Eckhard Hammel

Fusion Art. Anmerkungen zu einem "painted poem" von Kenneth Patchen (1993)

erschienen in: America - the other side. West Coast Art im Umfeld der 60er Jahre: Katalog zur Ausstellung im Clemens-Sels-Museum, Neuss, vom 4. April bis 23. Mai 1993, S. 67-70


"In den jugendlichen Vereinigten Staaten blüht ein neues Bewußtsein, das Whitman, Cendrars und Patchen hervorzubringen halfen."

Allen Ginsberg

 

Geboren am 13.12.1911; Sohn eines protestantischen Stahlarbeiters und dessen katholischer Frau namens Eva; 1928 erscheinen seine ersten Gedichte, zwei davon in der New York Times; nach einigen Jahren "on the road" heiratet er 1934 eine Frau namens Miriam; bald erscheinen in rascher Folge seine Buchpublikationen; Miriam und er wohnen in New York, in Norfolk, von 1950 bis `55 in San Francisco und von `56 bis zu seinem Tode 1972 in Paolo Alto, Kalifornien; seine Name: Kenneth Patchen.

In den 50er Jahren, der Zeit in Frisco, hat er Kontakte zu zeitgenössischen Künstlern aller Genres, einige dieser Künstler werden später seinen Bekanntheitsgrad weit übertreffen. Patchen, der nur wenige Jahre nach dem Oktober 1967, dem "Tod der Hippies" verstarb, hat diesen Ruhm nie erlangen können - insbesondere nicht in Europa. Er ist Zeit seines Lebens ein introvertierter Mensch gewesen, der letztlich das Dichten in der Stille jeder Art von Öffentlichkeitsarbeit vorzog. Die letzten 12 Jahre seines Lebens ist er - gemeinsam mit seiner ebenfalls schwer erkrankten Frau - unter starken Schmerzen ans Haus gebunden.

Die in der Ausstellung "America - the other side" gezeigten 18 Gedichte mit dem Titel "a surprise for the bag pipe player" ("Eine Überraschung für den Dudelsackspieler") sind 1956 produziert worden. Sie sind auf lose Blätter eingefärbten Seidenpapiers niedergeschrieben und mit zahlreichen Schmuckelementen und Zeichnungen versehen. (Später erschienen sie gebunden unter dem Titel "the moment", danach unter "wonderings".) Patchen selbst nannte diese Fusion aus Wort- und Bildkunst "painted poems", "picture poems" oder auch "poems and drawings".

Durch die Einfärbung des Blattes entsteht eine Hintergrundfarbe, die zwar die Zeichnung dominiert, aber in ihrer Pastelltönung keinesfalls bindend wirkt, sondern die Leichtigkeit der Zeichnungen eher unterstützt. Gleichwohl läßt die Beziehung von Hintergrundfarbe und Zeichnung/Schrift eine volle Raumentwicklung nicht zu, sie bleibt zweidimensional, flächig. Es gibt keine Tiefe, in die der Blick sich hineinbewegen könnte, und die lineare Blickintervalle ermöglichen würde. Damit aber wird den Exponaten jede Zeitdimension genommen. Sie sind gleichsam zeitlose "idola", Abbildungen einer idealen Welt, für Patchen der Welt der Ideen von "love and peace".

Bei dem hier abgebildeten Blatt wird der Hintergrund durch ein lichtes Gelb gebildet, auf das im Wechsel der Zeilen in grau und rot das Gedicht aufgetragen ist. Die linke Blatthälfte wird von der Rythmik der Schrift bestimmt. Einige Schmuckelemente und Ornamente dienen der Dekoration. Darunter findet sich auch eine rot gezeichnete Figur im rechten oberen Bildviertel, die einem Rind oder einer Kuh ähnelt, aber auf den Hinterbeinen steht und deshalb auch an den arkadischen Hirtengott Pan erinnert. Diese Gestalt ist locker konturiert und greift in die leere Fläche aus. Die untere Bildebene wird von dem aufgebrochenen Grau einer Welle dominiert; sie wirkt wie eine "Sicherung" der Komposition nach unten. Stilistisch ist das Blatt vergleichbar mit der graphischen Gestaltung der "Revue Blanche" durch die Nabis.

Das Gedicht trägt den Titel "Quick Thinker" und erinnert der Motiv-Organisation nach an dadaistische Werke. Der Rhythmus ist relativ frei, springend gehalten. Einige Assonanzen (Vokalreime) wechseln sich ab mit Konsonanzen (Konsonantenreimen) bis hin zu vereinzelten Alliterationen (Stabreimen):

 


"Someone has left a wave
In front of the barn.
It grabs hold of the cow.
Poor Grandma has to dismount.
Her skirt gets caught.
The sky catches on fire.
The wave goes to work
And soon puts it out.
Someone sure used his bean!"

"Jemand hat eine Welle zurückgelassen.
Vor dem Stall.
Sie packt, erfaßt die Kuh.
Die arme Großmama hat herunterzusteigen
Ihr Rock wird erfaßt.
Der Himmel fängt Feuer.
Die Welle beginnt zu arbeiten,
Und schon löscht sie es.
Bestimmt hat jemand seine Bohne benutzt!"

