Eckhard Hammel

Exkurs: Technische Entwicklungen im 19. Jahrhundert


TEIL 1

Die Zeitspanne vom 17. bis zum 18. Jahrhundert wurde von dem Problem mechanischer Funktionszusammenhänge dominiert. In 18. und 19. Jahrhundert lag ein entscheidender Akzent in der Erforschung des Problems der Kraft, eines im Vergleich zum Mechanismus weitaus "immaterielleren" Gegenstandes, den mechanistische Denker wie Descartes noch als göttliches Geheimnis und deshalb als den Wissenschaften unzugänglich einstufte. Das Wissen der beginnenden Moderne freilich entwickelte eine hypomnesis der Erzeugung, Bändigung und Regulation der Kraft, die unabdingbar war für die beginnende industrielle Produktion. In der Entwicklung der Dampfmaschinen und der elektrischen Maschinen von Experimentierapparaturen hin zu industriellen Werkzeugen lagen entscheidende technischen Neuerungen. Die Erfindung der ersten Dampfmaschine durch den Grubeningenieur Thomas Newcomen und den Militärtechniker Thomas Savery Ende des 17. Jahrhunderts erfährt ihre technische Blütezeit mit der Weiterentwicklung durch James Watt Mitte des 18. Jahrhunderts, welche erst zur kommerziellen Nutzung der Dampfenergie in Schiffs-, Eisenbahn- und Maschinenbau führte: George Stevenson entwickelte die schon zur Jahrhundertende von Richard Trevithicks gebaute Lokomotive mit seinen Typen "Locomotion" und "Rocket" weiter, die 1825 beziehungsweise 1830 für Geschwindigkeitsrekorde sorgten; der Eisenbahningenieur Isambard Brunel baute Anfang bis Mitte des 18. Jahrhunderts die ersten erfolgreichen Ozeandampfer.

Der Einfluß dieser Technologie erstreckt sich auch auf die Künste. Der berühmt gewordene Satz Victor Hugos aus einem Brief von 1837 mag dies beispielhaft verdeutlichen. Er schreibt dort über seine Empfindungen während einer Reise mit der Eisenbahn: "die Blumen am Feldrain sind keine Blumen mehr, sondern Farbflecken oder vielmehr rote oder weiße Streifen, die Getreidefelder werden zu langen gelben Strichen" usw. Robert Delaunay hat aus diesen Entdeckungen seinen "Simultanismus" bzw. "Orphismus" abgeleitet. 1914 wird Appolinaire seinen Artikel "Simultanéisme - Librettisme" publizieren; die erste künstlerische Formulierung einer Erfahrung, die wesentlich mehr als der Forderung nach dem Gesamtkunstwerk entspricht. Sie stellt als synästhetische Erfahrung eine Vorform der Cyber-Empirie dar.

James Nasmyth, ein Student Henry Maudslays, des Vaters des Werkzeugmaschinenbaus, gelang 1834 die Entwicklung des "Steamhammer", des Dampfhammers, mit dem das Fundament der industriellen Revolution gelegt wurde. Im Katalogtext zur Weltausstellung 1851 wurde begeistert auf die Regulationsmöglichkeit der Kraft verwiesen: Der Dampfhammer besitze nicht nur kolossale Stoßkraft, er sei auch im Stande eine Eierschale bloß anzubrechen. 1869 verwandelte Aristide Bergès mit Hilfe einer Turbine die Energie des Wassers in Elektrizität; 1871 konnte Zénobe Gramme der Pariser Akademie der Wissenschaften seinen Dynamo präsentieren, der die Erzeugung von Gleichstrom ermöglichte. Ein Jahr nach der ersten Weltausstellung für Elektrizität, die 1881 in Paris veranstaltet worden war, gelang es den Ingenieuren Deprez und von Miller eine Ladung von über 1300 Volt 53 Kilometer von Miesbach nach München zu leiten. Die Erforschung der Elektrizität stellt neben und mit der Entwicklung der Dampfmaschine das Diskrimen zur Technologie der vorhergehenden Jahrhunderte dar.

