Jens Clasen

MegaherTz - eine Kardiologie des postmodernen Menschen

Das Herz ist Motor der Menschmaschine, Antreiber, Spielmacher, Verteiler, Container. Für sich nichts als ein pumpender Klumpen Fleisch, der aus dem Zusammenhang gerissen noch ein paarmal hilflos zuckt, dann liegenbleibt und nicht nur den Hunden schmeckt. So gesehen ein Körperteil wie jeder andere, wie du und ich.
Herz contra Gehirn: "Ich kann auch ohne dich/ ohne meinen Saft jedoch/überlebst du nicht." Ohne Sprit läuft auch der beste Motor nicht. Das Herz - Herzstück einer Ansammlung von Organen, hier kann keines ohne das andere, gar keines jedoch ohne Herzilein. Deswegen muß das Ding auch aus tiefstem Herzen von seiner Arbeit überzeugt sein, darf keineswegs halbherzig darangehen.

Das Herz gilt als Sitz der Gefühle. Das Innerste, Beste und Liebste unterhält eine intime Beziehung zum Herzen. "Herzen" heißt inniglich liebkosen. Man kann seinem Herzen Luft machen, indem man seine innersten Gefühle offenbart. So vermag man auch Herzen zu brechen, und zwei Menschen vermögen biblischen Anweisungen gemäß "ein Herz und eine Seele" (Apostel 4, 32) zu sein.
Das Herz: Metapher für die Liebe, für "Herzensangelegenheiten" aller Art. Die weitverbreiteste, platteste Liebessymbolik in unserer Kultur. Herzschmerz, Herzeleid, herzliche Grüße - herzallerliebst. Was soll das ? Primitivste Tiere haben einen solchen zuckpumpenden Muskel - warum wird gerade dieser für das angeblich höchste aller Gefühle verantwortlich gemacht ? Doch wohl nicht, weil der sogenannte Liebesakt das ist, was der Mensch mit eben diesen Tieren gemein hat. Liebeskummer macht allenfalls Bauchschmerzen oder schlaflos (nicht nur in Seattle). Aber sorgt nicht direkt für den Infarkt.

Eine Idee, die man zünde denken sollte: Was passierte, wenn das Herz die ihm lyrisch-poetisch-symbolisch angetragene Verantwortung plötzlich sehr ernst nähme, auf einmal bei jedem Rückschlag auf der Balz für einen Moment aufhörte zu pochen. Sich selbständig mit Kammer und Kranzgefäß der absoluten Regentschaft der Liebe subordinierte - was wäre wenn ? "Einen Korb geben" wäre ein Synonym für Mord, "Ich dich nicht" ein Todesurteil und: die Liebe müßte als physisch-existentielle Sucht medizinisch untersucht werden, funktionierende Beziehungen bekämen eine Lobby unter den Ärzten, und zwar nicht nur bei den Psychologen. Cardiologin Erika Berger. Der Kitsch würde zum staatstragenden Machtprinzip, Liebe staatlich subventioniert, die Grenze zwischen Nutte und Krankenschwester verwischt, und Nutten sind nicht nur Fraün. Alle müssen mithelfen, die Liebe zu retten, denn nur die Liebe zählt und wenn sie bei zehn ist, sind wir k.o. Es ist eine andere Frage, ob das nicht schon genau so passiert.

Viel interessanter und wesentlich weniger kitschig: warum steht dieser zuckende Hohlraum für ein so komplexes Gefühl, für das er weder ursächlich noch fortsetzend verantwortlich zu machen ist ? Was ist das besondere am Herzen, daß ihm diese Ehre widerfährt ? Ist es das Blut, das es bewegt, das aus ihm tropft, wenn es - nach einer weiteren zerbrochenen Liebe - herausgerissen wird ? Blut, die Farbe Rot, Vampirerotik - die Verknüpfung ist gängig und leicht nachzuvollziehen: Liebe ist immer auch etwas Fleischliches. Und wo Fleisch ist, da fließt auch Blut. Rotgeschminkte Lippen = blutverschmierter Mund. Rotlackierte Nägel = Blut an den Krallen. Die Symbolik ist klar, die Verknüpfung dennoch nicht stimmig: erstens funktioniert die blutige Leidenschaft nur in erotischen Zusammenhängen, und dort auch ohne den Anspruch der absoluten Liebe, die für die Herzsymbolik unerläßlich ist. Blut = Sex plusminus Liebe. Zweitens kann das Blut auch von einer von Menschenhand konstruierten Maschine (Herz-Lungen-Maschine) gepumpt werden, oder mein Blut vom Herz eines anderen (Herztransplantation, Blutspende). Die Verbindung Herz - Blut ist also nicht unkündbar, die Symbolik funktioniert weiter, auch mit dem Herzen eines anderen.

