Eckhard Hammel :

WINDOWS '95

erschienen in: Eckhard Hammel/Ingo Münzer/Peter Uertz: CultD. avantgarde, underground, subkultur. - Aachen: Mainz Verlag, 1996

Über den Umfang der Werbekampagne, den Microsoft für Windows 95 betrieb, lassen sich nur Vermutungen anstellen. Man darf davon ausgehen, daß der Aufwand auf der Hitliste der Produktwerbung einen der obersten Ränge einnimmt. Doch Win 95 ist weder so cool wie eine Programmiersprache noch so geil wie ein gut funktionierendes Betriebssystem. Als das hervorstechende Merkmal wurde (und wird) seine Benutzerfreundlichkeit gepriesen: ein wahrer Freund und Helfer.

Der standardisierte Benutzer in der Microsoft-Galaxis ist eine Figur, die ganz andere Eigenschaften besitzt als der klassische Verbraucher oder Konsument. Diese Figuren implizieren die Einheit der Subjektivität, die - korrekt oder falsch informiert - eine Entscheidung darüber trifft, welches Angebot sie anzunehmen und durch entsprechenden Tauschwert zu begleichen bereit ist. Seit Microsoft auf den Plan getreten ist, ist die Möglichkeit dieser Wahl in Frage gestellt. Bestenfalls kann man zwischen der aktuellen und der veralteten, aber gewohnten Programmversion wählen. Der Benutzer in Gestalt des Users ähnelt mehr einem Peripheriegerät als dem guten, alten Verbraucher. Er ist auf ein Zwischending zwischen Interface und Receiver geschrumpft.

Hinter dem klassischen Begriff des Verbrauchers verbirgt sich ein dynamistisches Modell. Letztendlich ist es eine Form der Energie, die der Verbraucher verzehrt, bis zum Exzeß des sogenannten Konsumterrors. Mit einem Vampir teilt der Verbraucher nicht nur den Umstand, daß jener das Licht so sehr haßt, wie dieser die Aufklärung, sondern mehr noch den Umstand, daß beide die Objekte, die sie besitzen, verbrauchen, das heißt ihnen aus der Tiefe ihrer Existenz Energie entnehmen. Der Benutzer hingegen bewegt sich wie mechanisch auf einer Oberfläche und ist sogar selbst eine solche Oberfläche inmitten einer Welt des Designs, verwickelt in die Prozesse des Datenaustauschs.

Der Begriff der Benutzerfreundlichkeit beinhaltet generell und insbesondere im Fall Win 95 mehr, als den bloßen Tatbestand, einem Benutzer entgegenzukommen. Man darf Win 95 nicht von seiner kulturellen Laufumgebung isolieren. Insofern es Ausdruck der Global-Village-Kultur des Benutzens insgesamt ist, gibt es als technologisches Spitzenprodukt - wie die Spitze eines Eisbergs - Auskunft über die Funktionsweise dieser Kultur selbst. Commodore und Macintosh hatten zwar schon Anfang der 80er Jahre Betriebssysteme beziehungsweise Benutzeroberflächen auf dem Markt, die den ersten Windowsversionen verdächtig ähnlich sind, aber erst Win 95 brachte eine neue Klarheit auf den Screen. Die Apokalypse des Oberflächlichen wie sie sich in der sichtbaren und schnell und einfach handhabaren Benutzeroberfläche von Win 95 erstmals zeigt, verdankt sich selbstverständlich keiner "fixen Idee" des Bill Gates. Es ist die imaginäre Welt der Gemeinschaft der Benutzer, die die Forderung auf Einfachheit, überschaubare Oberflächlichkeit und schnelle Verständlichkeit erhebt. Vermittelt über deren Forderung an die Hi-Tech-Industrie, Programme zu entwickeln, die leicht durchschaubar und also dem Menschen gemäß sind, gibt dieses Stück Software explizitere Auskunft über das Wesen der Benutzergemeinschaft als das Gerede der Menschen selber.

Es geht uns also keinesfalls darum zu überprüfen, ob Microsoft seine Versprechungen erfüllt hat oder nicht, sondern darum, daß Win 95 - allein deshalb, weil es eine Reaktion auf die bestehenden Erfordernisse darstellt - so funktioniert wie die medienstimulierte Gemeinschaft der Benutzer insgesamt. Das, was Win 95 der Forderung nach Klarheit entsprechend auf der Beutzeroberfläche zu sehen gestattet, verhält sich zu den wirklichen Prozessen wie ein Gesicht zu Physis und Physiologie des dazugehörigen Leibes.

