Lars Krüeckeberg
Eckhard Hammel

Vergewaltigung - gestoertes oder radikales Sender-Empfaenger-Verhaeltnis?

Die Linguistik unterscheidet bei der zwischenmenschlichen Kommunikation syntaktische, semantische und pragmatische Aspekte. Diese Unterscheidung gilt freilich nicht nur fuer verbale, sondern auch fuer Formen sogenannter non-verbaler Kommunikation. Jeder Kommunikationsakt enthaelt formale und inhaltliche Aspekte der Information, aber auch Beziehungsaspekte. Unter den letzteren verstehen wir ausgehend von der Sender-Empfaenger-Beziehung Effekte auf der Seite des Empfaengers.
Der Begriff zwischenmenschliche Kommunikation impliziert, dass - zumindest im Idealfall - der Weg vom Sender zum Empfaenger nicht einseitig linear verlaeuft, sondern nach dem Modell einer potentiellen Umkehrbarkeit der aktuellen linearen Richtung erfolgt. Die Informationsrichtung verlaeuft umkehrbar, und die Positionen von Sender und Empfaenger sind diesem Modell zufolge vertauschbar. (Auf diesem Modell basiert die Geschichte der Theorien des emanzipierten Sprechens, angefangen von der Sokratischen Dialektik bis hin zu Habermas' Theorem des herrschaftsfreien Dialogs.) Kommunikative Akte beruhen in diesem Sinn auf Wechselseitigkeit. Die potentielle Umkehrbarkeit aber aendert nichts an der grundsaetzlichen Linearitaet der Sender-Empfaenger-Beziehung (Aktiv-passiv-Charakter).
Wir werden folgend zeigen, dass dieses Modell der umkehrbaren Linearitaet nicht hinreicht, Ereignisse sexueller Gewalt zu verstehen. Fuer Akte sexueller Gewalt bestreiten wir die Gueltigkeit potentieller Umkehrbarkeit, und zwar nicht in dem simplen Sinn, dass eben das Opfer eine Art unfreiwilliger Empfaenger, der Taeter hingegen eine Art Sender sei, wobei die strukturelle Voraussetzung der Gewalt darin bestuende, dass die Beziehung nicht umkehrbar ist. Wir bestreiten die Gueltigkeit dieses Modells ueberhaupt. Gegen die potentielle Umkehrbarkeit der Beziehung und den funktionalen Charakter der Positionen setzen wir die virtuelle Identitaet von Sender und Empfaenger. Wie wir zeigen werden, bedeuten potentielle Umkehrbarkeit der Sender-Empfaenger-Beziehung (die wie gesagt dabei selbst unangetastet bleibt) und virtuelle Identitaet von Sender und Empfaenger nicht dasselbe.

Zunaechst zum Problem verbale versus non-verbale Kommunikation: Nach Argyle et al. ist non-verbales Kommunikationsverhalten mehr als viermal informativer als verbales Verhalten (M. Argyle/V. Salter/H. Nicholson/M. Williams/P. Burgess: The Communication of Inferior and Superior Attitudes by Verbal and Non-Verbal Signals, in: British Journal of Social and Clinical Psychology 9 (1970), p. 222-231). Es bildet demnach ein Hauptmedium zwischenmenschlicher Kommunikation. Tatsaechlich ist Sprache insofern insuffizient, als sich der Wahrheits- beziehungsweise Gueltigkeitsgehalt eines Aktes zwischenmenschlicher Kommunikation nicht selten erst aus dem Kontext des Gesagten, unter Beruecksichtigung paralinguistischer Phaenomene (z.B. Sprechgeschwindigkeit, Dynamik, Tonfall) und non-verbaler Komponenten ergibt. Zwar kann man sie nicht im Sinne einer logischen Typenlehre einem im Vergleich zur verbalen Information hoeheren Typus zurechnen (Metainformation), etwa weil sie Informationen ueber Informationen liefern koennen. Das koennen sprachliche Akte auch, aber non-verbale Kommunikation ist imstande, gegebene sprachliche Informationen zu falsifizieren oder zu verifizieren, nicht bloss zu bestaetigen oder zu entschuldigen. Akte non-verbaler Kommunikation bilden letztlich immer die Kriterien fuer die Ueberpruefung (und die Ueberpruefbarkeit schlechthin) zwischenmenschlicher Kommunikation. Deshalb manifestiert sich gerade im aussersprachlichen Kommunikationsverhalten der Beziehungsaspekt eines jeden kommunikativen Aktes.
Dass verbalsprachliche Komponenten in Vergewaltigungssituationen von untergeordneter Bedeutung sind, versteht sich fast von selbst. Sie beschraenken sich in der Regel auf stereotype Aufforderungen, Drohungen, Befehle zu schweigen, oder wie zusaetzlich wirkende Beschimpfungen. Wir gehen davon aus, dass auch eine noch so weitreichende Verbalattacke im Vergleich zur Kohabitation, dem Exzess aussersprachlichen Dominanzverhaltens, eine schwindende Groesse darstellt. Zudem ist die Redundanz sprachlicher AEusserungen in derartigen Situationen evident; der semantische Gehalt bleibt von einem moeglichen Verzicht der verbalen Ausformung weitestgehend unberuehrt.