Dazu komplementär entwickelte sich die Wissenschaft der Physiologie, die Schopenhauer als den Gipfel aller Wissenschaft von der Natur bezeichnen wird. Gewiß waren Probleme der Physiologie zu allen Zeiten Thema philosophischer und medizinischer Betrachtungen, zum Schwerpunkt wissenschaftlicher Forschung wurden sie jedoch erst im 19. Jahrhundert. Das Problem der Kraft war nicht nur für Descartes ein metaphysisches Problem, von dem er glaubte, daß nur ein Gott ein Wissen um sie hätte; selbst Newton beschrieb noch die Effekte der Abstoßung rotierender Körper als göttliche Bestimmung. Bei der wissenschaftlichen und philosophischen Diskussion des Kraftproblems stellte die Kraft des Lebens eine in besonderem Maße unerfindliche Größe dar. Die Ableitung organischer Lebensprozesse aus anorganischen Strukturen erschien unmöglich. Das änderte sich mit den Arbeiten des Chemikers Friedrich Wöhler, der 1828 den Harnstoff erstmalig völlig synthetisch reproduzierte. Seit 1825 arbeitet Justus Liebig als Ordinarius für Chemie an der Universität Gießen. Seine Forschungen über den Ernährungshaushalt sind eng verbunden mit dem Problem der Krafterhaltung des Organismus. 1833-40 schließlich erscheint Johannes Müllers "Handbuch der Physiologie des Menschen". Im Gegensatz zum Fortschritt der Anatomie galt die Galensche Medizin in Gestalt der Elementenlehre innerhalb der Physiologie noch bis ins 19. Jahrhundert.

Dem Arzt und Physiker Robert Mayer stellt um 1830 ein aufmerksamer Seemann die Frage, warum sich das Wasser nach einem Sturm aufheize. Diese Unterhaltung wird zu einem Schlüsselerlebnis für seine weiteren Forschungen über die Konstanz der gegebenen Energie bei physikalischen und chemischen Prozessen.

Die physikalisch-technische Dynamik und die Erforschung der Energie liefernden Stoffwechselprozesse gehören zusammen. Luigi Galvani hat diesen Zusammenhang klar gesehen. Bereits 1780 machte er seine bekannte Entdeckung, daß die "Natur der Lebensgeister", wie er sich ausdrückte, in der Elektrizität besteht.

Formen des Aufschlusses über das Verhältnis von Mensch und Maschine finden sich in der Literatur. Es ist nicht mehr der Automatenmensch Hoffmanns; es ist nunmehr der Kraftmensch diejenige literarische Figur, die sich bis in die Zeit des Faschismus des beginnenden 20. Jahrhunderts hält. Die gesamte Schauerromantik dieser Zeit beispielsweise basiert auf dem Problem Kraft, insbesondere der unzähmbaren, bösen Kraft, die dort als ein machtvoller Gegenpol zum "mechanisch" kalkulierenden und von daher berechenbaren Verstand (und Vernunft) cartesianischer und kantianischer Prägung fungiert. Besonders deutlich zeigt sich der Einfluß der Dynamik auf der Seite literarischer Frauenfiguren. Hoffmanns Olimpia hat sich zu Wagners Walküre gemausert. Die Walküre ist kein Automat mehr, sie ist ein Kraftwesen, das dem Mann in nichts nachsteht. Insbesondere eine Figur wie E. Villiers elektrische "L'Eve Future" von 1886 zeigt den Paradigmenwechsel von der Mechanik zur Dynamik. Nietzsches von Schopenhauer übernommene und gegen Descartes und Kant gewandte dynamistische Affektentheorie, die später Einfluß auf die wissenschaftliche Begründung der Psychologie haben sollte, führt zu der Figur des Übermenschen, die ein dynamistisches Menschenbild weit über Nietzsches Zeit hinaus beeinflussen wird und selbst Ausdruck der paradigmatischen Veränderungen seiner Zeit ist - des nämlichen Blickrichtungwechsels von mechanischen Funktionen zu dynamischen Prozessen.