Ist sie, die Symbolik, nichts als bloßer Sprachgebrauch und wurde deswegen nicht revidiert, als die künstlichen Herzen, die Fremdherzen aller Art aufkamen ? Es ist erwiesen - auch wenn Hollywood es nicht wahrhaben will - daß sich die Gefühle eines Menschen nicht mit seinem transplantierten Herzen auf den Empfänger übertragen. Damit ist die Lüge "von Herzen lieben" entlarvt: wenn Herr Xytolpek das Herz des verstorbenen Herrn Pasbak eingesetzt bekommt, liebt er ja nicht auf einmal die Witwe Pasbak sondern weiterhin seine Frau. Überhaupt, was wäre, wenn er Frau Pasbaks Herz bekommen hätte ?...Wie gesagt: entlarvt. Und auch wieder nicht. Denn auch "bloßer Sprachgebrauch" ist noch nicht völlig banal, schließlich erzielt er immer noch Wirkung - auch bei denen, die erst weit nach Professor Bernards großem Coup geboren wurden.

Das Herz als Ersatzteil, als austauschbare Maschine, als reiner Funktionsträger, von außen bestimmt. Wie romantisch. Und doch ist es, was es ist und der Bursche, der im Märchen vom "Kalten Herz" seine Pumpe gegen einen Stein eintauscht, tauscht einen Appel gegen ein Ei, nichts hat er gewonnen, verloren hat er auch nichts: kalt bleibt kalt. Der Märchenheld ist ein Grenzgänger. Einerseits veranschaulicht seine Geschichte, daß die Symbolik des Herzens im allgemeinen Ansehen weit über seiner Funktion steht (keinen interessiert es, daß ein Stein als Pumpe nicht taugt, das Märchen müßte an dieser Stelle mit einem Infarkt enden). Andererseits zeigt uns der junge Mann, was wir schon wissen: der Mensch bleibt auch mit dem fremden Herzen derselbe, er holt sich das eigene zwar zurück, die Motivation das tun zu wollen, verspürt er aber mit einem Stein in der Brust. Das heißt, er hätte sich das Zurücklaufen zum bösen Zauberer sparen können, er fühlt auch so, was er fühlt. Das rückgewonnene Herz ist wieder nichts als ein Symbol. Daß der Kerl nach Erhalt des neün Herzens sich veränderte, daß er "kaltherzig" oder gar böse wurde, kann man wörtlich nehmen, kann man aber auch als die in der Rehabilitation nach einer Herzverpflanzung notwendig auftretenden Gewöhnungs- schwierigkeiten betrachten.

Versuche das liebesbezogene Stattfinden auf andere Organe zu verlagern - einer spricht gar von Flugzeugen in seinem Bauch, oft wird davon gesprochen, die Liebe an den Augen ablesen zu können (was sicher nicht heißt, daß sie herzsaftunterlaufen sind) - können als ebenso ehrenwert wie gescheitert gelten. Die Dominanz des Herzen als Wappenwabbel allen Gefühls ist ungebrochen, Amor schießt weiter auf dasselbe herzhafte Ziel, man kann nur hoffen, daß ihm von dem ganzen Blut nicht doch mal schlecht wird.

Also doch: bloße Macht der Gewöhnung, das Herz als überholtes Symbol mit Bestand aufgrund von simpler Praktibilität ? Man stelle sich vor, was alles geändert, neuproduziert, nachentwickelt werden müßte, nähme man, sagen wir, den Magen als neün Uterus der Liebe. Zunächst mal alle Glückwunschkarten, kitschigen Bilder, Poster etc. - alles, was irgendwie liebesmäßig verwandt, versandt, verschenkt wird. Lebkuchenherzen natürlich (Lebkuchenmagen... oje!). Und was ist mit den Texten moderner Liebeslieder, -gedichte usw. ? "Oh, du mein Magenblatt! Mein magenallerliebstes Schnuckelmägelchen!"...ähm...nun ja: man stelle sich das vor ! Ein derber Schlag für die Gevattern Produktion und Distribution, die gern und vielzitierten. Von der Umweltsaürei kaum zu reden, der ganze Herzmist muß ja irgendwohin ! - Das geht also nicht. Allein die sprachliche Neuregelung stellt uns offensichtlich vor unlösbare Probleme.

