KUNST;PRAXIS HEUTE

eine Dokumentation der aktuellen Ästhetik

Tim EIAG im Gespräch mit Karin Thomas

Karin Thomas: Ihre ästhetische Praxis hat nicht mehr die Herstellung von Objekten zum Ziel, sondern die Auslösung von bewußten Kommunikations- prozessen bei den Teilnehmern Ihrer Aktionen. Auf welche Weise gelingt es Ihnen, diesen Bewußtseinsvorgang in Gang zu bringen?

EIAG: Am Anfang meiner künstlerischen Arbeit habe ich Objekte in traditioneller Welse gemacht, bis ich zu der Erkenntnis gelangte, daß die Besucher einer Ausstellung weniger um der gezeigten Produktionen willen in die Ausstellung kommen, sondern diese lediglich zum Anlaß eines Zusammentreffens nehmen, wobei jedoch die Fixierung der Konzentration durch die Ausstellungsobjekte die Möglichkeit eines direkten kommunikativen Gesprächs versperrt. Ich richtete daher ganz gezielt meine künstlerischen Absichten auf den Bedingungskomplex dieser Kommunikation und haben als erste Initiative in dieser Richtung eine Ausstellung unter dem Titel: Getarnte Autos simultan in Hamburg, New York und Wien veranstaltet. Das Konzept bestand darin, Einladungen zu dieser Aktion zu verschicken; bei dem Treffen selbst war ich dann nicht mehr beteiligt. Die Leute kamen in die Galerie und fanden keine Autos vor. Nach einiger Zeit kristallisierte sich dann allmählich die Einsicht dieser Lernsituation heraus, daß die Besucher selbst die "Autos" waren, die sich suchen und treffen sollten.

Bei Ihren Aktionen fällt auf, daß Sie im Gegensatz zu vergleichbaren Aktions-programmen die Objektinstrumentarien zur Auslösung dieses Kommunikationsprozesses sehr sparsam und einfach strukturieren.

Ich halte mit Absicht die Lernsituationen so flexibel und einfach wie möglich, damit jeder seine eigene Möglichkeit ohne zwanghafte Dirigismen finden und sich mit dem Kernpunkt einer Situation auseinandersetzen kann. In Wien haben ich z. B. eine Aktion mit Folien gemacht, indem der Aktionsraum mit Folienrollen verspannt wurde. Den fragenden Passanten wurden anstelle einer Erklärung selbst solche Folien in die Hand gegeben, und wurden somit in diese Aktion mit hineingezogen. Aufgrund dieser ganz einfachen Konzeption haben die Leute spontan ihre Rolle in dieser Situation finden und zugleich auch selbst wiederum diese Rollenfunktion und die Gesetzmäßigkeiten ihres Handelns an die Hinzukommenden weitervermitteln können, ohne daß wir diesbezüglich in Aktion treten mußten.

Wie machen Sie Ihren Aktionsteilnehmern den Unterschied zwischen einer bewußten selbstinitiierten Handlung und den gewöhnlichen unreflektierten Verhaltenszwängen einsichtig?

Dabei gehe ich nicht von einer theoretischen Methodik sondern von der Situation aus. Man kann nicht klinisch den Verhaltenszwang von der freien Handlung trennen, sondern nur den Isolierungsprozeß einer Situation auf einfache Bedingungen anstreben. So versuche ich z. B. über das Medium Dunkelheit mit dunklen Räumen dem Individuum direkte Erfahrungen zu ermöglichen. Die Dunkelheit kann einerseits gewisse vorhandene Angstzustände, die in uns aufgestaut werden, verstärkt zu Bewußtsein bringen, andererseits schaltet sie gewisse zwangbafte Verhaltensweisen aus. Die Leute bekommen durch installierte Sinnesräume einen Impuls, und mit dem Ansprechen auf diesen Anstoß treten sie schon aus dem Verhaltenszwang des gewöhnlichen Tuns heraus. Zugleich macht diese isolierte Erfahrungssituation des sensorischen Erlebens in einem dunklen Raum den bewußten Erfahrungsaustausch als echte Kommunikation möglich, indem sich die anwesenden Individuen ganz auf die Erfahrungs- und Verhaltensbedingungen der Situation ausrichten. Dabei erkennen sie die Bedingungen ihrer individuellen Barrieren, die sie normalerweise in ihrer Erfahrung determinieren und hemmen. Mit diesem Erfahrungsaustausch können sie wiederum anderen Impulse geben und sie gleichzeitig für ein Sinneserlebnis im dunklen Raum motivieren. Es geht um die Bewußtmachung der Erlebnismöglichkeiten jedes einzelnen, wobei nicht nur auf die eben gemachte Erfahrung aufgebaut werden muß, da die vorhandenen Situationen auf das alltägliche Leben transponierbar sind.

Benutzen Sie bei Ihrer Arbeit spezielle Methoden, wie sie von der Verhaltensforschung entwickelt worden sind?

