Eckhard Hammel :

Die Universalisierung des Voyeurismus
Zur Explikation der Medien

erschienen in: H.-H.-Medien. Medienwissenschaftliche Beiträge der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Heft 2/3 (1992), S. 12-17

I.
Die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts relevanten Medientheorien lassen sich unter zahlreichen möglichen Gesichtspunkten differenzieren, sie lassen sich jedoch, wie zu zeigen sein wird, hinsichtlich ihrer Voraussetzungen auf eine typische Gemeinsamkeit reduzieren. Unser Interesse liegt hier weder in einer systematischen Erfassung noch in einer parteiergreifenden Diskussion divergierender theoretischer Modelle. Uns werden hier die Medien als solche unter dem philosophischen Gesichtspunkt des Vermittlungsproblems beschäftigen.

Der herkömmliche Typ der Medientheorie macht in der Regel Fragen der Anwendungs- und Gebrauchstechniken zum Thema. Er nimmt damit deskriptive oder präskriptive Präzisierungen der Informationsübertragung vor, also Präzisierungen hinsichtlich der Selektion gegebener Informationen oder der Effektivität des Informationsprozesses. Diesen Fragestellungen liegen implizit zwei Voraussetzungen zu Grunde:
1. Die Voraussetzung, daß es "etwas" gibt, das der Vermittlung durch das Medium äußerlich bleibt und nur deshalb vermittelt werden kann.
2. Die Vorausetzung, daß ein erkennendes Subjekt des Gebrauchs sich dieser Vermittlung bedienen kann, um so Informationen über dieses "Etwas" zu erhalten oder herzustellen. (Als eine weitere Voraussetzung könnte man die relative Bedeutungslosigkeit des nachrichtenproduzierenden Subjekts hinzurechnen, das immer entweder als gebrauchendes fungiert, insofern es sich eines bestehenden Medium bedient - darauf basiert auch die These von der "Manipulation" - oder aber selbst als jenes "Etwas" firmiert, über das informiert wird.)
Entscheidend ist dabei, daß sich aus diesen Voraussetzungen ein Konnex zwischen dem objektiven "Etwas" der Vermittlung und dem rezipierenden Subjekt ergibt, der dem Medium erst seine wesentliche Bestimmung verleiht: das Medium stellt den Konnex zwischen Objekt und Subjekt der Vermittlung her, zieht sich aber darin synchron zurück. Die herkömmlichen Medientheorien gehen tatsächlich davon aus, daß die Effektivität eines Mediums in einem proportionalen Verhältnis zu dieser seiner Selbstrückzugspotenz liegt, was insofern plausibel ist, als ein aktives Medium den beschriebenen Konnex zwischen dem "event" und dem Subjekt der Rezeption verfälschen würde.

II.
Bereits Hegel formuliert einen grundsätzlichen Einwand gegen diesen Typ Medientheorie, der das Medium nur als sich selbst zurückziehendes Erkenntnisinstrument begreift. Hegel leitet die Phänomenologie des Geistes mit einer Limitierung des Erkenntnisbegriffs ein: man dürfe das Erkennen weder als Instrument oder als Mittel, noch als Medium betrachten, dessen sich ein Subjekt bedienen könne. Hegel fertigt mit dieser lapidaren Feststellung die Tradition der Aufklärung ab, indem er ihr eine ihrer substantiellen Voraussetzungen nimmt.

Der Begriff der Aufklärung spielt innerhalb der Medientheorie, zumindest insofern es um die Übertragung von Nachrichten und Informationen geht, keine geringe Rolle. Aufklärung hat immer auf kritischer Subjektivität bestanden. Diese gilt von Kants Kritiken über die Kritische Theorie bis hin zur Theorie der Kommunikativen Kompetenz als Grundgröße aufgeklärten Handelns. Kriterium dieser Subjektivität ist der richtige bzw. der rechte Gebrauch des Verstandes- oder des Vernunftvermögens. Dieser Begriff des Gebrauchs impliziert seinerseits eine qualitative Dichotomie, nämlich die Möglichkeit des falschen und des besagten rechten Gebrauchs seitens des handelnden Subjekts. Dem Anspruch Kants eine theoretische Fundierung des Ausschlusses falscher Gebrauchspraxis zu finden, folgen nach Hegel, vermittelt über Marx, die Sozialtheorien des 20. Jahrhunderts - beispielsweise indem sie einen substantiellen, "wahren" Gebrauch der Vernunft vor einem bloß instrumentellen Gebrauch vorziehen, welcher sich möglicherweise zudem noch scheinhaft als wahrer ausgibt.
Gemeinsam ist dieser Tradition, daß sie die Medien der Gebrauchsanweisung selber - seien es Rede, Schriften, Institutionen oder seien es technische Geräte - immer instrumentell begreifen muß.

Dieses Theoriedefizit führt zu Problemen: Der Begriff Aufklärung befindet sich, was die Medien anbelangt, immer in einer paradoxen Situation. Aufklärung über Medien muß selber sich eines Mediums bedienen. So reproduziert sich also gerade in der expliziten Aufklärung gleichsam apriori eine implizite Gegenaufklärung. Für uns stellt diese mediale Selbstrekursion kein Problem dar, für das aufklärende Handeln muß es ein Problem sein, entspricht doch diese "leere" Selbstrekursion traditionellerweise dem Inbegriff des Scheins.