Für die Epoche der Mechanik waren die Phänomene der zeitlichen Begrenzung offenbar kein Gegenstand, der einer genaueren Reflexion würdig gewesen wäre. Erst mit der Entdeckung der Dynamik und dem Problem der Kraft und damit eng verbunden ihrer Regulation wird die Zeit zu einem ernst zu nehmenden Problem. Die Anwendung und Umsetzung von Kräften bedarf eines der Zeit unterworfenen Haushaltens. Daß die dynamis sich verbraucht, dies brachten am eindringlichsten die 1862 von Rudolf Clausius reformulierten thermodynamischen Hauptsätze zum Ausdruck. Tatsächlich ist es die Zeitspanne vom 18. bis zum 19. Jahrhundert, die die Zeit im eigentlichen Sinn entdeckt. Wird die Zeit zunächst als eine Funktion des technischen Fortschritts bedeutsam, so passen sich auch die Geisteswissenschaften diesem Paradigmenwechsel an. Im Anschluß an das Enzyklopädiewesen etabliert sich nicht nur eine Geschichtswissenschaft, nahezu jeder Wissenschaftszweig entwickelt seine eigene historische Forschung.

1844 wurde die erste Telegraphenleitung zwischen Washington und Baltimore eingerichtet. In dieser Technologie der telegraphischen Interaktion, deren rasante Entwicklung Samuel Morse Ende der 30er Jahre ermöglichte, repräsentiert sich der kommunikationstechnologische Standard dieser Zeit. Die Rückkopplungsschleife zwischen Sender und Empfänger auf der Ebene der Telegraphie ist im Gegensatz zur Briefpost deutlich minimiert. Indem sich dergestalt die Zeit des Wartens verkürzte, verkürzte sich auch die generelle Empfindung der Zeit. Die Telegraphie bedurfte noch des materiellen Trägers. Bevor man sich drahtloser Kommunikationsmedien bedienen konnte, mußten Telegraphenleitungen installiert werden, die die Energie in Gestalt der Signale übermittelten. Und so wie das hypomnestische System "Briefpost" einer mechanischen Erweiterung der Anatomie entsprach, so entsprach das hypomnestische System "Telegraphie" einer Erweiterung der physiolgischen dynamis. Die Analogie der externen Kommunikation zur internen Kommunikation, den physiologischen Transportwegen (Adern, Nerven usw.), ist offensichtlich, und man hat sich nicht nur in der Literatur mit ihr auseinander setzen müssen: Wie eine philosopische Replik auf die Erfindung der Telegraphie erschien vierzig Jahre später Ernst Kapps Arbeit "Grundlinien einer Philosophie der Technik. Zur Entstehungsgeschichte der Cultur aus neuen Gesichtspunkten". Kapp interpretierte darin die nunmehr etablierte Telegraphie als Projektion des menschlichen Nervensystems. Die Pointe seiner Spekulation über die Entstehungsgeschichte von Kultur und Technik liegt in der Zusammenführung von menschlicher physis und Maschine. Seine Überlegungen basieren auf dem einfachen Gedanken, daß die Gebrauchsdinge vom Menschen hervorgebracht sind, und daß es deshalb eine - wenn auch nur spekulativ - beschreibbare Beziehung zwischen Körper und Maschine geben müsse. Insbesondere zu Anfang des 20. Jahrhunderts beziehen sich zahlreiche Autoren, insbesondere aus dem Umkreis von Konstruktivismus, Suprematismus und Futurismus auf diese Bezeihung zwischen Mensch und Maschine. So schreibt Chr. Ries in seinem Werk "Sehende Maschinen" von 1916: "Wir ersetzen das Leben durch den elektrischen Strom, das Licht durch die elektrische Lampe, das Auge bzw. die Netzhaut durch eine lichtempfindliche Substanz, den Sehnerv durch elektrische Stromleitungen, das Gehirn durch ein Meßinstrument..." usw.