Ich arbeite nicht mit der Wissenschaft, sondern mit der Phänomenologie der Erfahrung, also mit dem, was jeder für sich sehen und durchschauen kann. Daß es Parallelen zur Wissenschaft gibt, liegt auf der Hand, da die Wissenschaft ursprünglich von gleichen Voraussetzungen ausgeht. Sie bildet das Rasterbild, dessen Zwischenräume ich füllen will in der Arbeit mit dem Individuum. Ich beschäftige mich -zwar theoretisch- mit der Psychologie, konzipieren aber nicht aus ihr die Aktionen. Der Anfang einer Lernsituation basiert auf eigenen Erfahrungen mit den Vehikeln, also z. B. mit den Plastikfolien und den dunklen Räumen, aus denen sich eine kommunikative Praxis ableitet. Die Kommunikation mit den Aktionsteilnehmern gibt mir erweiterte Erfahrungen über die benutzten Vehikel und über die vorzunehmende Veränderung der Lernsituation, damit sich der Erfahrungsprozeß intensiviert. Die Arbeit an den einzelnen Lernsituationen hat mir gezeigt, daß es für die subjektiven Erfahrungsbereiche eine Art Schema von Störfaktoren gibt, die man durch die einfache Konzeption der Erfahrungssituation reduzieren muß.

Was bedeutet die Bezeichnung " EIAG " ?

Die Silbe El meint das Individuum, AG steht als Klangwert für Handeln, als Motor des El. Das El wird durch das AG in Bewegung gesetzt und wird als EIAG, als handelndes Individuum, wieder selbst zum Motor von Bewegung.

Weshalb ist in dieser ElAG-Formel das Objektvehikel des Handelns nicht enthalten?

Die Vehikel sind nicht festgelegt, an ihnen vollzieht sich nur das EIAG. Jedes Ding kann beliebig je nach der Situation Hilfsmittel kommunikativer Erfahrungsprozesse werden.

Ihr Weg zur Kommunikation der Individuen geht über die Schaffung von freien Erfahrungsräumen. Könnten Sie diese freien Erfahrungsräume näher bestimmen im Sinne einer Definition?

Meine Vorstellung von freien Spielräumen läßt sich an dem geplanten Aktionsprogramm: Die gestrickte Stadt deutlich machen. Die Gestrickte Stadt baut sich aus verschiedenen Erlebnisräumen auf, die über die Sinne erlebbar sind. Dieses Sinneserlebnis ist nicht konsumierbar, sondern wird nur durch Erkennen des Impulses und durch die Initiative des einzelnen Individuums möglich. In dieser Umgebung entstehen dann Situationen der Lernbegegnung zwischen den Menschen und solchen Dingen, die ohne große Schwierigkeit über die Sinne erkannt werden können; z. B. bildet im Tastraum die Überwindung der Angst gegenüber der Dunkelheit, zu der die Aktion helfen kann, die Basis für eine taktile kommunikative Erfahrung, die sich wesentlich vom normalen Erfahrungsvorgang unterscheidet. Die Dunkelheit verwandelt sich aus ihrer gewöhnlichen Rolle als hemmende Barriere in eine Art Vehikel mit der verstärkten Möglichkeit erweiterter sensorischer Erfahrung. Diese taktile Erfahrung läßt sich mit der traditionellen Sprache nur schwer beschreiben, da die Sprache aus der normalen Erfahrung über den Begriffsapparat abgeleitet ist. Normale Erfahrung geht so vor sich, daß sich das Tasterlebnis sofort in die Assoziation mit der Begriffsbestimmung umsetzt. Die intensive, sensorische Erfahrung kann die Begriffsassoziation als primären Verhaltensakt ausschalten und setzt statt dessen die phänomenale Beschreibung des Tasterlebnisses. Diese Artikulation des Tasterlebnisses bringt Erfahrungsaustausch unter den einzelnen Individuen und damit Kommunikation hervor.

In Ihrer Arbeit mit Kindern konnten Sie bei der kommunikativen Gruppenbildung Erscheinungen von Aggressionen nicht ausschalten.

Aggression ist kein Raster von Negativ, sie ist vielmehr eine Art von Alarmstufe und entsteht durch denjenigen, der in die Gruppe hineinkommen will, aber keine andere Möglichkeit zur Gruppenintegration sieht als über die schwere Art der Aggression, die man dann positiv kanalisieren muß. Für diese Kanalisierung der Aggression gibt es kein theoretisches Rezept, sondern sie gelingt nur, wenn man die Bedingung der Situation für alle Beteiligten klar durchschaubar macht. Da Aggression ein Mangel an Wissen über die eigenen Kommunikationsmöglichkeiten sein kann, müssen wir Impuise setzen für eine Eingliederung des aggressiv reagierenden Kindes in die bereits bestehende Gruppe, dabei muß man sowohl die Gruppe als auch das Individuum dazu veranlassen, den Grund der Aggression gemeinsam zu reflektieren.

Warum verstehen Sie Ihre Praxis betont als ästhetische Praxis und nicht als eine Didaktik der Bewußtseinserforschung?

Der Weg über die Erfahrung führt zum Erkennen der vorhandenen Gesetzmäßigkeiten und diese Praxis nenne ich ästhetisch. Ästhetik kann man nicht in ein Begriffsraster übersetzen. Ästhetik ist das freie Sehen ohne den Abstand zwischen Objekt und dem erfahrenden Subjekt. Ich habe gerade um der ästhetischen Praxis willen das Ausstellen von Objekten aufgegeben, weil man dadurch Distanzen setzt im Gegensatz zur kommunikativen Situation des EIAG.



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