Ben Voos

DIGITALE ARMUT
eine Notiz zu html

"Die Gestaltung des Internet hat seine strengen Bedingungen. Vieles Neue läßt sich machen, aber nicht alles Gewohnte kann adaptiert werden. Wir müssen uns nicht nur von großen, vielfarbigen Bildern distanzieren, sondern auch von akribisch genauer Formatierung und im Grunde von dem hundertprozentig festgelegtem Layout überhaupt.

Tatsächlich liegt die ursprüngliche Idee der WWW-Gestaltung in der individuellen Konfiguration der Layout-Elemente und der Interpretation einer Seitenauszeichnung.

Kurzum: Die Information ist für jeden abrufbar, allerdings sieht sie immer etwas anders aus. Was für den klassischen Designer ein Garaus ist, gilt für viele Entwickler des WorldWideWeb als eine Art Unabhänigkeitserklärung. Man könnte meinen, es handele sich gar um eine Kritik der Wissenschaft an einer Ästhetisierung von Information. Im wesentlichen aber, so meine ich, beläuft sich diese Haltung auf einen Funktionalismus, verstanden als Mittel im Überdruß an Floskeln.

Das Gesicht der Wissenschaft, das sich einem Gestalter hier zeigt, ist eine nachdenkliches. So sehr Softwareproduzenten (wie Microsoft) sich auch mit der Aura einer interdisziplinären Lehre, für welche Leonardo da Vinci als Symbol herhalten muß, schmücken wollen, besteht doch eine neue Kluft zwischen Kunst und Wissenschaft. Die Kunst steht da als unnötige Verschönerung in maßlosem Gewand (nämlich als Spektakel) während die Wissenschaft dem Funktionalismus die gestaltete Vermittlung opfert. (Wenn auch die Vermittlung von Information mit der Entwicklung des WWW grundsächlich, aber nur einseitig von Wissenschaftlern thematisiert wurde.)

Die Idee einer ästhetischen Informationsgestaltung ist aber mehr als eine Ästhetisierung nüchterner Daten um aufzufallen oder einfach zum Hinsehen zu verführen. Die Übertreibungen in öffentlicher Ästhetik lassen viele vergessen, daß die Form jeder Information unvermeidbar eine Wirkung hat, sei sie noch so funktional. Thema der Informationsgestaltung ist also eben diese Gestalt und nicht die Verschönerung nüchterner Inhalte. Dazu gehört die Analyse des Mediums.

Ohne die Eigentümlichkeiten eines Mediums (in gestalterischer, genauso wie in soziologischer Weise) zu durchforsten, lauft man Gefahr zu übersehen, womit man es eigentlich zu tun hat. Die meisten Medien kristallisieren sich heute zu perfektionistischen Illusionsmaschinen und geben dem Rezipienten grundsächlich den Eindruck der Machbarkeit. Das Medium selbst rückt in den Hintergrund und wirkt von dort aus unterschwellig. (...)"

Erstveröffentlichung in: construct


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