Die eingängigste Inszenierung dieser Beziehung zwischen Körper und hypomnestischem Ding leistet weder ein Wissenschaftler noch ein Künstler, sondern ein Jurist. In seinen 1903 publizierten "Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken" dokumentiert der berühmte Gerichtspräsident Daniel Paul Schreber sein Leben. Diese Autobiographie stellt eine reflexive Parade auf die Kommunikationstechnik des 19. Jahrhunderts dar. Schreber nämlich begreift seine gesamte Innerlichkeit mit den Zentren Rückenmark und Gehirn als ein physiologisches System, vernetzt nach dem Modell der Telegraphie - gemäß übrigens den theoretischen Prämissen seines Psychiaters, des Neurologen Paul Flechsig, der 1876 seinen entscheidenden Beitrag innerhalb der Geschichte der Neurophysiologie mit seiner Veröffentlichung über "Die Leitungsbahnen im Gehirn und Rückenmark des Menschen" leistete. Schreber zeigt hier nicht mehr und nicht weniger, als daß die Dinge in der Rückwirkung auf den Körper diesen erst repräsentierbar machen. Schreber bewerkstelligt nicht nur diesen reflexiven Umweg der Interpretation seines physischen Körpers auf dem Hintergrund der zeitgenössischen Technologie: Was sein Delirium über die Strahlenverbindung zwischen ihm und dem Anderen anbelangt, so antizipieren seine Aufzeichnungen sogar die naturwissenschaftlich-technischen Forschungsinteressen des frühen 20. Jahrhunderts. Man muß hinzufügen, daß das große Rätsel für die Medizin des endenden 19. Jahrhunderts, die Hysterie - im Gegensatz etwa zum Problem der Hypochondrie, mit der sich der Diskurs der Medizin des 18. Jahrhunderts aufwendig beschäftigt - ebenfalls die Parameter der Dynamik impliziert: Charcot und seine Kollegen in der Salpetière versuchten die geheime Kraft zu entschlüsseln, die den Körper in der Konversionsneurose schüttelte.




TEIL 2: Ausblick

Das beschriebene gesamtkulturelles Interesse, das von seinem Gegenstand "mechanistische Funktionen" zu dem Gegenstand "dynamische Prozesse" fortschreitet, findet ihren weiteren Fortschritt in der folgend beschriebenen Entwicklung. Als Hypothese gelte, daß auch hier einerseits die "Psychologie" Nietzsches, andererseits seine späte "Theorie der Machtquanten" Einfluß - zumindest auf die Literatur - genommen hat.

James Maxwells Analyse des Elektromagnetismus Mitte des 19. Jahrhunderts kann als einer der Hauptausgangspunkte der wissenschaftlichen Entwicklungen um die Jahrhundertwende und danach gelten. Es gab kaum eine technisch-naturwissenschaftliche Disziplin, die nicht mit seiner Entdeckung experimentiert hätte. So hatte 1894/95 auch der Physiker Wilhelm Röntgen Experimente gemacht. Die Zusammenfassung seiner Ergebnisse trug er unter dem Titel "Über eine neue Art von Strahlen" am 23. Januar 1896 der Physikalisch-Medizinischen Gesellschaft in Würzburg vor. Seine Entdeckung sollte weitaus mehr bewirken als bloß eine Revolution auf dem Gebiet der medizinischen Diagnosetechnik. Henri Becquerel experimentierte 1896 mit der Entdeckung Röntgens und stieß bei der Untersuchung einer Uranverbindung auf die elektromagnetisch reagierenden Phänomene, die heute Gamma-Strahlen genannt werden. Von den Experimenten Becquerels und Röntgens inspiriert, gelang den Physikern Marie und Pierre Curie um die Jahrhundertwende der Nachweis zweier radioaktiver Elemente, Polonium und Radium.

Der Gegenstand der physikalischen Forschung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts liegt in der Welt der unsichtbaren Strukturen, der Welt der Elementarteilchen, der Frequenzen und der Strahlung. Im Vergleich zu klassischer Mechanik und Dynamik ist der Untersuchungsgegenstand in einem noch höheren Grad "immateriell". Die Untersuchungen, die über diese "Welt der Strahlung" angestellt wurden - Albert Einsteins Lichtquantentheorie von 1905 ist die vielleicht berühmteste dieser Untersuchungen -, führt konsequenterweise zur Elementarphysik unserer Tage. Ungeachtet der "Teilchen-Welle-Diskussion" handelt es sich durchgängig um Phänomene der Strahlung, ihrer Perioden und Frequenzen, deren Grundlage das Problem des atomaren Energiezustands bildet. Auch hier bleibt die Kunst von diesen Entdeckungen nicht unberührt. So schreibt beispielsweise André Breton im "Ersten Manifest" von 1929: "Der Surrealismus ist der unsichtbare Strahl" aus einer anderen Wirklichkeit.

