Eckhard Hammel

Grammatik


Anthropologische Grammatik

Dem "Grundschema von möglichen Philosophien" (JGB V 34), das den Rahmen des abendländischen Philosophierens vorgibt, liegt für Nietzsche die beschriebene Systematik zu Grunde, innerhalb welcher gilt, daß alle Begriffe und Kategorien nur "in Beziehung (...) zueinander" - nicht aber etwas jeweils "Für-sich-Wachsendes" (ebd.) darstellen. Eine Untersuchung der abendländischen Gedankenwelt unter diesen Gesichtspunkten ist Nietzsche zufolge noch nie unternommen worden. "Noch jetzt ist die eigentliche Kritik der Begriffe oder (...) eine wirkliche `Entstehungsgeschichte des Denkens` von den meisten Philos(ophen) nicht einmal geahnt" (NF XI 643). Dasjenige, was die philosophischen Begriffe "in bestimmter Ordnung hintereinander her" treibt (JGB V 34), das ist "eben jene eingeborene Systematik und Verwandtschaft der Begriffe" (ebd.). Der Begriff "eingeboren" bezieht sich auf die "Systematik" der Begriffe innerhalb einer aufgrund von angezüchteter Gewohnheit angewandten Rationalität. Nietzsche kann deshalb von einem "Vorurtheil" (GD VI 77) sprechen, wenn der philosophische Diskurs über "Einheit, Identität, Dauer, Substanz, Ursache, Dinglichkeit, Sein" (ebd.) handelt. Aus dem "Vertrauen" an die Erkenntniskraft des vernunftgeleiteten Denkens folgt ein stillschweigendes Akzeptieren dieser Logik: die "Grammatik als veritas aeterna und folglich als Subjekt Prädikat und Objekt" (NF XI 637). Nietzsche geht so in seiner Kritik der Erkenntnis(theorie) über Kant und seine Kritik der Erkenntnisarten hinaus - die Anwendung begrifflichen Denkens impliziert nicht nur die Möglichkeit "falscher", (d.h., dem Leben auf der Erde widersprechender) Vorstellungen über die Wirklichkeit, sondern sie führt diese mit Notwendigkeit herbei, "das Vernunft-Vorurtheil (...) necessiert zum Irrthum" (JGB, V 34). Die Instrumente dieses Irrtums sind "Auge" und "Sprache" (ebd.).

Am Anfang steht nach Nietzsche die Wahrnehmung, daß es "Thäter und Thun" (JGB V 34) gibt, daraus deutet sich "die Vernunft" die Notwendigkeit, daß etwas als "Ursache" (ebd.) wirken müsse, welches nur der "Wille" (ebd.) als grundsätzliche Absicht sein könne. Aus narzißtischen Machtggründen wird er als "Vermögen" (ebd.) dem "atomaren Seelen-Ich" zugedichtet. Dieses "Ich" als erste Substanz wirkt dann ein auf die begegnenden Gegenstände, die ebenfalls für substanzielle "Dinge" (ebd.) genommen werden. Der Begriff "Sein" (ebd.) bezeichnet dann nur den jeweils aktiven und passiven Pol des Wirkungsgeschehens. Der Begriff "Sein" ist als Derivation des Erscheinungsbildes der Wahrnehmungen nicht einer, der sich der "Erfahrung des Bewußtseins" (Hegel, PdG) als Synthese eines "Aufhebungsprozesses" deutlich macht, sondern er ist im Gegensatz zu dem Hegelschen "Aufgehobensein" immer "untergeschoben" (GD VI 77), das heißt er ist eine vom wirklichen Geschehen zu unterscheidende Konstruktion.