Bleibt festzustellen, daß die Welt nicht davon untergeht, daß bei uns sprachlich-symbolisch das falsche Organ für die Gefühle zuständig ist. Dann können sich Liebespartner von Herzinfarkt-Patienten/-innen wenigstens der unvergänglichen Liebe des da Röchelnden sicher sein: Wenn's nicht mehr schlägt, ist nicht schlimm, war ja nur symbolisch gemeint...

Um nochmal den Gedanken vom „Herzen eines anderen" aufzugreifen: Baudrillard spricht im Zusammenhang mit dem menschlichen Körper gerne von "Prothesen": "Das ganze menschliche Wesen, sein biologischer, mentaler, muskulärer und zerebraler Körper wird umgeben von mechanischen Prothesen oder Computerprothesen...Anstatt sich konzentrisch um den Menschen zu drehen, sind die Funktionen des menschlichen Körpers zu Satelliten geworden, die exzentrisch um ihn kreisen." (Baudrillard: Transparenz des Bösen)

Also sprich, der Mensch geht nicht mehr selber nach draußen, um zu sehen, was passiert, sondern er kauft sich einen Fernseher. Und damit er nicht mehr aufstehen muß um umzuschalten, hat er eine Fernbedienung (die ist quasi eine Gehhilfe von einem Fenster zum anderen). Wenn man auch zum Zuschaün zu faul ist, gibt es Prothesen, die das für einen erledigen: Videorecorder. - Was wäre eine solche Prothese im Leben des Menschen, die das Herz zu ersetzen imstande wäre? Damit ist nicht seine Pump-Verteil-Funktion gemeint. Mal ganz unblutig angenommen, das Herz des Menschen diene eben nur noch dem Zwecke des Pumpens, seine Symbolfunktion wäre von einer Prothese übernommen worden. Was könnte das sein - was ist das wahre künstliche Herz?

Das Satellitenherz sollte möglichst technisch hochentwickelt sein, es kann sich dabei nicht um eine bloße Neusymbolisierung handeln, ein Herzmassagegerät etwa. Auch der Herzschrittmacher taugt hier nichts, er ist nur derjenige Satellit, der dem eigentlichen Symbol in den Arsch tritt. Im übrigen beziehen sich diese Geräte in ihren Funktionen ja auf den Mechanismus, den wir dem Herzen lassen wollten. Neinein, es muß nun ganz weggehen von der Chirurgie. Womit liebt der Mensch, womit könnte er lieben?

Viele Assoziationen sind möglich. Als erstes denke ich an die Masse von tragbaren Telefonen, Handys, die auf unserem Planeten herumgetragen werden, vorzugsweise in der linken (!) Brusttasche. Sie dienen der Kontaktaufnahme, Kontakterhaltung (auch in den unmöglichsten Situationen, z.B. auf der Toilette, trotzdem bringt es keiner übers Herz, verzeihung, übers Handy, das Ding abzuschalten!) und ein Mensch mit Handy muß niemals einsam sein; genauso wie ein Liebender immer das Bild seiner Liebsten im Herzen trägt, hat der Handyträger ihre Nummer dabei. Doch ist diese Mund-Ohr-Maschine wirklich tauglich, um aus dem Menschen ein sabberndes, dümmlich dreinblickendes Knuddeltier zu machen?

Geht man vom Handy als alleinige Prothese aus, so stößt man unweigerlich auf Schwierigkeiten: nicht jeder hat ein Handy und umgekehrt hat nicht jeder Handybesitzer von seiner Angebeteten die Telefonnummer. Dazu kommt, daß beim Rum-Handy-ren selten körperlicher Kontakt entsteht, es sei denn, man telefoniert mit der Liebsten Schulter an Schulter auf einer Couch (was sicherlich nicht der kleinste Traum der Hersteller wäre). Da jedoch kommen hilfreich weitere Prothesen herbeigeeilt: Anrufbeantworter, Telefonsexagenturen, Cybersex. Somit wäre die Gefühlswelt des Menschen schon mal ansatzweise vernetzt. Doch handelt es sich immer noch um rein oberflächliche, kommunikative, rein funktionelle Aspekte des Liebesherzens, die hier ersetzt werden. Um die wahre Komplexität eines fühlenden Menschenherzens zu prothesieren, bedarf es mehr. Schließlich ist die Liebe mehr als ein simpler Akt der Kommunikation, sie verschwindet zum Beispiel nicht einfach, wenn sie nicht auf Gegenliebe stößt. Im Gegenteil, das kann sie sogar verstärken. Und hat man je gehört, daß sich ein Handyträger dann am besten unterhält, wenn er niemanden erreicht?