Wenn wir Watzlawick, Beavin und Jackson darin folgen, jegliches zwischenmenschliche Verhalten aufgrund seines Mitteilungs- und Vermittlungscharakters als Kommunikation zu bezeichnen, so muss man auch die sexuelle Gewalt als Kommunikationssituation bezeichnen (P. Watzlawick /J.H. Beavin/D.D. Jackson: Menschliche Kommunikation. Formen, Stoerungen, Paradoxien, achte Auflage, Bern; Stuttgart; Toronto 1990, S. 51ff). Was Nancy Henley unter feministischen Gesichtspunkten als konstitutiv fuer jeden Akt zwischengeschlechtlicher Kommunikation ansieht (N. Henley: Nichtverbale Kommunikation und die soziale Kontrolle ueber Frauen, in: Gewalt durch Sprache. Die Vergewaltigung von Frauen in Gespraechen, hrsg. v. S. Troemel-Ploetz, Franfurt/M. 1984, S. 39-49), dass die intersexuelle Kommunikation naemlich von Dominanzsignalen auf seiten der Maenner und Unterwerfungssignalen notgedrungen auf seiten der Frauen bestimmt sei, dies gilt insbesondere fuer die sexuell gewalttaetige Kommunikation: Sie ereignet sich auf dem Hintergrund von Machtverhaeltnissen. (Der nichtverbalen Kommunikation kommt auch deshalb eine besondere Position zu, weil sie die Differenzierung zwischen offen und verdeckt praktiziertem Dominanz- und Unterwerfungsverhalten aufhebt. Dominanzverhalten muss demnach nicht notwendig und zwangslaeufig - auch in Missbrauchssituationen nicht - im Einsatz physischer Gewalt gipfeln. Grundsaetzlich koennen sehr verschiedene Kommunikationskomponenten - zudem in divergierender Intensitaet - Dominanzverhalten indizieren. Dazu gehoeren beispielsweise die Ausbreitung im Raum auf Kosten anderer, das Anstarren, das Aussenden strenger Blicke und die Beruehrung des Gegenuebers.) Die Bedeutung dieses Faktors bei Vergewaltigung und Kindesmissbrauch ist offensichtlich, denn in beiden Faellen zwingt der Delinquent dem Opfer in einem radikalen Kommunikationsakt seine Definition der Beziehung zwischen sich und dem anderen auf. Diese Beziehung koennte man nach dem beschriebenen Modell als massives Machtgefaelle zwischen Sender (Taeter) und Empfaenger (Opfer) beschreiben. Tatsaechlich findet dieses Machtgefaelle seinen Ausdruck in der Verfuegungsgewalt eines Kommunizierenden ueber die sexuelle Unversehrtheit des anderen, aber handelt es sich auch tatsaechlich um die lineare Relation innerhalb des Sender-Empfaenger-Modells, wobei die Gewalt eben darin bestuende, die potentielle Umkehrbarkeit auszuschliessen?

Wie ist die Bedeutung des Faktors Macht und der Funktion des Dominanzverhaltens innerhalb der bezeichneten Delikte naeher zu bestimmen? Henley definiert Macht "als Faehigkeit andere zu beeinflussen, die bestimmt wird durch die Kontrolle von Guetern. Diese Gueter muessen gegen diejenigen, die sie nicht haben verteidigt werden, um die Fortdauer der Macht sicherzustellen" (Henley: S. 41). Der entscheidende Begriff fuer das Verstaendnis der Macht liegt darin, dass die Dominanz-Unterwerfungs-Struktur vermittelt ueber Gueter, also Waren beziehungsweise Dinge aufrechterhalten wird. Damit waere ein weiteres Kriterium fuer die Bedeutung non-verbaler Elemente gegeben, das freilich ueber die zwischenmenschliche Kommunikation im engeren Sinn hinausreicht. Dinge vermitteln die Zwischenmenschlichkeit; sie sind nicht menschlich, sondern im wahrsten Sinn des Wortes zwischen-menschlich.