Mit der fortschreitenden Immaterialisierung der physis durch die Naturwissenschaften ergab sich evidentermaßen eine Diskrepanz zwischen dem sinnlich unmittelbar Wahrnehmbaren und den nur vermittelt über technische Apparaturen wahrnehmbaren Eigenschaften der Natur. Wahrnehmung und Bewußtsein der Menschen erwiesen sich als hochgradig selektiv und imaginär, sie entsprachen plötzlich nicht mehr der realen physis. Heisenberg hat dies 1959 in einem Kommentar zur Kopenhagener Deutung der Relativitätstheorie indirekt zum Ausdruck gebracht, indem er feststellte, daß der Mensch bei der Untersuchung der Welt Beobachter und Mitspieler zugleich sei. Daß Ort und Geschwindigkeit eines Quantums nicht synchron angegeben werden konnten, war für die Physik des frühen 20. Jahrhunderts Zeichen für die Differenz zwischen den Dingen und dem menschlichen Bewußtsein, welches sich - ähnlich wie bei dem Problem der physikalischen Formulierung des Lichts - offenbar in den Untersuchungsprozeß einmischte. Diese Eigenmacht des menschlichen Bewußtseins, sei sie klärend oder fälschend verstanden, hat die gesamte Erkenntnistheorie von damals bis heute entscheidend beeinflußt. Das Bewußtsein nämlich galt als spezielle Auszeichnung des Menschen. Mit der Hypothese über dieses aktive Bewußtsein ließ die Quantenphysik dem Menschen noch die Illusion seiner Subjektivität.

Auf kommunikationstechnologischer Ebene überlappen sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Entwicklungslinien. Ein Professor der Stimmphysiologie namens Alexander Bell hatte 1876 ein Patent angemeldet. Aus der Weiterentwicklung der Telegraphie heraus erfand er das Telefon, bei dem bekanntlich menschliche Stimmen über große Distanzen übertragen werden können. Das klingt heute banal, heißt aber doch, und darin bestand auch das Hauptproblem bei seiner Konstruktion, daß menschliche Stimmen in elektrische Signale umgewandelt werden müssen, bevor sie am anderen Ende der Leitung wieder als Stimme hörbar gemacht werden können. Es ist eine simple Tatsache, die es aber doch in sich hat: Dem Empfänger des Briefes war immer klar, daß er es nicht mit dem Absender zu tun hatte, denn er hielt ein Stück Papier in seinen Händen, welches möglicherweise seinen Absender schon überdauert hatte, als der Empfänger ihn öffnete. Diese Zeitspanne zwischen Senden und Empfangen war identisch mit der Differenz zwischen Kommunikationsmedium und Mensch. Auch bei der Telegraphie mußten die Tonsignale des Morsealphabets noch in eine verständliche Sprache übersetzt werden. Das Telefon hingegen sorgte für den Fortschritt der Indifferenzierung zwischen hypomnestischem Ding und der menschlichen mneme, denn durch die zeitliche Reduktion der Rückkopplungsschleife verschwand es gleichsam vor der unmittelbaren Präsenz des Anderen, die es freilich gerade dadurch erst ermöglichte.

Es gab in dieser Hinsicht aber noch bedeutendere Apparaturen, deren teils zunächst heimliche Erfindung später zu einer öffentlichen Institution avancierte. Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts hatte der Helmholtz-Schüler Heinrich Hertz versucht, die Maxwellsche These über magnetische Wellenstrahlung experimentell nachzuweisen. Hertz fand tatsächlich eine Strahlung vor, die die Wellenbewegung des Lichts gigantisch überstieg. Deren Bedeutung wurde allerdings erst fünf Jahre nach seinem Tod deutlich, als nämlich 1901 die erste drahtlose Funkverbindung von Cornwall zum Signal Hill in Neufundland über 3000 Kilometer gelang. Mit dieser Funkverbindung waren die Grundlagen für eine weitere Entwicklungslinie gelegt: Guglielmo Marconi entwickelte aus seiner Arbeit, die mit Versuchen über die Hertzschen Wellen begann und 1909 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, den Prototypen des Radios. Wenn sich auch die Teilnehmer noch mit Kopfhörern an ihr Gerät anschließen mußten, so konnte das erste "Wireless" dennoch bereits 1922 in Serie gehen.

