Eckhard Hammel

Fake the Fake
Notizen zu Michael Born und den Medien

Seit dem 16. Dezember 1996 lief der Prozeß gegen Michael Born vor dem Koblenzer Landgericht. Wegen Urkundenfälschung, Volksverhetzung und unerlaubtem Waffenbesitz wurde er zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. In der Zeit von 1990 bis 1995 soll er über zwanzig gefälschte Dokumentationen für etwa 350.000 DM an verschiedene Medienredaktionen von TV-Programmen und Magazinen verkauft haben. Die meisten dieser Fälschungen gingen an "stern TV". Es handelte sich um Berichte über kriegerische Grenzkonflikte, Kinderarbeit, Satanismus, den Klu-Klux-Klan, Tiertötungen, Naziaktivitäten, Drogenschmuggel, Menschenschmuggel usw.

Ein Riesenrummel wird derzeit um die Geschichte veranstaltet , denn so ziemlich alles, was Rang und Namen in der Mainstream-Medien-Szene hat, ist auf ihn hereingefallen: Gerd Berger, Pro Sieben, RTL, Friedrich Küppersbusch, Vox, Stefan Aust, "ZAK", Tele 5, GüntherJauch, "stern TV", Spiegel TV" usw. usw.

Diskutiert wird nun, ob der Angeklagte ein Fall für die Psychiatrie oder ob er ein raffinierter Krimineller ist; (Ein Gutachten wurde bei der Gerichtspsychiatrie der Landesklinik Andernach erstellt.); und ob die Sender und Redaktionen fahrlässig oder intentional gehandelt haben? Jenseits dieser Schuldfrage gibt es einen geheimen Pakt, der die Delinquenten miteinander verbindet. Es sind die sogenannten Einschaltquoten, deren Erhöhung jede der Personen und Institutionen forcieren wollte. Man kann diese Einschaltquoten nur erhöhen, wenn man eine breite Zuschauerbeteiligung erreicht. Die kann man nur erreichen, indem die Sendebeiträge nicht etwa ein fachspezifisches Interesse ansprechen, sondern auf ein möglichst allgemeines Verlangen der Zuschauer reagieren. Darin bestand der implizite Pakt zwischen den Beteiligten diesseits und jenseits des Fernsehgerätes, obgleich sich nunmehr jeder dieser Beteiligten betrogen fühlt: Die Journalismus-Fraktion, weil sie für die peinlichen Irrtümer viel Geld gelassen hat; die Zuschauer, weil sie sich um die Wahrheit betrogen fühlen; Michael Born, weil er doch nur getan hat, was alle wollten, und deshalb ins Gefängnis muß. Drängt sich von daher nicht der Vermutung auf, daß es die Institution des Fernsehens als solche ist, die diese Vorfälle provoziert hat und jeden der Beteiligten hat in die Röhre gucken lassen?

Wozu eine Gerichtsverhandlung? Um den Schein des Unterschieds zwischen authentischer und gefälschter Nachricht aufrechtzuerhalten? Betrogen zu werden, stellt für alle Medienbenutzer den Schrecken schlechthin dar. Es ist die soziale und psychologische Komponente des Vertrauens (deren komplexe Formen in letzter Zeit vor allem Anthony Giddens untersucht hat), die diesen Schrecken bestimmt und im Falle des Betrugs eine Kränkung erfährt. Dieser Kontext unterscheidet sich wesentlich von der kontra-betrügerischen Strategie etwa eines Descartes, der bekanntlich im 17 Jahrhundert dem Zweifel ein Vorrecht vor dem Vertrauen einräumte. Die cartesianischen Koordinaten, die jedes Betrogenwerden auf einen Fehler des subjektiven Verstandesgebrauchs hin verdichteten, schrieben dem Subjekt vor, alles zu bezweifeln, vernünftigerweise nur nicht die zweifelnde Innenwelt des Subjektes selbst. Der neue Bund des Vertrauens hingegen wendet sich - nicht immer ohne Verzweiflung - an die Außenwelt. Wirkt es nicht so, als führe der Vertrauensbruch der Außenwelt zu einem radikalen Verlust des Selbstvertrauens? Das ist eine durch und durch imaginäre Empfindung, die dem Bereich der Psychologie entstammt und die Problematik auf menschliche Probleme reduziert. Tatsächlich hat der Vertrauensbruch nichts mehr mit dem Betrug gemein, obgleich das Auffinden eines Schuldigen den Anschein erweckt als sei dies doch der Fall. Tatsächlich gehören Vertrauen und Vertrauensbruch einer anderen Ordnung als der Betrug an, insofern bei diesem durchaus entschieden werden kann, was recht und billig ist. Man macht den Sack auf und sieht nach, ob eine Katze drin ist oder nicht. Das Problem des Vertrauens hingegen - handele es sich um das vulgäre Vertrauen oder das Expertenvertrauen - kann nur in einer Welt zum Problem werden, in der der Zweifel sinnlos geworden ist. Es macht keinen Sinn, zu bezweifeln, ob Schrödingers Katze lebt oder ob sie tot ist - zweifeln könnte man nur daran, daß es sich überhaupt um eine Katze handelt. Das Vertrauen kann als bestimmende Kategorie des Handelns nur auf dem Hintergrund einer prinzipiellen Unentscheidbarkeit entstehen. Mit seinem Aufkommen reagiert die imaginäre Welt des Menschen auf die mathematischen Entdeckungen der posthilbertschen Paradoxien des Entscheidbarkeitsproblems. Zweifel und Betrug operieren auf der Grundlage des entscheidbaren Gegensatzes von wahr und falsch; das Vertrauen auf der Grundlage der Simulation, die eine Entscheidung über wahr und falsch prinzipiell nicht zuläßt. Gewiß kann man auch hier zweifeln, aber der Zweifel bekleidet nur den Rang einer Meinung, ihm kommt keinerlei erkenntnistheoretische Relevanz zu, insofern macht es keinen Sinn zu zweifeln, ob ein Vorgang zu einem Ergebnis führt oder nicht, bzw. ob eine Szene authentisch ist oder gefälscht.

Dessen ungeachtet bezeichnet man Michael Born als Betrüger. Wo also liegt der Betrug, wenn er nicht in der Simulation selbst liegen kann? Abgesehen davon, ob man dem Prozeß mit Hohn oder Schadenfreude diesem oder jenem gegenüber begegnet, liegt der Betrug darin, die Simulation als solche zu explizieren. Born hat Geheimnisverrat begangen, den heimlichen Pakt verraten. Den Klu-Klux-Klan mit verkehrten Hakenkreuzen darstellen, die Kinderarbeit an einem nicht funktionierenden Webstuhl abfilmen, eine Neonazi-Gruppe, die die Gebeine Kühnens verlegen will, "Autonomes Umtopfungskommando" nennen, einen deutschen Katzenjäger bei der Arbeit zu beobachten, all das sind ironische Strategeme, die explizieren, daß der Information durch Medien eine konstitutive Deformation implizit ist.


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