Eine Feststellung in diesem kleinen Ausflug in die Prothesenwelt aber weist den Weg zur echten Herzprothese: Um die Komplexität herzustellen, die dem Herzen symbolisch zugedacht ist, müssen verschiedene technische Einrichtungen und devices kombiniert werden, eine Vernetzung muß stattfinden. Wenn ich jetzt davon ausgehe, daß die absolute Vernetzung bei paralleler Substitution sämtlicher organischer Relikte eintreten könnte - auch die Stimme am anderen Ende müßte von einer Maschine stammen - dann ist das wahre künstliche Herz ein Computerchip.

Ein Chip, der in sich komprimiert alle oben angeführten Funktionen vereint - Kommunikation (Signale senden, empfangen, speichern, werten), Körperlichkeit (zumindest die Steürung eines Widerparts, einer Prothesenprothese), Irritation (z.B. Steürung von Hormonen) - wäre ein zeitgemäßer Ersatz für das Symbol Herz. Um die Ironie auf die Spitze zu treiben, müßte er ein herzförmiges Gehäuse haben, auf dem steht "VORSICHT ! UNZERBRECHLICH !"...

Der herzveräußernde Märchenheld kommt da wieder ins Bewußtsein. Im Märchen vom "Kalten Herz" heißt es:

"’Hast du's im Kopfe empfunden, als dich letzthin einer einen Betrüger und schlechten Kerl nannte? Hat es dir im Magen wehe getan, als der Amtmann kam, dich aus dem Haus zu werfen? Was, sag' an, was hat dir wehe getan?’ ‘Mein Herz’, sprach Peter, indem er die Hand auf die pochende Brust preßte; denn es war ihm, als ob sein Herz sich ängstlich hin und her wendete."

Es ist also doch das Herz, was Sorgen macht - und was tut der schlaü Kunde, als er dazu die Möglichkeit hat? Er tauscht das Objekt des Ärgernisses aus gegen ein anderes, weniger problematisches Produkt. Jaja, ganz richtig: Wir wurden Zeugen einer Frühform des Organhandels, einem heute blühenden Handelszweig mit Millionenumsätzen. Wem fällt da nicht die makaber wahre Szene in Monthy Python's "Sinn des Lebens" ein?

Es klingelt an der Tür. "Guten Tag." - "Tag. Ihr Name ist John O'Brien ?" - "Ja, richtig." - "Sie haben einen Organspenderausweis?" - "Korrekt, ja." - "Gut. Wir kommen, um ihre Leber zu holen." - "Aber, aber...ich bin doch noch gar nicht tot." - "Keine Sorge, das hat noch keiner überlebt!" Undsoweiter.

Da tun sich doch marktwirtschaftlich Welten auf. Der freie Handel mit Organen ist quasi ein Muß in einer modernen Welt von flexiblen Individualisten. Eine offene Tauschbörse muß her, Anzeigen wie "Hartherziger Geschäftsmann sucht weiches Herz zwecks sozialer Selbstverwirklichung. Chiffre XXX." müßten als vorformulierte Standardtexte bei allen Kontaktmagazinen vorliegen. Gar nicht lange, und erste "Rent A Heart"-Agenturen kämen auf und könnten ein Riesengeschäft machen. Man bedenke nur die Möglichkeiten: ebengenannter Geschätsmann wäre in der Lage, sich für kuschelige Stelldicheins mit der Restwelt einmal die Woche für drei, vier Stunden einen weicheren Muskel zu leasen - vielleicht mit späterer Kaufoption bei mehrmaliger Nutzung der gleichen Pumpe - und wäre dennoch in der Lage, seine Geschäfte weiterzuführen. Bei einem Handel über die Tauschbörse liefe er ja Gefahr, daß das harte Herz über dunkle Kanäle an einen Konkurrenten gerät, der ihn dann mit dem diesem innewohnenden Kräften ruiniert - nicht auszudenken! Aber bei einem sauberen Deal mit einer seriösen Agentur...

