Jannike Falkman

Baudrillards Begriff des "Sextremismus"
Eine Zusammenfassung in Stichworten

"Dem Sexuellen droht das Schicksal eines Artefakts und damit der Selbstzerstörung: die Transsexualität" - schreibt der französische Metaphysiker und Soziologe, Jean Baudrillard in einem Artikel in dem Kulturmagazin TransAtlantik.

Der Begriff "Transexualität" ist dabei nicht im anatomischen Sinn, sondern als ein Spiel mit der Beliebigkeit sexueller Merkmale zu verstehen. Wie man früher mit den sexuellen Differenzen spielte, so spielt man heute mit der Gleichgültigkeit und Neutralität der Sexualität, der Gleichgültigkeit gegenüber sexuellen Gegensätzen und der Gleichgültigkeit gegenüber dem sexuellen Genuß.

Das Transsexuelle beruht an sich auf Selbstzerstörung: sei es als Geschlechtsumwandlung oder/und als das Spiel mit modischen, morphologischen (Sprache) oder gestischen (Körpersprache) Würdesymbolen.

Beispiel 1: Cicciolina ist das typisch weibliche Wesen, vereint mit pornographischer Unschuld, niemals pervers oder ausschweifend. Durch ihre naive Sprache und Performance wirkt C. trotz ihrer übertriebenen Sexualität immer unschuldig und rein: Sie ist ein Androgynes Wesen.

Beispiel 2: Michael Jackson ist der Vorreiter einer perfekten, allgemeingültigen Artenmischung und führt dadurch den Kindern von heute die Vorstellung einer idealen Zukunft vor. J. hat sich neu konstruieren lassen; die Haut aufgehellt und das Haar entkraust, um aus sich ein unschuldiges Geschöpf machen zu lassen. Ein fabelhaft künstliches Wesen, das besser als Gottes Kind ist und uns von den Zwängen der Rasse und der Sexualität befreit.

Beispiel 3: Andy Warhol ist das Sinnbild eines Transvestiten der Ästhetik. Er war und ist eine vollkommene, artifizielle Figur, auch er ist Vorreiter einer perfekten Artenvermischung in der Kunst. Unschuldig und rein, befreit er uns durch seine Perfektion von der Ästhetik.

Es ist keineswegs nur die sexuelle Kultur, sondern die gesamte Kultur, die der Travestie anheimgefallen ist. Genau wie die Sexualität, befindet sich beispielsweise die Politik im Stadium einer ironischen Gleichgültigkeit.

Die alles beherrschende Travestie ist grundlegend für unser Verhalten geworden, bis zu unserer Suche nach Identität und Unterschied.

Heute wird weniger nach Gesundheit gesucht, sondern vielmehr den "Look". Die eigene Identität ist gleichgültig geworden, die Performance und das Image sind das Wichtige. Man spielt nicht mehr mit den Unterschieden von Mann und Frau, sondern nur noch mit Unterschiedlichkeiten.

Mit den Fragen der politischen und der sexuellen Revolution - was denn der eigene Wille des Menschen sei, was er wolle und was er erwarte - beginnt die Zeit der Unbestimmtheit, der Angst und der Konfusion. Die Befreiung von allem und jedem hinterließ eine Welt voll Zweifel über ihre generische, politische und sexuelle Identität - mit immer weniger möglichen Antworten.

Wir wurden allesamt transsexuell und transpolitisch, tragen nur noch Masken und sind zu Transvestiten geworden.

Literatur:
Jean Baudrillard: Der Neue Sextremismus, in: TransAtlantik, das Kulturmagazin, Hamburg, Juni 1990 Nr. 6


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bwl19280: Janike, danke dafür, daß du es ermöglicht hast, auch mir, einem sterblichen und normalsprechenden Menschen, etwas von J. Baudrillard zu lesen UND ZU VERSTEHEN. Zweifelsfrei ist vieles, was er schreibt, sehr interessant und lesenswert, aber wenn man einen Satz öfters durchlesen muß als er überhaupt Wörter hat, um ihn zu verstehen, dann hören mehr Leute vorzeitig mit dem Lesen auf, als es J. Baudrillard vielleicht lieb wäre.

Michaela Kindgen: Hallo. Durch Zufall bin ich auf diese Page gestoßen und bin wirklich entsetzt darüber wie manche Menschen über andere Urteilen können, ohne sich überhaubt nur einmal mit dem Thema richtig befaßt zu haben. Ich bin selbst Betroffene - Mann zu Frau Transsexueller - und betreibe dieses Spiel nun bereits seit 5 Jahren. Allerdings bin ich mir sehr bewußt darüber, was ich will und was ich mit meinem Körper anstelle. Dieses gebe ich auch in einem themenbezogenen Magazin, welches ich redaktionell leite, auch an andere Betroffene weiter. Diese danken mir dafür, daß ich nicht einfach irgendwelchen Blödsinn schreibe, wie dieser Autor J. Baudrillard. Wie kann er urteilen über Transsexuelle, ohne ihre Probleme zu kennen. Ist er vielleicht nicht in der Lage zu akzeptieren, daß es ben auch Menschen gibt, die tatsächlich mit ihrem angeborenen Geschlecht nicht klarkommen und geistig und seelisch eigentlich wirklich dem anderen Geschlecht zugehören? Falls Interesse besteht, so bin ich gerne bereit, mehr zu diesem Thema zu sagen. Ich bin unter sitira@vossnet.de zu erreichen und würde mich über nachrichten freuen.

 

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