 

Unter kunsthistorischen Gesichtspunkten ergibt sich ein vielschichtiges Geflecht direkter und indirekter Bezüge.

In den USA sorgt zu Beginn des 20. Jahrhunderts der urbane Realismus der Ash Can School (also: Aschen- oder Mülleimer-Schule) für Skandale. Gewiß war Patchen kein Vertreter des Realismus, aber nicht zuletzt seine Herkunft aus dem Arbeitermilieu dürfte für eine intellektuelle Sympathie mit dieser Gruppe gesorgt haben. Patchen war ja nicht nur pazifistisch geprägt, er war auch ein mit seinen Mitteln engagierter Sozialkritiker seiner Zeit. Immerhin hat man Patchen noch in den 40er Jahren einen "proletarischen Schriftsteller" genannt. Nicht zu vergessen ist in diesem Zusammenhang, daß zu Beginn des Jahrhunderts Pazifismus und Sozialismus auch institutionell viel enger aneinander gebunden waren, als dies heute der Fall ist. Zweifelsfrei hat sich Patchens Kritik - insbesondere in seiner Eigenschaft als Dichter - viel mehr an einem utopisch-imaginativen Modell als an einer kritischen Beschreibung der Wirklichkeit orientiert.

Noch vor der Armory Show, 1913 in New York, hatten fünf Maler der Ash Can School (Glackens, Henri, Luks, Shinn und Sloan) zusammen mit drei impressionistisch orientierten Malern (Davies, Lawson und Prendergast) aus Protest gegen die kommerzielle Galeriepolitik eine Ausstellung veranstaltet, die sie als die Gruppe The Eight berühmt machte. Im Rückblick wird man die Präsentation der Eight auch als eine Suche der amerikanischen Künstler nach einer eigenständigen Ausdrucksform in Auseinandersetzung mit der europäisierten offiziellen Kunstszene der USA ansehen müssen. Patchens, an der Utopie einer "love-and-peace"-Gesellschaft orientierte Sozialkritik, hat durch die neoimpressionistische Utopie der idyllischen Welt entscheidendere Impulse erhalten als durch die Sachlichkeit der "Ash-Cans".

Die frühen Arbeiten Arthur Bowen Davies (1862-1928) zeigen Phantasielandschaften, die von mythologischen Motiven, insbesondere von Nymphenwesen bestimmt werden. Ernest Lawson (1873-1939, geboren in San Francisco) und Maurice Brazil Prendergast (1859-1924) hatten beide in Paris studiert und von dort aus auch Kontakte zur rheinischen Malerei der Düsseldorfer Schule unterhalten. Insbesondere Prendergast wurde stark von den Nabis und deren Betonung von Farbe und Fläche beeinflußt.

Charakteristische Merkmale der sogenannten Programmkunst der Nabis in der 1891 gegründeten Zeitschrift "Revue Blanche" sind lockere, bisweilen sogar nur getupfte Verbindungen von Schrift und Figur, die Flächenbetonung und die Vorliebe für Zweifarbigkeit. Nicht unerwähnt sollte bleiben, daß die Nabis sich in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts auch mit der Gestaltung von lithographierten Theaterzetteln, -programmen und Buchumschlägen beschäftigten, insbesonder für das "Théatre de l`oeuvre".

Nicht zu Unrecht hat man Patchen mit William Blake (1757-1827) verglichen, der zwar keinesfalls als Vertreter der Farbmalerei gelten kann, der sich aber schon im 18. Jahrhundert mit der graphischen Buchdruckkunst beschäftigt hatte. Weiterentwickelt wurde diese Technik während der Zusammenarbeit von William Morris (1834-1896) mit dem ehemaligen Theologiestudenten und nunmehr künstlerischen Hauptvertreter der zweiten Generation der Präraffaeliten, Edward Coley Burne-Jones (1833-1898). Morris gründete 1890/91 die Kelmscott Press, die sich - beeinflußt von der Idee des Gesamtkunstwerks - hauptsächlich mit der Fusion von Text- und illustrierender Bildkunst beschäftigte. Die dort entwickelten Dekorationstechniken sollten anfangs des 20. Jahrhunderts eine wichtige Komponente innerhalb der Kunst des Jugendstils werden. Nicht zuletzt die Buchdruckkunst, verbunden mit organisch-vegetabel anmutenden Ornamenten avancierte zu einem bevorzugten Genre jener Zeit. Die damit verbundene Entwicklung graphischer Elemente dürfte Patchen wesentlich beeinflußt haben.

Wie bereits angedeutet waren sowohl der US-amerikanische Realismus wie auch der über Frankreich vermittelte Neoimpressionismus durchaus politisch orientiert. Was die einen auf der kritischen Ebene von Dokumentation und Beschreibung avisierten, das verbanden die anderen mit einer imaginären Utopie. Die utopische Vision einer künftigen besseren Welt leitet auch Patchens "love-and-peace-poems". Patchen ist damit nict nur einer der "Väter" der späteren Hippiebewegung - darüber hinausgehend vielleicht sogar der Ökologiebewegung im späten 20. Jahrhundert.








up to index

back to The CultD Institute