In der Tradition der Aufklärung steht insbesondere die Kritische Medientheorie, der es - in welchem Maße auch immer intern kontrovers diskutiert wird - nicht um eine bloße Analyse dessen, was der Fall ist, geht, sondern - vermittelt über ihr emanzipatorisches oder mindest sozialphilosophisches Interesse - um einen im Verhältnis zum Medium kritischen Standpunkt. Ein solcher Standpunkt impliziert eine kritische Distanz des Subjekts zu den Medien und zu ihrem Gebrauch. Mit den poststrukturalistischen Konzeptionen sind diese theoretischen Grundlagen fragwürdig geworden. Der Poststrukturalismus dürfte als wesentlichen Beitrag zur Medientheorie die Einsicht in die radikale Eingebundenheit auch des kritischen "Beobachters" in den medialen Kontext erbracht haben. Dies impliziert nun einen Bruch mit dem kritischen Denken, insofern die Möglichkeit kritischer Distanznahme grundsätzlich bezweifelt wird. An diesem Punkt (vielleicht einzig an diesem) nähert sich der Poststrukturalismus der Hegelschen Philosophie vom Absoluten. Dort, wo Hegel sich gegen die Auffassung verwahrt, Erkenntnis, Bewußtsein oder Absolutes seien ein Medium, mag man mit Hegel selbst gegenhalten: Aber das Medium ist das Absolute.

Wir betreiben also keine Kritik, geschweige denn Aufklärung, sondern ausschließlich eine Explikation. Diese Vorgehensweise expliziert Implikationen, die dem Medienwesen scheinbar äußerlich und unwesentlich sind, die es aber gleichwohl mit konstituieren. Dazu gehört nicht nur die annoncierte konstitutive Paradoxie, sondern, eng darauf bezogen, die - nicht bloß an bestimmten gesellschaftlichen Modellen reflektierten - zivilisationslogischen Produktions- und Konsumationsbedingungen.

III.
Um 1905 thematisiert Freud das Problem der "Schaulust". Sie entspricht zunächst dem Partialtrieb des Sehens und wird als normales, prägenitales Stadium der Neugierde am Geschlecht beschrieben. Sie ist gleichbedeutend mit dem "Wißtrieb". Freud läßt aber signifikanterweise unbestimmt, ob sich die Wißbegierde aufs andere oder aufs eigene Geschlecht bezieht. Es ist nicht nur nicht von Bedeutung, welches Geschlechtsteil der Schaulust unterliegt; es ist gerade konstitutiv für die Schaulust, daß sie dieses klare Ziel nicht besitzt. Sie stellt demnach mehr eine oszillierende Bewegung dar, der es gerade um den Unterschied und die Differenz zwischen den Geschlechtern geht. Den Terminus "Voyeurismus" reserviert Freud für einen ontogenetisch späteren Typ des Schauens, der sich nicht mehr von der Fixierung ans Genital zu lösen vermag, dabei geht dieser Blick nach Freud vom männlichen Geschlecht aus. Für Freud fällt dieser Typ fortgeschrittener Schaulust, ungeachtet seiner gleichsam semantischen Füllung unter die Kategorie der Perversionen. Freud macht es sich bekanntlich nicht einfach, den Begriff "Perversion" zu bestimmen. Keinesfalls versteht er darunter ein nicht-normales Verhalten, etwa ein ungebräuchliches Sexualverhalten. (Schließlich bezeichnet Freud die Homosexualität aus diesem Grund als "Inversion".) Ein ungebräuchliches Sexualverhalten mag unter gewissen Bedingungen auch unter den Begriff der Perversion fallen, aber als solches stellt es nicht deren Kriterium vor. Das Kriterium der Perversion liegt nicht im Abnormen, sondern in deren Umwegigkeit. Er begreift die Perversion damit als eine Syntax. Als ein erstes Kriterium der Perversionen erweist sich nach Freud der indirekte, vermittelte Bezug zum anderen Geschlecht. Die Perversion kennzeichnet ein "Verweilen bei den intermediären Relationen zum Sexualobjekt". Die Syntax der Relationen zwischen dem rezipierenden Subjekt und dem "event" wird als intermediär, mithin als vermittelt bestimmt. Der entscheidende Moment liegt aber auf dem Verweilenscharakter beim Medium, Derrida würde sagen, auf der Ebene der Spuren, die einen fortwährenden Aufschub des Realen (Geschlecht) innerhalb der Vermittlung bewirken. Charakteristikum der Perversionen ist regulär der Gebrauch eines Mediums, eines instrumentellen Dings, das von der sexuellen Devianz in Zusammenhang mit bestimmten, regulär nicht-genitalen Körperzonen, den sogenannten erogenen Zonen in Konnex gebracht wird. In den meisten Perversionen spielt hier die Haut eine Hauptrolle. Beim Voyeur ist weder dieser mediale Dinggebrauch noch die Umleitung der genitalen Lust auf erogene Zonen offensichtlich. Freud gewahrt gleichwohl die perversen Elemente des Voyeurismus: "Doch entspricht bei der Schau- und Exhibitionslust das Auge einer erogenen Zone." Wenn aber das Auge selber zu einer erogenen Zone avanciert, dann wird man nicht übertreiben, wenn man dies als Immaterialisierungstendenz beschreibt. Offenbar besteht diese Tendenz in der Ablösung der Bilder vom Realen.