Wie verhaelt sich nun dieser zwischen-menschliche Bereich der Kommunikation zu dem Charakteristikum jeglicher Missbrauchssituation, der spezifisch genitalen Ausrichtung non-verbaler Akte? Mit Bezug auf den Machtbegriff Henleys muss man den weiblichen Koerper selbst in seiner Funktion als Gut, Ware eben, oder schlicht als Ding wahrnehmen. Der weibliche Koerper ist als solcher Medium und Vermittlung in einer Sender-Empfaenger-Relation maennlicherseits. Das Opfer bleibt dieser Relation immer aeusserlich. Es handelt sich auf seiten des Taeters also um eine mehr oder weniger narzisstische Beziehung, bei der er selber sowohl Sender als auch Empfaenger ist. Dass er Empfaenger von Signalen ist, drueckt sich, kurz und buendig formuliert, in seiner Geilheit aus. Dabei ist in Rechnung zu stellen, dass sich hinter diesem Begriff ein komplexes Gebilde der Signalverarbeitung verbirgt, das sowohl interne Kommunikationsvorgaenge (endokrinologische Informationen) als auch externe einschliesst, welche ihrerseits auf Wahrnehmungen beruhen, die kulturellen Sexualstandards entsprechen: Es mag da den beruehmt-beruechtigten Minirock, lange blonde Haare, eine gewisse Oberweits oder aehnliches gegeben haben... Sender ist der Taeter in dieser Beziehung ebenfalls in interner und externer Hinsicht. Korrespondieren die internen Sendungsvorgaenge den internen Empfangsbedingungen, so entsprechen die externen Sendungsvorgaenge kulturellen Standards. Der Taeter hat diese nicht als autonomes Subjekt konstruiert; er ist ihnen als subiectum wortwoertlich unterworfen. (Dass das Ich des Taeters weder in interner noch externer Hinsicht "Herr im eigenen Haus" ist, wie Freud es genannt hat, versteht sich. Genau dies scheint das Gerede von der sogenannten "Triebgestoertheit" des Taeters zu meinen. Es versteht sich ebenfalls, dass man genauso faelschlich von "Vernunftgestoertheit" sprechen koennte.) Mit dieser Feststellung betreiben wir keine Fundamentalentschuldung; wir sagen nur, was der Fall ist. Auf formale Wahrnehmungssignale anzusprechen, die semantisch "Frau" bedeuten, dies entspricht einem gesamtkulturellen Zusammenhang, den man vor nicht allzu langer Zeit sinnvollerweise patriarchal nennen konnte. (Unterdessen verbirgt sich hinter dem Sexualsubjektivismus des sogenannten Geschlechterkrieges, wie ihn einige offizielle Spielarten des Neofeminismus vertreten, allerdings nicht selten eine reaktionaere Rechtfertigung laengst tot geglaubter sozialer Funktionen. Nichts als politische, sexuelle und allgemeine Wertekorrektheit ist hier am Werk. Wuerde uns beispielsweise - wie es irgendwann geschehen wird - eine Paepstin beschert, so duerfte keine Frau Kritik ueben, sie haette die Regeln der Frauensolidaritaet missachtet, geschweige denn ein Mann, er waere chauvinistisch-reaktionaer. Auf der Ebene der Psychologie waere also jede/r geoutet. Sind es nicht vielmehr die Institutionen, in diesem Fall die Kirche, die gesamthistorisch durch ihre Chefin rehabilitiert, die Diskussion zwischen den Geschlechtern unbeschadet ueberstehen wuerden? Man darf also mit Recht vermuten, dass die zeitgenoessische Entwicklung durch andere Parameter vorangetrieben wird, als durch die bloss funktionelle Psychologie der Geschlechter.)
Auf bestimmte Reize anzusprechen beziehungsweise auf bestimmte Signale mit dem Aufruf einer bestimmten Subroutine zu reagieren, dies stellt - wenn man so will - Patriarchatsprogramm dar. Deshalb ist der maennliche Taeter als Angehoeriger seines Geschlechts Sender und Empfaenger der Botschaft. Hinter dieser Selbstbezueglichkeit verbirgt sich weder eine einfache lineare, noch eine umkehrbar lineare, sondern vielmehr eine nichtlineare Signaluebertragung. Es handelt sich also um einen Rueckkopplungszusammenhang, dessen Fatalitaet unabwendbar und von daher fundamental ist. Wenn jedoch aus dem Gesagten folgt, dass der Sendung (dem Unbewussten) zwar keine transzendentale aber doch eine programmatische Vorzeitigkeit zukommt, so spitzt sich die Frage danach, warum, wie und wann der eine zum Taeter wird und der andere nicht, auf das Problem der positiven oder negativen Rueckkopplung zu. Bedeutet diese Hemmung und Immunitaet, so jene die Eskalation bis zum Ausbruch von Gewalt.

