, um dann einzelne, konkrete Vorstellungen ausbilden zu können. Macht man nun diesen Vorgang selbst zum Gegenstand des Denkens - das nach Fichte eigenlich relevante philosophische Thema -, so wird man bis ins Unendliche vordringen können, ohne je ein über die Handlung hinausgehendes Objekt finden zu können, und selbst eine Wissenschaftslehre könne hier keine nähere Antwort bringen. Der Philosoph kann nur deshalb über ein Problem reflektieren, weil die Reflexion die Grundlage eines jeden kognitiven Prozesses ist. (Die fundamentale "Tathandlung" ist also, insofern sie keine konkrete Einzeltat beschreibt viel mehr als eine "Tun-Handlung" zu charakterisieren. Es handelt sich in dieser Infinitivform tatsächlich um eine infinite Form.) Das philosophische Tun ist also demnach nur eine Art erörternder Berichterstattung dessen, was der Fall ist, nicht aber eine Erklärung. Schon an dem von Fichte gewählten Begriff "Tathandlung" wird deutlich, daß das Ich kein Fixum darstellt, sondern eine Bewegung, die bei Fichte allerdings mehr oder weniger diffus bleibt und erst mit der Hegelschen Dialektik präzisiert wird. Das Ich ist ein intrasubjektiver Bezug zwischen sich selbst als Denkendem und Gedachtem, ein reflexives Handeln, das auf sich selbst Bezug nimmt und gleichsam in sich zurückkehrt. Als solches stellt es ein unendliches, reines und absolutes Ich dar.

Dieses reflexive, in sich zurückkehrende Handeln des Ich vollzieht sich, indem es sich ein Nicht-Ich entgegensetzt, das in seiner basalen Form nichts mit einem seienden Objekt im herkömmlichen Sinn zu tun hat. Als dem Ich entgegengesetzt imponiert dieses Nicht-Ich nur insofern, als es im Subjekt je schon eine Art institutionalisiertes "Nicht-Ich" gibt. Dieses "Nicht-Ich" ist ein formales Objekt der Reflexion des Ich, welches sich selbst als ein Anderes begegnet. Es gehört zum Ich, deshalb ist es kein konkretes Objekt der Außen- oder Innenwelt, sondern als "Nicht-Ich" eben Teil des Ich, andererseits ist es nicht das Ich selber, sondern seine Entgegensetzung, deshalb ist es "Nicht-Ich". Das Ich nimmt diese Selbst-Setzung vor, und es begegnet sich in einer verdoppelten Weise: zum ersten als unendlich und unbeschränkt, denn der Prozeß der Reflexion gelangt nirgendwo an ein fixiertes Ende, und zum zweiten als endlich und beschränkt, denn die Reflexion hat ihre Grenzen in der Form der Selbstbegegnung des Ich. "Die reine Tätigkeit aber ist diejenige, die gar kein Objekt hat sondern in sich selbst zurückgeht, (...) endlich ist das Ich, insofern es objektiv ist". Der Begriff des Seins ist aus dieser Perspektive keinesfalls ursprünglich; er ist ein aus dieser Fundamentalhandlung abgeleiteter. Fichte kann den Begriff "Sein" deshalb als bloß negativ bestimmen. Das einzig Positive besteht für Fichte in der freien Affirmation des Ich. Diese Relation zwischen Ich und Nicht-Ich, die für Fichte die Grundlage der Vernunft darstellt, ja diese selbst ist, stellt demnach nichts statisch Bestehendes vor, auch nicht etwas Bestehendes, dem die Tätigkeit bloß beiwohnt, ein "Tätiges". Sie wird vielmehr in ihrer allgemeinen Funktion der Gegensätzlichkeit zum - wie Fichte es abgrenzt - "Tun". Sie ist in ihrer Einheit nur als Bewegung erkennbar, die Einheit besteht in der Zweiheit, in der jedes der beiden Teile nur durch das jeweils andere wirklich sein kann. In einer nach der Wissenschaftslehre verfaßten Abhandlung, die sein Konzept einem skeptischen Publikum näher bringen sollte, zieht Fichte die Quintessenz, daß die Vernunft völlig selbständig sei. Tatsächliche Selbständigkeit und Vernunft sind für Fichte identische Begriffe. In cartesianischer Tradition muß alles, was Vernunft ist, in sich selbst begründet sein. Die Vernunft kann nur aus sich selbst heraus, nicht aber aus etwas außer ihr Liegendem erklärt werden. Wäre dies so, dann müßte sich nach Fichte die Vernunft in diesem Fremdbezug aufgeben. Die Vernunft ist, wenn man so will, reine Selbstorganisation.

Auffallend heute an dieser Subjektivitätskonzeption ist dieser selbstreferentieller Aufbau. Man schreibt viel über Kants Antizipation der Selbstorganisation innerhalb seiner Konzeption von Urteilskraft und Natur, und man läßt unbeachtet, daß Fichte - was dessen Konzeption der Subjektivität anbelangt - der Selbstorganisationstheoretiker schlechthin sein dürfte, was ihm selber nicht immer wohlwollend ausgelegt wurde. Die Spezifität seiner Konzeption der selbstreferentiellen Organisation liegt ohne Frage in ihrer Subjektbezogenheit, die die Selbstorganisation der Natur als abgeleitete verstehen würde, abgeleitet insofern, als jede Erkenntnis über Natur die - wenn man so will: - "Engführung des Subjekts" passieren muß, um überhaupt als Wissen über Natur firmieren zu können. Diese Konzeption der Subjektivität geht letztlich weit über die konstruktivistische Auffassung der Konstruktion der Welt durch das Subjekt hinaus. Wenngleich es hier zu einer mindest partiellen Konvergenz der Auffassungen kommen könnte, so liegt Fichtes Eigenart sicherlich in der spekulativen Befassung mit der Konstitution des Subjekts und nicht bloß in der Kommentierung seiner Sinnesphysiologie. (Der konstruktivistische Kommentar zur Sinnesphysiologie der Erkenntnis besagt ja nur, daß man mit den derzeit bekannten Apparaturen nicht mehr als das Förstersche "Krrr" zu hören und zu sehen bekommt - was sich ja in 10 Jahren geändert haben könnte, womit diese ganze Theoriekonzeption irrelevant würde.) Fichtes theoretische Befassung mit dem Subjekt versucht immerhin strukturelle Angaben über die Selbsterzeugung des Subjekts zu machen, eine Erzeugung, die wie sich mit Fichte - gewiß über den größten Teil der Strecke ohne dessen Intention - nachweisen läßt, hochgradig phantasmatisch ist. Wir werden folgend noch die Gelegenheit haben, diese Momente insbesondere in den genealogischen Kapiteln zum Subjekt genauer zu untersuchen und belassen es hier bei der Darstellung der Fichteschen Subjektivitätskonzeption.