Auf der Ebene der Wissenschaften vom Menschen etabliert sich Anfang des 20. Jahrhunderts die Psychologie und insbesondere die Psychoanalyse. Die Parallelle zu den Naturwissenschaften ist dabei in der Immaterialität des Untersuchungsgegenstandes zu sehen. Die wissenschaftliche Pointe der Psychoanalyse besteht im Gegensatz zu mechanistischer Anatomie und dynamistischer Physiologie in der Behauptung, daß der physikalisch-chemisch-biologische Aufbau des Menschen nicht hinreiche, diesen vollständig und adäquat zu beschreiben. Auch wenn für Freud sowohl der Mechanismusbegriff als auch die Psychodynamik eine Rolle spielen, so sind die eigentlich bedeutsamen, die Persönlichkeit bildenden Faktoren nur sekundär mechanischer und dynamischer Natur; sie sind in erster Linie die viel "immaterielleren" Sinneserfahrungen des Sehens und des Hörens. Alle wesentlichen Traumatisierungen spielen sich in der Freudschen Psychoanalyse auf diesem Hintergrund ab. Die Dynamik in 18. und 19. Jahrhundert entdeckte die Zeit in den linearen und irreversiblen Prozessen. Sigmund Freud wird um 1900 mit seiner Feststellung, daß das Unbewußte des Menschen zeitlos strukturiert sei, behaupten, daß dem Zeitbegriff der Dynamik eine umgreifende Reversibilität zwischen Mensch und Ding zu Grunde liegt, die er "Todestrieb" nennt.

Als Reaktion auf Röntgens Entdeckung blühte das Satire- und Karrikaturwesen. Überall in Zeitschriften und Zeitungen stieß man auf Zeichnungen skeletthafter Gestalten, die dessen Entdeckung als "neue Seinserfahrung" persiflierten. Besonders beliebt waren die männlichen Brillenträger, die durch ihre Röntgengläser die Damen wenigstens visuell zu entkleiden vermochten. Solchen Karrikaturen hat kein geringerer als Marshall McLuhan in der Mitte des 20. Jahrhunderts ein seriöses Fundament verliehen. Indem McLuhan die gesamte Medientechnologie als Projektion des menschlichen Nervensystems deutet, führt er den Gedanken Kapps auf zeitgenössische Art und Weise weiter. Der genealogische Produktionshintergrund, den auch Kapp seinen Überlegungen zu Grunde legte, daß nämlich der Mensch es sei, der die Welt der Dinge hervorbringt, wird von McLuhan explizit um jene reflexive Komponente erweitert, die wir oben bei Schreber erläutert haben. Den Menschen sinnvoll, das heißt auf dem Hintergrund aktueller Parameter zu untersuchen, zu interpretieren und zu verstehen, dies ist McLuhan zufolge immer nur auf dem Hintergrund des jeweils gegenwärtigen Stands der technologischen Entwicklung möglich.

Zum ersten bringt dies nicht mehr und nicht weniger als die wissenschaftliche Selbstverständlichkeit zum Ausdruck, daß ein gegebener Untersuchungsgegenstand mit neuesten und nicht mit technisch veralteten Geräten examiniert wird. Zum zweiten beschreibt McLuhan damit eine reversible Beziehung zwischen Mensch und Ding: Begreift er den physischen Körper zunächst als Matrix der Technologie, so dient der technologische Entwicklungsstand dann umgekehrt als Matrix zum Verständnis des Menschen. Exakt dieses Verhältnis hatte Schreber in seiner pathologischen Reaktion auf die Telegraphie zum Ausdruck gebracht. McLuhan bedient sich bei der Erörterung des durch die neuen Medien verursachten Sinneswandels der Menschen einer "Metapher", die im oben bezeichneten Sinn mehr impliziert als ein bloß sprachliches Bild zu sein. Er verspricht sich von den neuen Medien eine Rückwirkung auf Wahrnehmung und Bewußtsein des Menschen und findet ein Beispiel für die daraus resultierende Intensivierung des Gefühlsbestandes in der Betrachtung der Figur der anorektischen Twiggy. Die nämlich nähme man im Gegensatz zur "rubenshaften" Sophia Loren wie mit einem Röntgenstrahl wahr - der allerdings gerade das Nicht-Lebende am Lebenden enthüllt.


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