Genau darin liegt das Risiko des Opfers ueber die Ungewissheit des Ausgangs der gewalttaetigen Situation. Schliesslich ist es fuer das Opfer voellig unklar, ob der Taeter von ihm ablassen wird oder nicht, oder ob er dessen Leben gefaehrden wenn nicht gar zerstoeren wird. Welche Arten der Reaktion bleiben dem Opfer? Ihm bleibt angesichts des Dominanzverhaltens des Taeters im Grunde nur eine Alternative: affirmative beziehungsweise komplementaere (1) und negative beziehungsweise symmetrische (2) Reaktionen. 1. Das Opfer kann auf die Aussendung derartiger Dominanzsignale mit dem Einsatz von Unterwerfungsgesten reagieren, also durch eine strategische Affirmation. Solche Akte der Kommunikation bezeichnen Watzlawick, Beavin und Jackson als komplementaere Interaktionen. Denkbare Unterwerfungssignale koennen im Ausdruck der Angst und/oder im Gewaehrenlassen liegen. (Ein Problem ist darin zu sehen, dass im Falle komplementaerer Kommunikationsablaeufe die Identitaet der Kommunizierenden rein als Kommunizierende prinzipiell unangetastet bleibt, obgleich sie unter psychologischen Aspekten gleichwohl angetastet wird. Aus dem Komplementaritaetstheorem heraus erklaert sich die Praxis der Rechtsprechung bei Vergewaltigungen, die vom Opfer den Nachweis ausdruecklichen Widerstandes gegen die vorgenommene Handlung einfordert und Passivitaet als Zugestaendnis auslegt. So unverstaendlich uns diese gaengige Praxis der Exkulpation auch erscheinen mag; im kommunikationstheoretischen Diskurs erscheint sie konsequent.) 2. Die zweite strategische Reaktion zeigt sich als symmetrischer Kommunikationsablauf, in welchem das Opfer vehement Widerstand leistet. Auch diese Situationen bewirken eine Rueckkopplung der Gewalt, von der sich nicht von vornherein sagen laesst, ob sie die Tataktion verstaerken oder hemmen wird. Einzelerfolge lassen keine validen Rueckschluesse ueber grundsaetzliche Erfolgsaussichten zu.

