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Deleuze/Guattari |
Gilles Deleuzes und Félix
Guattaris Ethnologie. Ein Exkurs
unüberarbeiteter Text von 1981
Die "territoriale Repräsentation"
ist eine "primitive Territorialmaschine", die die Ströme
codiert, die vormals germiale Intensität waren; sie "besetzt
die Organe" als die vormals unabhängigen Partiale, "kennzeichnet
die Körper", die somit zur Folie werden, auf denen die
materiale Relation Wunsch - Organ zu unabhängigen Zeichenketten
formalisiert wird; die Intensität "Wunsch" wird
so abgeschnitten von der rein organischen Repräsentation.
"Inwieweit zirkuliert und getauscht wird, bleibt zweitrangig
...". In diesem Sinn gilt: "primär ist die Gesellschaft
kein Bereich des Tausches, worin die Zirkulation und das Zirkulierenlassen
das Wesentliche ausmachte, sondern sie ist Sozius der Einschreibung".
"Einschreibung" bedeutet im Umfeld der territorialen
Repräsentation: Initiationsritus, der sich gegen die germialen
Wunschströme richtet, um sie zu codieren, dem Sozius zu unterwerfen.
Ein extensives System, das Personen unterscheidbar macht und die
Zeichen in bestimmter Weise gebraucht" ist Voraussetzung
und Folge dieses Herrschaftsverhältnisses. Dazu ist es unabdingbar,
daß die intensiven Wünsche mehr produzieren als nur
sich selbst; sie müssen zunächst quantifizierbar, dann
blockierbar, umleitbar, ableitbar werden, wenn sie entfremdet
werden sollen - eine Gewinn-Verlust-Rechnung, die auf der Quantifizierung
von Energie beruht, wird eröffnet. Ein Teil der Energie wird
in diese Richtung, ein anderer Teil in jene geleitet (ebd.). Dieses
extensive System: Sozius formt erst den "Menschen",
der "durch ein aktives Vermögen zum Vergessen, zur Verdrängung
des biologischen Gedächtnisses sich gebildet" hatte.
Der Mensch muß sich ein neues "kollektives Gedächtnis"
schaffen, das den Sozius konstituiert, eines, das mittels einer
Zeichensprache (von "Worten, Versprechungen und Heiratsverbindungen")
funktionstüchtig erhalten wird. Der Einschreibungsritus besteht
aus zwei "heterogenen Polen", dem Gesetz, welches sich
als "Stimme" dem Initiierten zu "hören"
gibt, sowie der "Hand", die das Gesetz in den Körper
einschreibt. Das was eingeschrieben wird, ist das Gesetz der Zeugung,
das jedem neuen Gattenpaar, inklusive der Insistenz auf die Regeln
der möglichen Heiratsverbindungen, auferlegt wird: die Schuld
gegenüber dem Sozius. Die Frage ist, unter welcher Bedingung
das Gesetz als die Stimme der Heiratsverbindungen äquivalent
zum Schmerz des Initiierten sein kann. Das verbindende Element
ist das Auge, das aus dem Schmerz einen "Mehrwert an Code"
zieht und Entsprechungen der beiden abschätzt. Der Schmerz
ist also hier nichts anderes als "Freude für das ihn
betrachtende Auge, das, von keinem Rachegedanken beseelt nur imstande
ist, den subtilen Bezug zwischen den in den Körper geritzten
Zeichen und der vom Gesicht sich lösenden Stimme herzustellen"
(AÖ 243). Der Schmerz ist so "Teil eines tätigen
Lebens" (AÖ 245), der sich zwischen kennzeichnendem
Gesetz und leidendem Körper herstellt. Er markiert die territoriale
Repräsentation (i.e. Umleitung der Produktionsautarkie auf
ein repräsentierendes Sozialkontinuum) oder das "System
der Schuld" (AÖ 243). Es wird hier die Nähe zu
Nietzsche deutlich, so liest man: "Das große Buch der
Ethnologie ist (...) Nietzsches Genealogie der Moral" (AÖ
244, 184ff, 243ff, 273ff). Die zweite Abhandlung der GM sei eine
richtige Auslegung der "primitiven" Kultur, "in
Begriffen von Schuld" bzw. "Schuldner und Gläubiger",
ohne auf den Topos: Tausch zu rekurrieren. Obwohl es so scheint,
als seien einige Mißstimmigkeiten in dieser Nietzsche-Interpretation,
insbesondere bezüglich des Komplexes der Priorität:
Tausch oder Schuld, vorhanden, sei der Argumentationsgang bei
Deleuze/Guattari zunächst weiterverfolgt. "Die Schuld
entspringt geradewegs der Einschreibung" (AÖ 245) und
ist dadurch vorrangig gegenüber dem Tausch, insofern dieser
nur innerhalb bereits eingeschriebener Extensitäten funktioniert.