Freud selbst hat bereits dieses über die Pathologie hinausgehende voyeuristische Strukturelement beim herkömmlichen Schauen als Tendenz wahrgenommen: "Ein Verweilen bei diesem intermediären Sexualziel des sexuell betonten Schauens kommt in gewissem Grade den meisten Normalen zu." Im Zeichen der Zunahme der visuellen Medien weitet sich diese Tendenz zunehmend aus, hat sich das einfache Zuschauen zu einem solchen Voyeurismus universalisiert. Dies gerade nicht dem psychoanalytischen oder dem psychiatrischen Verständnis von Pathologie nach, das seit Eidelbergs Untersuchungen aus den fünfziger Jahren von Skopo- oder Skoptophilie spricht. Bei dem universell ausgeweiteten Voyeurismus handelt es sich gerade nicht um ein individualpathologisches Phänomen.

Daß die Verhältnisse sogar im engen Sinne so beschaffen sind, zeigt sich prima vista schon in der Zunahme der Sexfilme in den privaten Fernsehsendern, bei gleichzeitiger Abnahme des individualpathologischen Voyeurtums und komplementär dazu des Exhibitionismus. Diese Figuren sind lächerlich geworden angesichts der halböffentlich feilgebotenen Obszönität.

Die Verhältnisse folgen aber insbesondere im erweiterten Sinn der voyeuristischen Syntax. Es ist nicht nur der Fall, daß das Geschlecht sich in den Sexfilmen - und gerade wenn diese auch noch mit der Sinnfülle der Aufklärung be-haftet sind - als Reales zurückzieht und nurmehr vom medialen Umgang mit ihm her begriffen wird, das heißt daß die rezipierenden Subjekte ihre Lust über die intermediäre Syntax erst zu erfahren vermögen, falls sie sich nicht schon im medialen Genuß selbst erschöpft. Darüber hinausgehend gilt dies für jede Form der Wirklichkeitserfahrung. Wir sind alle zu Voyeuren geworden, insofern unsere Lust im Verweilen in den intermediären Relationen besteht. In dieser Weise ist die Fernsehsucht schon bei kleinen Kindern zu verstehen, es ist die Lust an der Selbstreferenz der Medien, oder an der Immaterialität "absoluter Vernunft", wie Hegel es geheißen hätte.

IV.
Resumée: Jeglicher Medientheorie, die ein Medium als ein Instrument begreift, ist mit Hegel entgegenzuhalten, daß das Medium (im Sinn von Vermittlung!) absolut ist. Das Subjekt kann sich seiner nicht entledigen, da es in der Umkehrung durch es erst repräsentierbar wird. Darin kommen Hegel und der Poststrukturalismus überein. Die Immaterialisierungstendenz, die sich mit der Abkopplung der Medien vom Realen ereignet, fällt unter den Freudschen Begriff des Voyeurismus, ohne daß dies ein pathologisches Phänomen wäre.

Zitierte und weiterführende Literatur:
Brückner, Jutta: Der Blutfleck im Auge der Kamera, in: Frauen und Film 30 (1981), 13ff
Freier, Rolf: Der eingeschränkte Blick und die Fenster zur Welt, Marburg 1984
Freud, Sigmund: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie [1905], Kapitel I, Teile (2), (5), Kapitel II, Teil [5], in: Studienausgabe, Frankfurt/M. (Fischer) 1982, Band 5
Gehrke, Claudia (Hg.): Mein heimliches Auge, Tübingen (Konkursbuch Verlag) Mehrere Bände umfassende Reihe
Lacan, Jacques: Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Das Seminar von Jacques Lacan, Buch XI, Olten (Walther) 21980, v.a. Kapitel VI, VII
Laermann, Klaus: Georges Bataille - das Auge als Fetisch, in: Horst A. Glaser (Hg.): Wollüstige Phantasie, München 1974
Manthey, Jürgen: Wenn Blicke zeugen könnten. Eine psychohistorische Studie über das Sehen in Philosophie und Literatur, München 1983
McLuhan, Marshall/Quentin Fiore: Das Medium ist Massage, Frankfurt/M.; Berlin 1969
Mulvey, Laura: Visuelle Kunst und narratives Kino, in: Nabakowski u.a. (Hg.): Frauen und Kunst, Band 1, 180ff
Tyler, Parker: Underground Film. Eine kritische Darstellung, Frankfurt/M. (März) 1970, in: US-Reader, 5. Buch, Frankfurt/M. (2001) o.J.
Virilio, Paul: Die Sehmaschine, Bern (Bentelli)


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