"Es sind die grammatischen Funktionen die bestgeglaubten Dinge" (NF XI 643), die auf den Glauben an die Begriffe rückwirken und die ihrerseits ihre Begründung im Wahrnehmungsapparat finden. In diesem Zusammenhang entspricht das Subjekt, der aktive Pol, dem subiectum als dem Zu-Grunde-gelegten im Sinn von Untergeschobenem. Der Begriff des willentlich Erkennenden ist hier eng verknüpft mit dem Subjekt als aktivem Satzgegenstand. Dem Begriff Substanz entspricht die Bedeutung des Zu-Grunde-gelegten. Die grammatische Form dieses Subjekts ist in der Regel das Substantiv, das dem "Täter" entspricht. (Im Umfeld des Gegensatzpaares Subjekt-Objekt ist auch das Objekt der grammatischen Kategorie: Substantiv zugehörig, sein vom Subjekt des Erkennens übertragener Substanzbegriff schlägt sich in der Übersetzung des "Substantivs" als "Dingwort" nieder). Ein alleinstehendes Substantiv (dazu gehören auch alleinstehende Verben) hat immer den Rang einer Universalie, als "Nomen" wird es "nominativ" gedacht wieder zum handelnden, verursachenden Subjekt. "Psychologisch nachgerechnet ist es der Glaube, der sich im Verbum ausdrückt, Activum und Passivum, Thun und Leiden" (NF XII 249), der aus Gründen falscher Verdinglichung den Irrtum der Auffassung über Kausalität entstehen läßt (JGB V 35). Das Verb drückt hier die Fähigkeit des Substantives aus, auf etwas (inklusive sich selbst) einzuwirken, es vermittelt zwischen dem aktiven und passiven Pol. Dieser stellt im Grunde schon das Wirkungsgeschehen in zweiter Potenz dar als primäre Spontaneität steht der Wille des (ersten) Bewegers. Die erste Wirkung ist die Handlung selbst, die Ergebnis der direkten Willenseinwirkung ist. Dann folgt das Objekt, auf das mittels der Handlung eingewirkt wird. Im letzten Sinne hat das Verb prädikativen Charakter - jedoch nicht im Sinne einer bloßen Eigenschaft, sondern im Sinne einer Fähigkeit etwas zu bewirken. So zeichnet sich die Bedeutung des Prädikats hier nicht nur als Kriterium der Unterscheibarkeit anhand von Zugehörigkeiten ab (wie in der Prädikatenlogik: f(x)- eine Individuenvariable wird einem Prädikat zugeordnet), aber als Handlungsfähigkeit, die Differenzierung nach Indizien für Verhältnisse von Machtgewinn und -verlust schafft. So verstanden steckt hinter der "Trennung des Geschehens in ein Thun und ein Leiden die Supposition eines Thuenden" (NF XII 249). Hier bedeuten Aktiv und Passiv nichts anderes als "herr-werden und überwältigt werden" (NF XII 311). Die "`Ich-Vorstellung`" (NF XII 250) wird mit ihren Machtansprüchen immer hinzugedichtet; "Alles Geschehen ist als Thun ausgelegt worden: mit der Mythologie, ein dem `Ich` entsprechendes Wesen" (ebd.). Der interpretative Drang geht also noch weiter, der "Täter" braucht dem "Ich" notfalls nur entsprechen; in animistischer Auslegung wird allem Geschehen, allem durch den Charakter des Werdens Gekennzeichnetem, ein Seiendes untergeschoben. Dies zeigt sich in der Grammatik an der Kategorie des unpersönlichen Subjekts: "`es` (zu dem sich das ehrliche alte Ich verflüchtigt hat)" (JGB V 31). Dies "es" wird von Nietzsche als "Auslegung des Vorgangs" (ebd.) entlarvt, nach dem Schema, daß zu jeder Tätigkeit ein Täter "gehört", bzw. daß alles Werden auf ein Sein reduzierbar sei: "Von jenen Veränderungen, die an uns vorgehen und von denen wir bestimmt glauben, nicht selbst die Ursachen zu sein, schließen wir nur, daß sie Wirkungen sein müssen: nach dem Schluß: `zu jeder Veränderung gehört ein Urheber`. - Aber dieser Schluß ist Mythologie: er trennt das Wirkende und das Wirken" (NF XII 103). Glaubt man dann tatsächlich an die "Rechtmäßigkeit" dieser grammatisch vorgegebenen Struktur der Dinge, wie sie in der Sprache erscheint, so erliegt man dem "Fallstrick der Worte"; zu diesem gehört auch das "es" (NF XI 639). Insbesondere in JGB hat sich Nietzsche mit diesem Problem auseinandergesetzt: "Gerade wo Sprachverwandtschaft vorliegt, ist es gar nicht zu vermeiden, dass, Dank der gemeinsamen Philosophie der Grammatik - ich meine Dank der unbewußten Herrschaft und Führung durch gleiche grammatische Funktionen - von vornherein Alles für eine gleichartige Entwicklung und Reihenfolge der philosophischen Systeme vorbereitet liegt: ebenso wie zu gewissen anderen Möglichkeiten der Welt-Ausdeutung der Weg wie abgesperrt erscheint" (JGB V 34f). Nietzsche wagt, ausgehend von dieser Interpretation der Systemphilosophie als Grammatikderivat, die Hypothese, das in Sprachbereichen mit andersartiger Gewichtung und Entwicklung der Begriffe möglicherweise auch das Weltbild der Sprechenden ein anderes ist. Eine Begründung dieser unterschiedlichen Entwicklungen ergäbe sich aus anderen Wertschätzungen, die Physiologie und die "Rasse-Bedingungen" betreffend (JGB V 35). Ausgehend von dem Gedanken, daß Sprache das ist, "was Erfahrung für uns durch Implikationen definiert" (Sapir) sind in der Ethno-Linguistik Untersuchungen in dieser Richtung erfolgt. Nicht zuletzt der Ethnolinguist Benjamin L. Whorf hat Nietzsches Hypothesen empirisch bestätigt, indem ihn seine Untersuchungen zu dem Ergebnis eines "neuen Relativitätsprinzips, das besagt, daß nicht alle Beobachter durch die gleichen physikalischen Sachverhalte zu einem gleichen Weltbild geführt werden, es sei denn, ihre linguistischen Hintergründe sind ähnlich" (Whorf: SDW 12). Die Wahrnehmungen sind weiterhin eine Angelegenheit der "Formulierungen" (SDW 34), die die verschiedenen "Muttersprachen" (SDW 39) für entsprechende Sachverhalte vorsehen (zum Problem des "es", vgl. SDW 43f).