Der Frauentausch, Ort der Genese der Kultur (bei Lévi-Strauss),
kann nur dann diesen instrumentalen Bedeutungsraum füllen,
wenn die Sippe den jungen Paaren auflegt, Nachkommen zu zeugen,
die die Zirkulation in Gang halten sollen. Diese ist die "objektiv-scheinhafte
Bewegung, die auf dem Sozius eingeschrieben ist" (AÖ
241) darstellt. Der Schuldner ist zu interpretieren als jemand,
auf dem die Markierung nicht "ausreichend gefaßt"
hat (AÖ 245), von dessen Körper das nach "präzisen
sozialen Regeln" (AÖ 183 erstellte Zeichen verschwand.
Das Zeichen ist zwar insofern es auf den sexuellen Kontext verweist
ein Repräsentant des Wunsches, aber die Zeichen als Vorgabe
der möglichen Heiratsverbindungen sind territorialisierte
(AÖ 184). Der primäre Repräsentant des Wunsches,
das germiale Intensitätseinwirken wird zurückgedrängt
von dieser neuen verdrängenden Repräsentation. Die territoriale
Repräsentation setzt sich aus drei Aspekten zusammen: dem
"verdrängten Repräsentanten" (Intensität),
der "verdrängenden Repräsentation" (Extensität)
und dem "verschobenen/entstellten Repräsentierten"
(Wunsch). In diesem Zusammenhang soll nicht weiter auf Implikationen
und die Motivation dieses Systems eingegangen werden. Wichtig
ist hier: dasjenige, was das Leben repräsentiert, wird verdrängt
zugunsten eines neuen Repräsentanten, der nun den ontisch
primären Wunsch kennzeichnet, welcher als "eigentlich"
Repräsentiertes nicht mehr auffindbar ist. Durch polympzestartige
Metarepräsentationen wird das biomorphe Agieren immer weiter
entfremdet und zunehmend weniger rückübersetzbar. Der
Akt der Inskription, der "das Zeichen direkt in den Körper
eingraviert, ist das System der Grausamkeit, das System der Grausamkeit,
das furchtbare Alphabeth (...), die Bewegung der Kultur selbst"
(AÖ 184). Der Sinn dieses Systems liegt darin, den Menschen
zu "dressieren" (AÖ 244). Die Menschen werden zu
Zahnrädern im "Räderwerk der Gesellschaftsmaschine",
wenn sie beginnen, das zu wünschen, was ihnen schadet. Möglich
wird das nur durch das "neue Gedächtnis", denn
dieses "grausame System eingeschriebener Zeichen" ist
es, "das den Menschen zur Sprache (langage) befähigt
und ihm ein Gedächtnis von Worten/Reden verleiht". Diese
Stufe der kulturellen Entwicklung wird bruchartig (vgl. Nietzsche,
GM, V 324) von Bestien, die die territoriale Repräsentation
zerstören (AÖ 246), abgelöst. Möglicherweise
wird dieser Einbruch der Brutalität von allen folgenden gesellschaftlichen
Organisationsformen, die vorgeben ihn abzuarbeiten, vorausgesetzt
(AÖ 246) - in dem Sinn, daß eine Gesellschaftsmaschine
nicht funktionieren könnte ohne die Disposition der Elemente,
der Menschen, die sie konstituiert - und die sie nur deshalb konstituiert,
weil sie durch den gewaltsamen Bruch erst die Bedingung der Möglichkeit
moderner Sozialkontinua geschaffen hat.