Bei der neuen Klarheit machen die Attribute distinkt und obskur keine Gegensätze mehr aus, weil sich die Distinktion nur um den Preis einer Verwirrung implementieren läßt. Auf der alten MS-DOS-Ebene erschienen die Dinge dort, wo sie waren; bei Win 95 haben die Benutzer es mit einer Oberfläche von Links und Relations zu tun, die auf Programme verweisen, die als Verknüpfungsdateien an einem Platz erscheinen, an dem sie nicht sind. Das Problem ist dabei keinesfalls unter dem Gesichtspunkt der Fertigkeit der User abzuhandeln. Global gesehen ist es irrelevant, ob jemand sicher und flott ist, oder mehr schlecht als recht herumwerkelt. Entscheidend ist, daß die Welt aller dieser User dann und nur dann reibungslos funktioniert, wenn sie ausschnitthaft und unvollständig bleibt. Tatsächlich laufen die eigentlichen Prozesse bei Win unterhalb der sichtbaren Oberfläche ab, wie es übrigens beim Verhältnis etwa von Automatensprache, Programmiersprache und Bildschirmausgabe immer schon der Fall war. Die Win-95-Architektur läßt dieses Verhältnis aber in besonderem Maß explizit werden.

Es versteht sich fast von selbst, daß diese Topologie ganz anders strukturiert ist, als es die Hermeneutik und deren Kritik betreffend das Verhältnis von Schrift und Sinn postulierte. Dort, wo Lacan - auf dem Hintergrund der leeren Versprechungen der Hermeneutik - von leeren Gräbern und dem "caput mortuum des Signifikanten" spricht, öffnet die Startrek Besatzung gleichzeitig Black Box und Büchse der Pandora und entdeckt im mittlerweile unsterblichen Leib eines einstmals vollwertigen, weiblichen Crewmitglieds ein Gewusel von Chips und Leitungen. Abermals also stößt die Besatzung auf Oberflächen, allerdings auf ausgesprochen benutzerunfreundliche, woraufhin man die Dame so beläßt, wie sie nun einmal ist.

Der Fetisch der imaginären Benutzerwelt, das Design, verweist exakt auf die irdische Variante dieses Problems. Der Begriff Design erschöpft sich nicht in der imaginären Welt der Erscheinungen, sein Territorium umfaßt - in dem Sinn, den Shannon und Weaver ihm in ihrer "mathematischen Theorie der Kommunikation" verliehen haben - die volle Bandbreite der "symbolischen Ordnung" (Lacan).

Bei Prozessen, die man früher unter dem Oberbegriff Gesellschaft (society) abgehandelt hätte, und die man heute besser unter dem Begriff Gemeinschaft (community) zusammenfaßt, verhält es sich nicht anders. Win 95 wäre niemals zur Welt gekommen, wenn es nicht expliziter Ausdruck der Funktionsweise dieser Community wäre. Es hätte vom Himmel fallen müssen, würde es nicht den Anforderungen der Gemeinschaft der User so genau entsprechen, wie ein schöner Körper den minimalen Bedingungen, die eine Megamaschine gegenüber einer trivialen Raumschiffcrew erfüllen muß, damit diese den Zeichen zu folgen vermag...
Schließlich kann es nur darum gehen, ein Wissen über die impliziten Prozesse der Verwicklungen möglich zu machen, sie zu explizieren, auch auf die Gefahr hin, daß sie ganz und gar nicht benutzerfreundlich sind.

Appendix: Tatsächlich kommt es bei Win 95 zur vollen Entfaltung der Macht des Freund und Helfer Syndroms. Auf Win 95 findet sich eine provisorische Installation für den Internetzugang via Mikrosoft Network. Hatte sich ein User verfahrensgemäß bei MS angemeldet und registrieren lassen, so überprüfte MS Network (einige Java Scriptseiten verfuhren ähnlich) bei der endgültigen Installation des Programms vor lauter Benutzerfreundlichkeit automatisch dessen Festplatte. Mikrosoft bekam wegen dieses Verfahrens einige juristisch relevante Probleme und gibt sich derzeit weniger benutzerfreundlich. Gleichwohl gilt in Zukunft: Sollte ein User Daten gespeichert haben, die er gern für sich behalten möchte, so sollte er sie besser von der Festplatte löschen, bevor er sich bei der Installation neuer Programme per Internet beraten läßt.


comments!

Inhaltsverzeichnis
zurück zum Index