Eckhard Hammel

Jürgen Habermas: "Untiefen der Rationalitätskritik"

Jürgen Habermas: Die neue Unübersichtlichkeit, Frankfurt/M. 1989, Seiten 132-137: Kapitel "Untiefen der Rationalitätskritik"

Gliederung:

I
1. Zeitgenössische Tendenzen in Philosophie u. Soziologie (Seite 132)
1.1. Sich überkreuzende Tendenzen:
1.1.1. 50er/60er Jahre
1.1.2. 70er/80er Jahre (Seite 133)
II
1.2. Gleichlaufende Tendenzen:
1.2.1. Einfluß: Geschichte, Ethnologie > Pluralismus, Kontextualismus
1.2.2. Gegen die Bewußtseins- u. Selbstbew.-Philosophie (Seite 134)
1.2.3. Anarchie als Dogma hebt den Pluralismus auf > Totalitarismus
III
2. Buße der Linken -> Erstarken der Rechten (Seite 135)
IV
3. Zusammenfassung/Thesen: (Seite 136)
3.1. Das Übel besteht in mangelnder Vernünftigkeit
3.2. Kommunikative Vernunft ist noch zu entfalten
3.3. Paris ...

 

Im Teil I stellt H. fest, daß die intellektuelle Situation nach der Moderne - also die Postmoderne - unübersichtlich geworden ist. Eine Vielzahl verschiedener Theorien und Tendenzen überkreuzen sich. Im Teil II macht H. inmitten dieses pluralistischen Gebildes drei gleichlaufende Tendenzen aus:.

1. Es gibt kaum mehr "reine" Theorien. Zeitgenössische Theorien sind vielmehr interessiert an Alltäglichem, an Ausnahmen, an Besonderheiten u.ä. Konsequenz: Vielschichtigkeit, Toleranz.

2. Die neueren philosophischen Konzepte kritisieren die althergebrachten Größen "Bewußtsein", "Selbstbewußtsein" und "Subjekt".

Descartes war es, der eine folgenschwere Grenze zog zwischen dem bewußten Denken, das dem Subjekt zukomme, und dem Körper, der bloß Objekt sei. Diese Konzeption steht in Einklang mit umwälzenden Entdeckungen der damaligen Zeit, bspw., daß die Erde nicht der Mittelpunkt des Kosmos ist. Der Mensch sieht sich plötzlich auf sich allein gestellt. Der Glaube an Gott wird ersetzt durch das Selbstbewußtsein und die Vernunft eines sich auf sich selbst besinnenden Menschen. Dadurch ergab sich freilich die Situation einer Vernunft, die meinen konnte, von der Welt der Objekte, der Natur, des Körpers grundsätzlich verschieden zu sein. Der Mensch begann alles zu machen, was machbar erschien. Die Ergebnisse dieses Fortschritts werden heute nicht zuletzt in der ökologischen Kritik sichtbar: die Natur, fälschlich als bloße Objektwelt eingestuft, ist als ganze gefährdet, und damit auch der Mensch selber.

H. schätzt die Ablösung von diesem Typ der Bewußtseinsphilosophie durchaus positiv ein, er ist allerdings nicht der Meinung, daß damit das Programm der Vernunft endgültig abgehakt wäre.

Für H. gilt es, Kants Begriff von Aufklärung, den Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zur Mündigkeit zu geleiten, erst noch einzulösen (siehe IV).

3. Gegen die, die meinen, die Vernunft sei erledigt (und damit das methodische Denken, die Verantwortlichkeit und die Gleichberechtigung beim Zugang zum Wissen), polemisiert H., daß darin die Anarchie zum Dogma erhoben, die Postmoderne also insgesamt totalitär würde.

Im Anschluß an den Teil III, der bemängelt, daß die politische Linke sich in Selbstzweifeln gefalle, während hingegen die Rechte erstarke, erfolgt im Teil IV H.s Kommentar zu alledem.

1. H. behauptet, daß sich der abendländische "Logozentrismus" (Derrida) keinesfalls einem Scheitern der Vernunft verdankt. "Logozentrismus" meint dabei die oben angesprochene einseitige Zentrierung der abendländ. Wissenschaften um die Logik des Bewußtsein, die Kognition.

H. kann dies behaupten, weil er davon ausgeht, daß es verschiedene Arten von Vernunft gibt. Gegen die fälschlich einzig an der Machbarkeit orientierte "instrumentelle Vernunft" (Horkheimer) führt H. die "kommunikative Vernunft" ins Feld. Dieser Begriff besagt, daß man die Vernunft dann richtig einsetze, wenn sie nicht auf technische Machbarkeit sondern auf den Dialog der Menschen untereinander abziele. Eine solche "kommunikative Vernunft" wäre H. zufolge emanzipatorisch, frei von Herrschaft. Sie zielt ab auf die Mündigkeit der einzelnen, die darin ihre sozialen Interessen formulieren können. H. setzt darin weiterhin auf die kritische Reflexion, die zur Gewaltfreiheit befähige.

2. H. fordert, die verlorenen, positiven Aspekte der Vernunft mit Hilfe der Vernunft wieder zu entdecken und zwar durch ein Zusammenspiel von Technik, Ästhetik und Moral.


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