"Die subjektive Gewissheit in der Handhabung der Vernunft-Kategorien" (GD VI 77) seitens der abendländischen Philosophen, ändert nichts am objektiven Tatbestand, daß alle Begriffe z.B. der souveraine "Wille" "bloss ein Wort ist" (ebd.). Ja, der Glaube an die Möglichkeit der Gewissheit ist schon "ein Glaube mehr, und keine Gewißheit" (NF XI 641). (Anstelle der "`unmittelbaren Gewißheit`" (NF, XI 637) und ihrer Ableitungen fordert Nietzsche eine Unterteilung der Geschehnisse nach "Graden des Scheins" (ebd.).)

Nietzsche spricht in dieser Weise sämtlichen klassischen Begriffen ihre Bedeutung aber auch ihre Nützlichkeit ab. Die "Vernunft" beispielsweise ist eine "Sprach-Metaphysik" (GD VI 77; NF XII 237). Für die Philosophen ergeben sich hier Schwierigkeiten, die benannt werden müssen: "Wir werden am letzten den ältesten Bestand von Metaphysik loswerden können - jenen Bestand, welcher in der Sprache und den grammatischen Kategorien sich einverleibt und dermaaßen unentbehrlich gemacht hat, daß es scheinen möchte, wir würden aufhören denken zu können, wenn wir auf diese Metaphysik Verzicht leisteten" (GD VI 77). Der Glaube an das machtvolle "Ich, als an eine Substanz" (NF XII 317) gehört zu den Bestimmungen, die der Sprache eignen und die sich in der Sprache rückwirkend selbst bestätigen. So hieße es möglicherweise für den Menschen - gäbe er diesen Glauben auf: "nicht-mehr-denken-dürfen" (ebd.), zumindest nicht nach der "aristotelischen" Grammatik.