Nochmals: Das generelle Problem besteht also darin, dass der Taeter in einer selbstbezueglichen Relation steht: Er ist in der besagten Weise selbst Sender und Empfaenger der Information; das Opfer ist das Medium der Informationsvermittlung. Der Taeter wird also mit sich selbst rueckgekoppelt. (Dabei ist beachten, dass grundsaetzlich jedes noch so passive Verhalten hinsichtlich seines Mitteilungscharakters als aktive Teilnahme am kommunikativen Prozess zu verstehen ist. Selbst Flucht ist immer auch schon Teil des Informationenaustauschs.)
Strategische Ueberlegungen, die dazu dienen sollen, den Ausbruch von Gewalt zu hemmen, werden also gut daran tun, nicht von Triebgestoertheit, grundsaetzlicher Mannsgewalt usw. zu sprechen. Dieser Diskurs fuehrt nichts anderes fort als das abendlaendische Standardgefasel seit Paulus und Co. Man darf nicht uebersehen: Es ging dem abendlaendischen Diskurs nicht in erster Linie um eine Unterdrueckung der Sexualitaet der Frau, und man muss es klar sehen: Fuer die Sexualitaet der Frauen und die Frauen generell hat sich das Abendland nie dergestalt interessiert, dass es sie bekaempft haette. Bekaempft hat es die weibliche Sexualitaet nur, insofern sie die Maenner verfuehren koennte. Daraus folgt der offensichtliche Tatbestand, dass der Frauenkoerper sexuell eher uebercodiert, also mit einer vollkommen ueberdrehten Sexualisierung konfrontiert ist. (Genau dies scheint die Bedingung der Moeglichkeit des sogenannten Sexismus zu sein.) Es scheint uns vieles dafuer zu sprechen, dass dem Abendland die Kontrolle ueber die Exemplare des maennlichen Geschlechts viel bedeutsamer war als die Unterdrueckung der weiblichen Sexualitaet - was fuer uns kei-nesfalls heisst, dass die weibliche Sexualitaet schliesslich doch freier sei. Aber es sieht zumin-dest so aus, als wuerde sich die untercodierte maennliche Sexualitaet permanent verstecken muessen und wollen. Daran schliesst sich die Frage an, was das eigentlich ist, das sich da versteckt? Es handelt sich jedenfalls gewiss nicht um einen gewaltigen Naturtrieb. Foucaults These von einem zum Zweck der Kontrolle installierten Sexprogramm, das an sich voellig substanzlos ist, ist hier richtungsweisender als beispielsweise naive Spielarten der Psychoanalyse. (Bei der empirischen Installierung und Kontolle dieses Programms scheinen uns die Geschlechter eher zu kollaborieren als im Streit miteinander zu liegen.) Auch Foucault kommt im Zusammenhang seiner Analyse der Kontrollmechanismen auf den Begriff Macht: Durch die buergerliche Erfindung der Sexualitaet (Foucault, Michel: Sexualitaet und Wahrheit, Band 1: Der Wille zum Wissen, Frankfurt/M. 1977, S. 153), werde jedem menschlichen Subjekt initiiert, vermittelt ueber die Sexualitaet "Zugang zu seiner Selbsterkennung" (ebd., S. 185) zu haben. Das kleine Ich ist auf dem Weg zu seiner Selbsterkennung nicht nur manchem Abenteuer ausgesetzt, es laeuft vor allem permanent ins Leere. Sein Selbst ist keine zu realisierende Utopie; es ist radikal atopisch, ortlos. Sowohl das "Selbst" als auch der "Sex" muessen Foucault zufolge auf dem Hintergrund von Machtverhaeltnissen betrachtet werden. Darunter ist keine Unterdrueckung, keine negative, durch Ge- und Verbot wirkende Instanz zu verstehen (ebd., S. 22, 62), sondern eine positive Groesse, die als solche "instabil" (ebd., S. 114) ist. Unter dem Begriff Macht versteht Foucault "die Vielfaeltigkeit von Kraftverhaeltnissen, die ein Gebiet bevoelkern und organisieren; das Spiel, das in unaufhoerlichen Kaempfen und Auseinandersetzungen diese Kraftverhaeltnisse verwandelt, verstaerkt, verkehrt; die Stuetzen, die diese Kraftverhaeltnisse aneinander finden, indem sie sich zu Systemen verketten - oder die Verschiebungen und Widersprueche, die sie gegeneinander isolieren; und schliesslich die Strategien, in denen sie zur Wirkung gelangen" (ebd., S. 113). Vermittelt ueber die Prozeduren des Sexes vermag sich die Macht in die Koerper zu implantieren (ebd., S. 180, 57, 64). Macht ist demnach eigentlich nichts anderes als kontrollierte Kommunikation, der Sex nichts anderes als eine kommunikationstechnische Erfindung, die versteckt worden ist, um gefunden werden zu koennen, und so als scheinbare Sphaere der Authentizitaet die wirkliche Kontrolle der Subjekte ueber sich selbst zu garantieren.
Wir muessen deshalb davon ausgehen, dass das generelle, praktische Sexdelirium maennlicherseits die Folge eines Prozeduraufrufs ist, dem strategisch anders zu begegnen ist, als durch die Moral des "Reiss dich mal zusammen". Wir sagen nicht, dass diese Moral Ursache der Gewalt ist, aber sie provoziert dieselbe, insofern sie sich auf dem Hintergrund dessen vollzieht, was seit Paulus' Roemerbrief der Fall ist. Das grosse Problem naemlich ist darin zu sehen, dass die Kontrollmechanismen zur Instabilitaet des Systems, also zur positiven Rueckkopplung der Selbstbezueglichkeit beitragen. Je mehr Tabuisierung, desto mehr Energie. Tatsaechlich erkennt man an diesem Beispiel deutlich, dass nicht die Energie (etwa in Gestalt des Triebes) der Signalverarbeitung vorausgeht, sondern dass sie geradezu Effekt von Informationsprozessen ist.
Strategische Ueberlegungen gegen die Gewalt muessen von den dargestellten Praemissen ausgehen, wenn sie Gewalt nicht gerade provozieren wollen. Es versteht sich, dass es sich dabei nicht nur um psychologische Kategorien handeln kann, sondern um kulturelle.


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