Sicherlich, an diesem Punkt wären wir auch vom Trend zum Zweitherz nur noch Schritte entfernt. Es werden sich auch Kunden finden, die für jede Situation gern das passende Herz im Schrank hätten. Die objektgerechte Lagerung sowie die Anlernung zur minutenschnellen Selbsttransplantation stellen dabei wohl eher geringe Schwierigkeiten. Sagt man: "Du mußt dir ein Herz fassen", spricht man von sowas wie einem Besuch beim Metzger. Der Satz "Ich geh' mich mal eben frisch machen", bekommt völlig neü Dimensionen. Die Verwandtschaft kommt - man stylt sich "groß-Herz-ig". Ein Mieter muckt - der Stein kommt rein. Das Baby schreit - das mütterliche Herz wird eingepflanzt (das, unter dem das Kind getragen wurde: niemand ist mehr "alleinerziehend", auch wenn der Zeugungsgegenpart zerstückelt im Kühlschrank liegt). Welche Verdienstmöglichkeiten allein schon für die Dritte Welt. Allerdings müßte man den bösen Holländer Michel schon mal fragen, wie er das nun alles gedeichselt hat: Aufbewahrung, Verpflanzung undsoweiter. Das dürfte kein Problem sein: laut Märchen müßte der Gute noch im Schwarzwald wohnen... Was für ein Geschäftsmann! Einer der letzten Visionisten.

Auch ohne es gleich herauszureißen, lassen sich mit dem Menschenherzen prima Geschäfte machen. Man betrachte nur einmal die unablässig erscheinende Flut von Herzschmerz-Illustrierten. Da wird Geld nur mit Hilfe von "ans Herz rührenden Geschichten" verdient. Die Begriffe, die in diesen Schmonzetten die reißerischen Überschriften mit Substantiven versorgen, treten fast immer mit dem Wort Herz an ihrer Seite auf: "Traür umklammert ihr...", "Eine neü Liebe entflammt ihr...", "Eine Freundschaft von ganzem...", "Der Tod ihres Dackels brach ihr fast das..." Naja, undsoweiter. Die Symbolik ist soweit in den Sprachgebrauch eingedrungen - von just ebengenannten Hochglanzfarbfotoklatschmags dort hineingetragen worden?! -, daß ein ganzer Kundenstamm allwöchentlich in einem suchtähnlichen Wahnzustand seiner Stammzeitschrift, seinem Stammherzschmerzspender, entgegenfiebert.

Das funktioniert nur bei unseren Omas? Gefehlt! Man betrachte beispielsweise Inhalt und Erscheinungsform sogenannter "Mädchen-", "Jugend-" oder "Szene-Magazine": Auf der Titelseite werden großspurig Themen angekündigt wie "Warum jeder zweite Mann fremdgeht", "Der große Eifersuchtsreport" oder "Warum jede zweite Frau ihren Mann umbringt". Im Innern des Heftes finden sich dann darüberhinaus so hilfreiche Dinge wie "Der ultimative Treü-Test", wo so tiefschürfende Fragen gestellt werden wie "Glauben Sie, daß Sex in der heutigen Zeit oft überbewertet wird?" Als Antwort, die dem - ansonsten völlig mündigen Leser - bei solchen Tests stets zur Verfügung gestellt wird (a=1, b=2, c=0 Punkte), müßte sich das Blatt eigentlich sofort selbst zerstören. Oder sich selbst die Frage stellen, wie es wohl zu dieser Überbewertung kommen konnte. "Moment", könnte der aufmerksame Leser hier einräumen, "Wollten wir nicht über das Herz reden, nicht über Sex?" Sicher. Klar. Ist aber in diesem Falle dasselbe: Liebe gibt es nicht ohne Sex, zumindest nicht in der Welt der Bunten Bild. Liebe ohne Sex verkauft sich nicht - vielleicht hat deswegen der Kindesmißbrauch eine solche Medienkarriere gemacht: weil die Vaterliebe endlich den richtigen Kick bekam...-, Liebe ist symbolisiert durch das Herz, also gehört der Sex einfach dazu. Schon Dr. Sommer hat es goldrichtig erkannt, er nennt die wichtigen Begriffe in einem Atemzug: Liebe, Sex und Zärtlichkeit. Eine der erfolgreichsten Rubriken in einem deutschen Druckwerk überhaupt. Welche andere große Jugendzeitschrift bringt ihre minderjährigen Leser schon durch Pseudoaufklärung soweit, sich für eben diese Zeitung auszuziehen, so daß diejenigen verklemmten Brüder und Schwestern, bei denen diese Aufklärung nichts gefruchtet hat, wenigstens ordentliche W..vorlagen von Gleichaltrigen haben.
Mut, Entschlußkraft und Besonnenheit verdanken sich nicht der Kalkulation; sie sind immer noch zu einem guten Teil Herzensangelegenheit. Man faßt sich ein Herz und schreitet beherzt zur Tat, auch wenn dieses bisweilen in die Hose rutscht und gleichwohl bis zum Halse schlägt.


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