Christian G. Pätzold @ CultD

Ausgewählte Essays

Thomas Piketty, Nationalökonom


Ein Buch wird derzeit weltweit heiß diskutiert und viel gelobt: Thomas Piketty, "Das Kapital im 21. Jahrhundert", München 2014. Der Pariser Ökonom Piketty stellt die Frage nach der wirtschaftlichen Gleichheit und Ungleichheit zwischen den Menschen. Die Trickle-down-Theorie von Ronald Reagan aus den 1980er Jahren, wonach der Reichtum der Reichen allmählich von selbst nach unten zu den Armen tröpfeln würde, hat noch nirgendwo funktioniert. Die Reichen behalten nämlich den Reichtum für sich und lassen nichts durchsickern. Entsprechend riesig sind die Unterschiede im Einkommen und Vermögen zwischen Reichen und Armen inzwischen geworden, nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Eine Gesellschaft, in der einige 1 Million Euro und mehr im Monat verdienen, und andere nur 700 Euro Hartz IV bekommen, kann man getrost als pervers bezeichnen.

Die Europäische Union wird uns eines Tages um die Ohren fliegen, wenn nicht etwas gegen die Ungleichheit und Arbeitslosigkeit, auch in Süd-Europa, getan wird. Wenn das Buch von Thomas Piketty im Oktober 2014 bei C.H. Beck auf Deutsch erscheinen wird, sollte man mal hineinschauen. Derzeit gibt es das Buch nur auf Französisch und Englisch.

Diese kleine Buchempfehlung hatte ich im Mai 2014 geschrieben. Inzwischen haben wir November, Pikettys Buch ist auf Deutsch erschienen und er ist persönlich in Berlin im Haus der Kulturen der Welt (Kongresshalle) aufgetreten. Er jettet gegenwärtig zwischen Paris, New York und Peking hin und her. Sein Vortrag lautete "Das Ende des Kapitalismus im 21. Jahrhundert?". Das freut einen natürlich. Über den Kapitalismus hat man sich schon so lange geärgert. So konnte ich mir diese einmalige Gelegenheit, den leibhaftigen Karl Marx des 21. Jahrhunderts zu sehen, natürlich nicht entgehen lassen. Zumal ich mich seit 40 Jahren auch als Nationalökonom verstehe.

Piketty hat stapelweise Statistiken aufgefahren, um seine These zu beweisen, dass die Reichen immer reicher werden und die Armen relativ immer ärmer. Der Grund läge darin, dass die Profitrate auf die Geldvermögen immer höher gelegen habe als die Steigerung der Realeinkommen. Bei Piketty lautet die Formel dafür: r größer als g.

Ich glaube das Piketty aufs Wort, aber ehrlich gesagt habe ich das auch schon vorher ohne seine Statistiken gewusst. Es ist doch logisch, dass die professionellen Haie der Finanzbranche höhere prozentuale Gewinne machen als die kleinen Arbeiter. Das war leider schon immer so. Nun gut, Piketty hat es jetzt wissenschaftlich bewiesen, dass der Kapitalismus ungleich, ungerecht und schlecht ist. Aber wird er deswegen auch zusammenbrechen? Wenn der Kapitalismus schon nicht an dem "Tendenziellen Fall der Profitrate" von Karl Marx zusammengebrochen ist, dann soll er wenigstens an der wachsenden Ungleichheit von Thomas Piketty, an der tendenziellen Steigerung der Profitrate, zusammenbrechen. Das ist jedenfalls eine originelle Neuerung.

Piketty hat die besten und die meisten globalen Daten zur Ungleichheit der Einkommen und der Vermögen gesammelt, und deswegen ist er international so gefragt. Man könnte allerdings auch in die jährliche Forbes-Liste der Milliardäre schauen, um eine Ahnung zu bekommen, was passiert.

Es ist seltsam, dass ich in den 1960er Jahren einmal bei einer Veranstaltung mit dem Erweckungsprediger und "Maschinengewehr Gottes" Billy Graham in derselben Kongresshalle im Tiergarten war. Graham als neuer Jesus, Piketty als neuer Marx. Das ist doch fast eine Parallele. Piketty ist wie Marx ein Zusammenbruchstheoretiker, aber der Diktatur des Proletariats hat er abgeschworen. Er bezeichnet sich sogar als Bewunderer des Kapitalismus und möchte nur eine Umverteilung des Reichtums durch Steuerpolitik.

Im großen Saal der Kongresshalle waren 1.000 Zuhörer. Noch einmal 1.000 Zuhörer lauschten seinem Vortrag im Foyer, weil sie nicht mehr hineinkamen. Piketty hat schnell gesprochen, auf Französisch und im schönsten akademischen Ökonomen-Jargon. Ich vermute, dass viele nicht verstanden haben, was er gesagt hat. Jedenfalls habe ich eine so große ökonomische Massenveranstaltung noch nicht erlebt. Piketty ist ein Hype. Er wirkt sympathisch und locker, mit Sakko und offenem Hemd, der nette Ökonom von nebenan.

Ich muss noch erwähnen, dass die Kongresshalle wegen ihrer Form im Berliner Volksmund „Schwangere Auster“ heißt, dass sie am Ufer der Spree liegt, dass die Amis sie finanziert haben, und dass sie besonders bekannt wurde, als ein Teil ihres gewagten Spannbetondaches 1980 kollabierte. Irgendwie passt der kollabierende Kapitalismus zur Kongresshalle.

Das Buch von Thomas Piketty kostet 29,95 Euro. Es ist damit der vielleicht teuerste Bestseller des Jahres 2014. Pikettys arme Arbeiter werden dadurch relativ noch ärmer werden. Denn die Milliardäre werden sich das Buch bestimmt nicht anschaffen. Denen reicht der Blick auf die Steigerungen ihres Kontoauszugs.

Piketty hat durchaus einen Punkt: Dass nämlich der Kapitalismus aufgrund der wachsenden Ungleichheit im 21. Jahrhundert zusammenbrechen könnte. Es könnte aber auch sein, dass er schon vorher aufgrund der wachsenden Naturzerstörung zusammenbricht. Oder am wahrscheinlichsten aufgrund einer Kombination von beidem.

Christian G. Pätzold, 8. November 2014.

[Mehr Essays unter www.dr-paetzold.info.]

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