Die neue "despotische Maschine" oder der "barbarische
Sozius" (AÖ 247ff) verbindet mit der alten territorialen
der "Schrecken vor decordierten Strömen" (AÖ
253). Der Despot zerstört die Ordnung der alten Heiratsverbindungen
und Filiationen, er fängt wieder "von Null an"
und projiziert wieder etwas Neues (AÖ 249; die Definition
der Paranoia). Er verwirft die alten Filiationen, ernennt sie,
im Verhältnis zu sich, zu direkten und formiert den "Neuen
Bund"; die Welt wird unwahr, die ehedem reale Welt der Alten
wird aufgrund einer Deterritorialisierung mittels "abstrakter
Zeichen ersetzt" (AÖ 252). Der "Neue Bund"
ist etwas, über das "nichts auszusagen ist, weil nämlich
die Konstruktion alles enthält" (Marx: MEW III 224),
wobei zwischen dem Anspruch dieses Nichts und der Wirklichkeit
des Irdischen das imaginäre Recht anzusiedeln ist, das es
erlaubt, über "das Leben zu richten und die Erde zu
überfliegen: das Prinzip paranoischen Erkennens" (AÖ
249). Hier erst entsteht das, was nach Deleuze/Guattari das Eigentliche
des Gesetzes ausmacht: Gebote zu formulieren, deren Funktion sich
primär auf den Zweck der Herrschenden hin definiert, die
nicht real verstehbar sind (AÖ 275). Dieser Vorgang der mehrfachen
Umleitung der Intensitäten, die ihrer Lebendigkeit aus Gründen
der Unterdrückung beraubt werden, wird "Übercodierung"
genannt (AÖ 256). "Schluß mit der Strafe als Fest
(...) die Strafe wird Rache" (AÖ 273). Schließlich
stellen "Rache des Despoten" am Schuldigen und "Ressentiment"
der Unterdrückten zwei Momente dar, die "nicht den Anfang
der Justiz, aber deren Werden und Bestimmung innerhalb der von
Nietzsche analysierten imperialen Formation" ausmachen (AÖ
275f). Um noch einmal auf die spezifische Problematik zurückzukommen,
die die anödipale Theorie analysiert: Dadurch, daß
der Wunsch, als germitative, intensive Produktion, die Staats-
und Gesellschaftsmaschine (sozietive Zirkulation) besetzt, wird
der Inzest eingeführt. Der Vater repräsentiert die territoriale
Ordnung, "die Schwester und die Mutter" fungieren als
die übercodierende und die verdrängende Repräsentation"
(AÖ 277). Besitz der Mutter steht für den Besitz der
Produktionssphäre, der der Schwester für die Herrschaft
über die Zirkulationssphäre (AÖ 276 ff). So gebietet
das Gesetz: "Du wirst deine Mutter nicht heiraten und deinen
Vater nicht töten. Und wir folgsamen Subjekte sagen uns:
Das also wollte ich!" (AÖ ua. 148).
Postulation eines Zieles, das als solches des Wunsches dargestellt
wird, obwohl die Wunschlinie niemals final interpretierbar ist.
Degleichen will man/frau nicht "die" Wahrheit, sondern
das intensive Leben. Innerhalb der despotischen, imperialen Ordnung
und ihrer Mechanik entsteht die unendliche Schuld. Wenn das Leben
sich auf etwas richtet, das es eigentlich nicht will und deshalb
nie erreicht - und dieses eine (aber auch das andere) dazu verboten
wird, wird die Schuld des Einzelnen eine unendliche. Sie ist nicht
mehr abzahlbar dadurch, daß jedes vitale Agieren schon potentieller
Verstoß gegen das Gesetz ist.
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